Ich kannt' ein seltsam Feenkind

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August Wilhelm Schlegel: Ich kannt' ein seltsam Feenkind Titel entspricht 1. Vers(1801)

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Ich kannt' ein seltsam Feenkind
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Es war so klein und zart,
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Und wechselte wie Luft und Wind
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Gestalt und Sinnesart.

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Dem Feenkinde nur gefällt
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Was Spiel ist bunt und kraus;
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So zog es durch die weite Welt
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Auf Zaubereien aus.

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Es schien ein feiner Knabe bald,
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Und bald ein zierlich Weib;
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Nun knapp umschließt, nun frei umwallt
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Gewand den schlanken Leib.

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Bald wählt sie Edelstein und Gold,
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Der Stickereien Pracht,
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Das Reichste, was die Erde zollt,
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Scheint nur für sie gemacht.

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Doch giebt ihr nichts der fremde Glanz,
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Er leiht den Reiz von ihr:
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Ihr Haar ist der Juwelen Kranz,
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Ihr Arm der Spange Zier.

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Bald, wie die Blumen auf der Au,
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Thut sie auf Schmuck Verzicht,
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Und es beschämt der Augen Blau
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Nur das Vergißmeinnicht.

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Verwandelt und verwandelnd eilt
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Sie weit durch Zeit und Raum.
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Erfreut, betrübt, verwundet, heilt,
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Und wie, das weiß man kaum.

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Jetzt hoch an Sinn und edlem Blut
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Winkt sie, ein Rittersweib,
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Vom Helmbusch ihren Knappen Muth,
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Und fällt des Feindes Leib.

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Als Alpenhirtin scherzt und singt
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Sie munter bei der Müh,
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Und in ihr kleines Hüttchen dringt
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Der Liebe Kummer nie;

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Der jetzo sie in irrem Wahn
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Durch Hain und Wildniß treibt:
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Sie sieht nicht den Geliebten nahn,
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Sie fragt noch, wo er bleibt.

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Im Wunderland als Wilde dann,
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Mit hüpfend leichtem Tritt,
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Neckt sie den eifersücht'gen Mann
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Und alle Männer mit.

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Ist jetzt des Helden liebend Herz,
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Der kühn um Nachruhm wirbt,
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Und flieht als Freiheit himmelwärts,
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Da er für Freiheit stirbt.

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Sie wohnt als fromme Königin
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Im Kerker, still und groß,
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Und jeder stürzte willig hin
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Für sie zum Todeslooß.

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Jüngst kam sie, gramzerrüttet ganz
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Bald trug man dann den Sarg,
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Der unter Blumen, unterm Kranz,
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Das blüh'nde Leben barg.

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Ach, soll's unwiderruflich sein?
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So bangte mir das Herz.
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Zu schaudervoll ist dieser Schein,
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Zu grausam dieser Scherz.

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Doch ist umsonst mit Feenmacht
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Die Holde nicht begabt:
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In frischer Jugend morgen lacht,
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Die eben ihr begrabt.

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Dem Wechsel, der sie sonst erfreut,
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Setzt sie wohl selbst ein Ziel:
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Ein leichter Wink von ihr zerstreut
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Der Bühne Gaukelspiel.

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Klug, sittig, edel, schlingt sie nun
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Der Freundschaft zartes Band.
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Das, sagt' ich, ist ihr wahres Thun,
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Das Ruh hat und Bestand.

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Doch unter Zutraun, unter Scherz,
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Fällt oftmals nebenbei
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Doch der Gedanke mir auf's Herz
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An ihre Zauberei.

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Die feinen Thierchen um sie her
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Bestärken mich darin:
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Sie sind nicht da von ungefähr,
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Das hat geheimen Sinn.

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Wenn in dem Ringe wunderlich
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Ihr schöner Cacadu
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Sich wiegt, und ruft mit Namen sich:
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Jaquot! Jaquot! ihr zu;

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Wenn ihr das Möpschen in's Gesicht
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Aus schlauen Augen gafft,
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Und mit der Pfote bittend spricht,
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Und eifersüchtig klafft;

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Wenn unter der behenden Last
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Das Roß sich stolzer hebt;
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Und jeden ihrer Winke faßt,
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Und ihr zu dienen strebt;

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Dann denk' ich: immer gleich gesinnt
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Sind sie, verwandelt, noch,
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Und tragen um das Feenkind
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Verschmähter Wünsche Joch.

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Drum hüte sich wer sie nur sieht!
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Mit einem Blicke bloß
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Weiß er nicht mehr wie ihm geschieht,
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Und kommt wohl nimmer los.

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Doch warn' ich vor Bezauberung,
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Und bin verzaubert schon?
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Stimmt sie des ernsten Liedes Schwung
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Nicht zum Romanzenton?

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So leg' ich ihr zu Füßen dar,
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Die leichte Melodie,
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Die meines Liedes Inhalt war,
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Und meine Muse, sie.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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