Sanct Lucas sah ein Traumgesicht

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August Wilhelm Schlegel: Sanct Lucas sah ein Traumgesicht Titel entspricht 1. Vers(1798)

1
Sanct Lucas sah ein Traumgesicht:
2
Geh! mach dich auf und zögre nicht,
3
Das schönste Bild zu mahlen.
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Von deinen Händen aufgestellt,
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Soll einst der ganzen Christenwelt
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Die Mutter Gottes strahlen.

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Er fährt vom Morgenschlaf empor,
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Noch tönt die Stimm' in seinem Ohr;
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Er rafft sich aus dem Bette,
10
Nimmt seinen Mantel um und geht,
11
Mit Farbenkasten und Geräth
12
Und Pinsel und Palette.

13
So wandert er mit stillem Tritt,
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Nun sieht er schon Mariens Hütt'
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Und klopfet an die Pforte.
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Er grüßt im Namen unsers Herrn,
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Sie öffnet und empfängt ihn gern
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Mit manchem holden Worte.

19
»o Jungfrau, wende deine Gunst
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Auf mein bescheidnes Theil der Kunst,
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Die Gott mich üben laßen!
22
Wie hoch gesegnet wär' sie nicht,
23
Wenn ich dein heil'ges Angesicht
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Im Bildniß dürfte faßen!« –

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Sie sprach darauf demüthiglich:
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Ja, deine Hand erquickte mich
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Mit meines Sohnes Bilde.
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Er lächelt mir noch immer zu,
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Obschon erhöht zur Wonn' und Ruh
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Der himmlischen Gefilde.

31
Ich aber bin in Magdgestalt,
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Die Erdenhülle sinkt nun bald,
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Die ich auch jung verachtet.
34
Das Auge, welches alles sieht,
35
Weiß, daß ich nie, um Schmuck bemüht,
36
Im Spiegel mich betrachtet. –

37
»die Blüthe, die dem Herrn gefiel,
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Ward nicht der flücht'gen Jahre Spiel,
39
Holdseligste der Frauen!
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Du siehst allein der Schönheit Licht
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Auf deinem reinen Antlitz nicht:
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Doch laß es Andre schauen.

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Bedenke nur der Gläub'gen Trost,
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Wenn du der Erde lang entflohst,
45
Vor deinem Bild zu beten.
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Einst tönt dir aller Zungen Preis,
47
Dir lallt das Kind, dir fleht der Greis,
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Sie droben zu vertreten.«

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Wie ziemte mir so hoher Lohn?
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Vermocht' ich doch den theuren Sohn
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Vom Kreuz nicht zu entladen.
52
Ich beuge selber spät und früh
53
In brünstigem Gebet die Knie
54
Dem Vater aller Gnaden. –

55
»o Jungfrau! weigre länger nicht,
56
Er sandte mir ein Traumgesicht,
57
Und hieß mir, dich zu mahlen.
58
Von diesen Händen aufgestellt,
59
Soll vor der weiten Christenwelt
60
Die Mutter Gottes strahlen.« –

61
Wohlan denn! sieh bereit mich hier.
62
Doch kannst du, so erneue mir
63
Die Freuden, die ich fühlte,
64
So rufe jene Zeit zurück,
65
Als einst das Kind, mein süßes Glück,
66
Im Schooß der Mutter spielte. –

67
Sanct Lucas legt an's Werk die Hand;
68
Vor seiner Tafel unverwandt,
69
Lauscht er nach allen Zügen.
70
Die Kammer füllt ein klarer Schein,
71
Da gaukeln Engel aus und ein,
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In wunderbaren Flügen.

73
Ihm dient die junge Himmelsschaar,
74
Marien lieh zum zweiten Mal
75
Ein Jesuskind des Mahlers Wahl,
76
Um die sie alle warben.

77
Er hatte den Entwurf vollbracht,
78
Nun hemmte seinen Fleiß die Nacht,
79
Er legt den Pinsel nieder.
80
»zu der Vollendung brauch' ich Frist,
81
Bis alles wohl getrocknet ist,
82
Dann, spricht er, kehr' ich wieder.«

83
Nur wenig Tage sind entflohn;
84
Da klopft von neuem Lucas schon
85
An ihre Hüttenpforte;
86
Doch statt der Stimme, die so süß
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Ihn jüngst noch dort willkommen hieß,
88
Vernimmt er fremde Worte.

89
Entschlummert war die Gottesbraut
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Wie Blumen, wann der Abend thaut;
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Sie wollten sie begraben,
92
Da ward sie in verklärtem Licht
93
Vor der Apostel Angesicht
94
Gen Himmel aufgehaben.

95
Erstaunt und froh schaut er umher
96
Die Blick' erreichen sie nicht mehr,
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Die er nach droben sendet.
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Obschon im Geist von ihr erfüllt,
99
Wagt er die Hand nicht an ihr Bild:
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So blieb es unvollendet.

101
Und war auch
102
Und regt' auch
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Ein heiliges Beginnen.
104
Es kamen Pilger fern und nah,
105
Und wer die Demuthsvolle sah,
106
Ward hoher Segnung innen.

107
Vieltausendfältig konterfeit
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Erschien sie aller Christenheit
109
Mit eben diesen Zügen.
110
Es mußte manch Jahrhundert lang
111
Der Andacht und dem Liebesdrang
112
Ein schwacher Umriß gnügen.

113
Doch endlich kam Sanct Raphael,
114
In seinen Augen glänzten hell
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Die himmlischen Gestalten.
116
Herabgesandt von sel'gen Höh'n,
117
Hatt' er die Hehre selbst gesehn
118
An Gottes Throne walten.

119
Der stellt' ihr Bildniß, groß und klar,
120
Mit seinem keuschen Pinsel dar,
121
Vollendet, ohne Mängel.
122
Zufrieden, als er das gethan,
123
Schwang er sich wieder himmelan,
124
Ein jugendlicher Engel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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