Hell gebadet in den blauen Wogen

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August Wilhelm Schlegel: Hell gebadet in den blauen Wogen Titel entspricht 1. Vers(1806)

1
Hell gebadet in den blauen Wogen,
2
Schwebt der herrlichste vom Sternenchor,
3
Schwebt der Tagverkündiger empor,
4
Seine Stirn von goldnem Haar umflogen.
5
Auf die Inseln im Aegäer Meer
6
Lacht von Osten Titan lieblich her,
7
Und entküßt den Thau mit warmen Lippen
8
Paros weißen Marmorklippen.

9
Seht, ein Schiff mit stolzen Schwanenflügeln,
10
Aufgespannt am frischen Morgenwind,
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Gleitet flüchtig durch das Labyrinth
12
Grüner Ufer, die im Meer sich spiegeln.
13
Dort von Naxos kommt es hergeflohn.
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Und begrüßt dich, stille Delos, schon;
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Fröhlich weiht der Schiffer laute Menge
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Deinem Gotte Preisgesänge.

17
Eine Grotte liegt an Naxos Hafen,
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So bequem vom Felsenwall verschanzt,
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So mit braunen Ulmen rings umpflanzt,
20
Daß sich Stürme ließen da verschlafen.
21
In der Grotte ruht ein süßes Kind,
22
Schön wie Nymphen und Dryaden sind,
23
Ruht noch, da des Morgens helle Stunden
24
Alles schon vom Schlaf entbunden.

25
Ihre Wang' umspielt in zarten Flechten
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Blondes Haar, vom Purpurnetze los;
27
Ihre Linke sinkt hinab zum Schooß
28
Und der Nacken ruhet auf der Rechten.
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Würze haucht ihr halbgeschloßner Mund,
30
Und sein Lächeln thut verstohlen kund,
31
Wie sie gestern, von Entzücken trunken,
32
Auf der Liebe Bett gesunken.

33
Und wer ist die Tochter sanfter Freude,
34
Die auf weichem Liebeslager ruht? –
35
Es ist Minos königliches Blut,
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Seines Hofes köstlichstes Geschmeide.
37
Liebe zog aus heimischem Pallast
38
Sie zur See mit einem fremden Gast.
39
Der, als könnten sie Verderben drohen,
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Ihren Armen schlau entflohen.

41
Jetzt erwacht sie, weiß noch nichts von Harme,
42
Giebt nur Ahndungen der Wonne Raum,
43
Und erstreckt, noch halb im süßen Traum,
44
Nach dem Freund die liebevollen Arme.
45
Doch zu spät! sie fühlt die Stelle leer,
46
Sucht und findet keinen Theseus mehr.
47
Schrecken jagt den Schlaf ihr aus den Gliedern,
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Reißt ihn von den Augenliedern.

49
Rasch im Sprunge rafft sie sich vom Bette,
50
Und ihr Blick durchsucht der Höhle Schooß.
51
»theseus! ach, vielleicht zum Scherze bloß
52
Flohest du von meiner Schlummerstätte?«
53
Theseus! ruft sie, aber ohne Frucht;
54
Nur der Nachhall aus der Felsenbucht
55
Seufzet, da sie angstvoll horcht, der Armen
56
Theseus! zu, wie aus Erbarmen.

57
Losgegürtet, alles Schmucks entladen,
58
Nackten Fußes, läuft sie ohne Sinn,
59
Irrt am Strande zwischen Dornen hin,
60
Scheuet nicht, den Triebsand zu durchwaten.
61
Nun erklimmet sie die steilste Höh',
62
Vor ihr liegt die unbegränzte See;
63
Rings, so weit ein Auge spähen konnte,
64
Spähet sie am Horizonte.

65
Und sie sieht in den azurnen Fernen
66
Noch des Schiffes Segel, an der Luft
67
Wallend, und im feuchten Morgenduft
68
Halb verschwindend, gleich umwölkten Sternen.
69
»theseus! rudre wieder an den Strand!
70
Schau, dein Schiff ist noch nicht voll bemannt!
71
O wie hast du die nicht mitgezählet,
72
Die du dir, die dich erwählet.

73
Willst du ohne sie die Flut durchmeßen,
74
Die dir Rettung, Lieb' und alles bot?
75
Jener Tag des Kampfes und der Noth
76
Und dein Schwur, ist alles schon vergeßen?
77
Arger Flüchtling! listiger Barbar!
78
Fluch sei dir und deiner Räuberschaar;
79
Darum nur entlocktest du, Verräther,
80
Mich den Sitzen meiner Väter?«

81
Kaum noch rief sie so, da schwand im Meere
82
Mit dem Schiff die letzte Hoffnung hin.
83
Nun erst wog ihr übermannter Sinn
84
Ruhig ihres Elends ganze Schwere.
85
Matt und stumm gelehnt an einen Stein
86
Scheint sie selbst ein Marmorbild zu sein,
87
Bis, die bange Seele zu entladen,
88
Thränen ihr die Augen baden;

89
Bis sie leise stöhnend ihre Klagen
90
In die Winde lispelt: Wehe mir!
91
Ausgeworfen auf dieß Eiland hier,
92
Einsam, hülflos, soll ich nicht verzagen?
93
Wehe mir! so weit mein Auge schaut,
94
Ist die Insel öd' und unbebaut:
95
Nirgends seh ich Rauch aus fernen Hütten,
96
Nirgends Spur von Menschentritten.

97
Keine Gärten seh' ich, keine Felder,
98
Keine Frucht, die Nahrung mir verspricht:
99
Um die hohen Felsenscheitel flicht
100
Sich allein das Schwarz der Tannenwälder.
101
Horch! wie fürchterlich der Waldstrom braust!
102
Und, wer weiß, wie manches Raubthier haust,
103
Schon mich witternd, und erhitzt auf Würgen,
104
Rings in Thälern und Gebirgen.

105
Goldne Sonne! goldner Tag des Lebens!
106
Labst du mich zum letzten Male schon?
107
Gute Götter! gilt vor eurem Thron
108
Kein Erbarmen? Alles Flehn vergebens?
109
Muß ich, ohne Trösterin und Freund,
110
Ohn' ein Auge, das mich sanft beweint,
111
Ohne Hände, die mich fromm bestatten,
112
Wandeln zu des Orkus Schatten?

113
Fluten bannen mich von deinen Gränzen,
114
Creta, süßes Land das mich gebar!
115
Wo ich sonst der Mädchen frohe Schaar
116
Angeführt bei Spiel, Gesang und Tänzen?
117
Aber liehe mir auch Dädalus
118
Seine Flügel, könnte mich mein Fuß
119
Leicht und sicher über Meere tragen,
120
Dennoch müßt' ich dir entsagen.

121
Denn, wie könnt' ich wohl vor Minos Grimme,
122
Vor den Wolken seiner Stirn bestehn?
123
Hab' ich nicht ihn richtend sitzen sehn,
124
Und gebebt beim Schelten seiner Stimme.
125
Ich verschwur um Liebe Sitt' und Recht,
126
Schändete mein göttliches Geschlecht,
127
Schonte nichts im Himmel und auf Erden,
128
Eines Sklaven Weib zu werden.

129
Eines Sklaven, den sein Looß zur Speise
130
Einem Ungeheuer übergab;
131
Der geworfen war, wie in ein Grab,
132
In des Labyrinths verborgne Kreiße;
133
Den mein Wort Erlösung hoffen ließ,
134
Als ihn Heil und Hoffnung schon verließ;
135
Dem ich mich zur Rückkehr von den Todten
136
Kühn zur Führerin geboten.

137
Damals klang, um meinen Sinn zu weiden,
138
Seine Schmeichelrede süß und schön:
139
»komm, und sei Gebietrin von Athen!
140
Wähle mich zum Diener deiner Freuden!
141
Sieh! es soll ein goldnes Brautgemach
142
Unter Aegeus väterlichem Dach,
143
Längst geweiht zur Freude, dich empfangen,
144
Stolz mit seinem Kleinod prangen.«

145
Aber treulos nun und ohn' Erbarmen
146
Giebt er mir den bittern Tod zum Lohn,
147
Und verspottet wohl mich Arme schon,
148
Hoch beglückt in einer Andern Armen.
149
Allzugrausam, Theseus, warst du mir;
150
Mag es sein, daß Ariadne dir
151
Unwerth schien, um deine Hand zu werben:
152
Muß sie darum schmählich sterben?

153
Zwar zum Königsdiadem geboren,
154
Und erzogen unter Lust und Pracht,
155
Hätt' ich doch, statt meiner stolzen Tracht,
156
Einer Sklavin Hülle mir erkoren:
157
Jenem Weibe, das dein Herz besitzt,
158
Hätten diese Hände wohl genützt,
159
Hätten, ihren schönen Leib zu pflegen,
160
Ihr Gewänder sticken mögen.

161
Ariadne! ach, du bist gefallen,
162
Bist in Schmach gesunken! wehe dir!
163
Du vordem des Mutterlandes Zier,
164
Hoch und herrlich vor den Mädchen allen!
165
Schwestern! nie erfahrt was ich erfuhr:
166
Daß euch' trüg' ein leicht verwehter Schwur,
167
Amors Fackel Hymens Fest verkünde,
168
Und den Scheiterhaufen zünde.

169
Also klagte die verlaßne Schöne:
170
Die durchbohrte, liebekranke Brust
171
Hing am Schatten der verlornen Lust,
172
Und in Seufzer schmolzen alle Töne. –
173
So erweicht, ihr Götter, euch kein Flehn?
174
Soll sie hier am öden Strand vergehn?
175
Soll sie, weggerißen von der Erden,
176
Spiel der Wind' und Wellen werden?

177
Sieh! schon jaget mit verhängten Zügeln
178
Phöbus nah am Ziele seiner Bahn;
179
Dunkler strecken auf den Wiesenplan
180
Schatten sich von leichtbebüschten Hügeln?
181
Ariadne kennt nicht Rast noch Ruh,
182
Jetzo eilt sie dem Gestade zu,
183
Jetzt verbirgt sie sich mit trüber Seele
184
In den Grund der Felsenhöhle.

185
Aber horch! von was für lauten Stimmen
186
Wird die Klage plötzlich überschallt?
187
Voll Getümmels wird der nahe Wald,
188
Alles scheint in neuem Glanz zu schwimmen.
189
Bacchus lenkt heran sein Tigerpaar,
190
Bacchus naht, umringt von seiner Schaar;
191
Eines Pardels Fell um seine Lenden,
192
Einen Thyrsus in den Händen.

193
Bacchus liebt in öden Waldrevieren,
194
Liebt auf Klippeninseln, dort und da,
195
Thasos, Chiós und Ortygia,
196
Seine wilden Reigen aufzuführen.
197
Das Gebirg, von Ulmen überschirmt,
198
Das sich hoch auf Naxos Mitte thürmt,
199
Bot ihm heute, bei des Tages Schwüle,
200
Seinen Schooß voll Ruh und Kühle.

201
Jetzo, bei des Abends milderm Strahle,
202
Hatt' er mit erhöhter Jugendkraft
203
Sich vom Rasenbett' emporgerafft,
204
Und den Zug hinabgewandt zum Thale,
205
Wo er oft am Wiesenborn die Nacht
206
Bei dem Fest der Trauben durchgewacht;
207
Wo er oft, wenn schon der Morgen glänzte,
208
Den Pokal mit Schaum bekränzte.

209
Als er nun das schöne Weib in Trauer
210
Hier an diesem wüsten Ort erblickt,
211
Hält er plötzlich still und schaut entzückt,
212
Und sein Herz erbebt in süßem Schauer.
213
»schau, Silen! erkennst du die Gestalt,
214
Welche dort mit leichtem Tritte wallt,
215
Jene dort im flatternden Gewande
216
An dem flutumrauschten Strande?

217
Wuchs und Größe, wie voll Würd' und Adel!
218
Wie viel Reiz um Nacken, Brust und Leib!
219
Sahest du auf Erden je ein Weib
220
So wie diese sonder Fehl und Tadel?
221
Ha, fürwahr! das sag' ich ohne Spott:
222
Schöner gieng mit ihrem lahmen Gott
223
Selbst Cythere nicht zur Hochzeitskammer.
224
Doch sie scheint voll Weh und Jammer.

225
Sieh, als ob mit ihr der Himmel zürne,
226
Wendet flehend sich ihr Aug' empor,
227
Und es wölkt sich, wie ein düstrer Flor,
228
Sorg' und Leid um ihre blaße Stirne.
229
Ach, es schleuderte vielleicht ihr Schiff
230
Sturm und Brandung an das Felsenriff,
231
Und sie hat, dem wilden Meer entronnen,
232
Einsam diesen Strand gewonnen.

233
Nein, noch soll ihr Leben nicht den Adern,
234
Nicht der Odem ihrem Mund' entfliehn!
235
Sie der Macht des Hades zu entziehn,
236
Wollt' ich selbst mit dem Verhängniß hadern;
237
Und schon eil' ich zu der Dulderin,
238
Schenk' ihr Trost und neubelebten Sinn,
239
Bringe nach dem Sturm ihr Frühlingswetter,
240
Bringe mich ihr zum Erretter!

241
Aber keiner folge meinem Schritte,
242
Von euch Satyrn und Thyaden nach!
243
Bleibt allhier und kühlt an diesem Bach
244
Eure Becher nach gewohnter Sitte!
245
Schrecken sollt ihr nicht mit tollem Schwarm
246
Die Verlaßne dort in ihrem Harm;
247
Sollet ihre Klag', ihr leises Stöhnen
248
Nicht durch euren Jubel höhnen.«

249
Bacchus sprach's, und schwang sich leicht vom Wagen,
250
Gieng und stand nun, Ariadnen nah,
251
Wie ein milder Friedensherold da,
252
Hülfe, Schutz und Heil ihr anzutragen.
253
Staunend sah sie ihn; ihr scheuer Blick
254
Wich vor seinem Götterglanz zurück,
255
Und sie fiel mit sittsamen Geberden
256
Bebend vor ihm hin zur Erden.

257
Doch es tönte von des Jünglings Lippen
258
Diese Rede sanft und traulich ihr:
259
»welche Stürme, Holde, sage mir!
260
Warfen dich an dieses Eilands Klippen?
261
Sei getrost! bald sollst du doppelt schön
262
Das verlorne Land der Heimat sehn,
263
Bald des theuren Vaters Hals umfangen,
264
Und am Kuß der Mutter hangen.« –

265
›ach, auf ewig ist für mich verloren
266
Wiederkehr, Geschlecht und Vaterland!
267
Aller Zorn ist gegen mich entbrannt,
268
Und zum Elend bin ich auserkoren.‹ –
269
»wie? so wars kein Sturm, der dich verschlug?« –
270
›nein, es war der Menschen Haß und Trug!‹
271
»wer, o wer kann so viel Schönheit haßen,
272
Kann so grausam sie verlaßen?« –

273
›laß mein Leiden, weil von ihm der Willen
274
Und die Macht von keinem Gott mich löst,
275
Weil mein Herz doch nimmermehr genest,
276
In verschwiegner Seele mich verhüllen!‹
277
»nein, du Holde! kommt auch Trost und Rath
278
Allzuspät nach schon geschehner That:
279
O so mag's den kranken Geist doch weiden,
280
Auszuströmen seine Leiden!«

281
Also sprach er, und des Gottes Bitten
282
Schlichen zauberisch sich in ihr Ohr,
283
Lockten ihr Geständnisse hervor,
284
Gegen die noch Scham und Wehmuth stritten.
285
Halb errathen ließ ihn-ihr Geschick
286
Ihr gebrochner Ton, ihr matter Blick;
287
Unter Seufzern, Zeugen ihrer Schmerzen,
288
Quoll die Red' aus ihrem Herzen.

289
»o des Argen! So dich zu verlaßen!«
290
Bacchus rief's, und hielt vor Zorn sich kaum;
291
»mag er fliehn bis an der Erde Saum,
292
Meine Rache soll ihn dennoch faßen!
293
Aber nun, o Nymphe, schone dein!
294
Er vergaß dich: so vergiß auch sein!
295
Laß mich dir den süßen Becher mischen,
296
Und dein mattes Herz erfrischen!«

297
Sprach's und bot ihr dar vom Saft der Traube.
298
Längst durchlief ihn schon geheime Glut;
299
Seine Schläfe schwellte reges Blut
300
Unter krausem kühlen Rebenlaube.
301
Funken blitzten von den Augen ihm,
302
Mit des heißen Durstes Ungestüm
303
Lüsterte den schönen Götterknaben
304
Nach der Liebe süßen Gaben.

305
Und schon hielt sein Arm sie fest umschlungen,
306
Und im Kuße, voll verwegner Lust,
307
Haucht' er Flammen in die junge Brust,
308
Die noch kaum mit Qual und Angst gerungen.
309
Was sie jüngst des Aegeus Sohn erlaubt,
310
Ward ihr leicht von einem Gott geraubt:
311
Einmal schon verstrickt in Amors Bande,
312
War sie schwach zum Widerstande.

313
Während Bacchus so in stiller Grotte
314
Aphroditens goldne Früchte stahl,
315
Harrt' auf ihn am Wiesenborn im Thal
316
Zechend seine weinbelaubte Rotte.
317
Ahndung von des Gottes hoher Lust
318
Hatte jetzt gewaltig jede Brust
319
Uebermannt, sich jedes Sinns bemeistert,
320
Alle Zungen wild begeistert.

321
Evoë, du starker Nymphenzwinger!
322
Also scholl ihr Dithyrambus laut,
323
Jubel deiner göttergleichen Braut,
324
Und Triumph dir, großer Thyrsusschwinger!
325
Hast du nicht sie glorreich unterjocht,
326
Daß ihr zartes Herz voll Inbrunst pocht,
327
Daß, von tausend Wonnen überschüttet,
328
Lispelnd sie um Gnade bittet?

329
Doch du selbst, Gigantenüberwinder,
330
Gabst dem Mädchen dich entwaffnet hin.
331
Ha! gefeßelt hat sie Kraft und Sinn
332
Dir, du wunderstarker Sinnenbinder!
333
Lechzend pflückst du was ihr Mund dir beut,
334
Diese Frucht voll reiner Süßigkeit.
335
Gleicht die Traub' in Chios Weingefilde,
336
Gleicht sie ihrem Kuß an Milde?

337
Preis dem Bacchus! Tanzt im Festgetümmel,
338
Evoë! und schwingt den Thyrsusstab,
339
Tanzet hügelauf und thalhinab!
340
Unsre Feier schalle bis zum Himmel.
341
Seht, schon tanzt den hochzeitlichen Chor
342
Luna uns mit heller Fackel vor!
343
Evoë! wie an den lichten Höhen
344
Jauchzend sich die Sterne drehen!

345
So erklang an Naxos Felsgestaden
346
Jubel, Paukenschlag und Cymbelschall.
347
Nymphen wachten auf am Waßerfall,
348
Staunend horchten rings die Oreaden.
349
Fortgewirbelt von des Taumels Flut
350
Sprang die Mänas; voll der raschen Wuth,
351
Lärmend mit Krotalen und Posaunen,
352
Sprangen krausgelockte Faunen.

353
Milde duftend thaute nun der Morgen,
354
Schwächer blinkte der Plejaden Chor;
355
Ariadne wankte still hervor
356
Aus der Gruft, die Bacchus Kampf verborgen.
357
Sie auf ihn nachläßig hingelehnt;
358
Er, durch frohen Siegerstolz verschönt,
359
Strebt die Wölkchen, die ihr Aug' umdüstern,
360
Wegzuschmeicheln, wegzuflüstern.

361
»ariadne! Geberin der Wonne!
362
Sterblichen geziemt der Kummer nur:
363
Aber du, bei meinem höchsten Schwur!
364
Sollst unsterblich glänzen wie die Sonne.
365
Stammst du nicht aus meines Vaters Blut?
366
Auf dann! komm und hege Göttermuth!
367
Führen will ich dich zu Jovis Throne,
368
Gottheit fodern dir zum Lohne;

369
Dir zum Lohne will ich Gottheit fodern,
370
Ew'ge Schönheit, ew'gen Jugendglanz;
371
Deiner Scheitel halbverwelkter Kranz
372
Soll zum Denkmal bei den Sternen lodern.«
373
Also sprach er; ihn und seine Braut
374
Grüßten neue Dithyramben laut.
375
Beide wurden auf beschwingtem Wagen
376
Zum Olymp emporgetragen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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