Vom Himmel kommt ein hohes Weib geschritten

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August Wilhelm Schlegel: Vom Himmel kommt ein hohes Weib geschritten Titel entspricht 1. Vers(1800)

1
Vom Himmel kommt ein hohes Weib geschritten,
2
Zur Linken weder schauend noch zur Rechten;
3
Ruh ist und Maß in ihren festen Tritten,
4
Die unabirrend gehn die Bahn des Rechten;
5
Sie scheint nicht zu befehlen, noch zu bitten,
6
Doch wenn sie spricht, kann niemand mit ihr rechten.
7
Zu ihren Füßen decken Cherubinen
8
Sich mit den Flügeln, brünstig, ihr zu dienen.

9
Noch Kranz noch Diadem am Haupt ihr prangen,
10
Die Mitra ist der Stirnen aufgedrückt;
11
Ihr Leib, vom schlichten Kleide streng umfangen,
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Mit priesterlichen Zeichen nur geschmückt.
13
Die Stola sieht man von den Schultern hangen,
14
Die Taub' im Dreieck auf der Brust gestickt.
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Der Stab, den sie als Hirtenstab geneiget,
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Das Purpurkreuz im Banner oben zeiget.

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Ihr Weg ist nach der Griechen Land gerichtet,
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Auf des Parnassus fabelhafte Höhn,
19
Wovon so viel die eitle Welt gedichtet:
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Dort waren einst die Eitelkeiten schön.
21
Apollos alter Dienst ist längst vernichtet,
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Daß dürr, verwildert seine Haine stehn;
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Getrübt ihr Waßer den berühmten Bornen,
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Die murrend schleichen unter Sumpf und Dornen.

25
Hier sind, verschmäht, die Künste hingeflohen,
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Und läßig ruht nun die geübte Hand,
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Seit hingestürzt die Götter und Heroen,
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Auf deren Dienst sie allen Fleiß verwandt.
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Das Hohe sank, das Niedre ward zum Hohen:
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Sie glauben sich auf ewig schon verbannt,
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Weil jeder Blick, vom Sinnentrug entblendet,
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Sich sehnend nur nach Geist und Wahrheit wendet.

33
Zerrißen ist ihr Regenbogenschleier
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Der Mahlerei, vertauscht mit düsterm Flore,
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Und halb entsaitet der Musik die Leier;
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Gespalten tönen dumpf der Syrinx Rohre;
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Die Bildnerei entbehrt Prometheus Feuer;
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Es sitzt die stolzeste vom ganzen Chore,
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Architectur, wie Niobe versteinet,
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Auf Steinen, deren Umsturz sie beweinet.

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Und wie sie so im Grame sich versenken,
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Tritt jene Hehre mitten unter sie,
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Und spricht: Euch ziemte, andres zu bedenken;
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Was ihr bejammert, kehret wieder nie.
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Ein tiefres Weh sollt' eure Herzen kränken,
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Weil euer Zauber Reiz der Sünde lieh,
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Und weil ihr auf des Irrthums Schlangenpfade
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Die Sterblichkeit verlockt vom Ziel der Gnade.

49
Doch säßt ihr tausend Jahr in Asch' und Staub,
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Schmucklos, das Haar zerstreut, mit nacktem Fuße:
51
Ersetzt wird nie dem Himmel euer Raub,
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Durch Thaten übt ihr eine beßre Buße.
53
Ihr waret stolz auf eures Lorbeers Laub,
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Die Palme winket euch mit schönerm Gruße.
55
Verlorne Schwestern, weiht euch meinem Dienste,
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So führ' ich euch zu himmlischem Gewinnste.

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Sie sagt's, und staunend horcht ihr jede Nymphe,
58
Sie saßen sinnend ihr nachdrücklich Wort.
59
Erröthend erst, daß ihren Ruhm zum Schimpfe
60
Wahrheit verwandelt, flöh'n sie gerne fort;
61
Dann, aufgemuntert von dem ernsten Glimpfe,
62
Sehn sie in ihr ein neues Heil und Hort,
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Und flehn fußfällig daß sie möge lehren
64
Ganz ihr zu leben, und sie recht zu ehren.

65
Sie sprach: Ihr wißt, wie, die für Götter galten,
66
Der Völker Weltlichkeiten, mit Verspotten
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Die ersten Jünger Christs Empörer schalten,
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Bemüht, mit jeder Qual sie auszurotten.
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Sie mußten auf der flucht Versammlung halten,
70
Bei Nacht in Gräbern oder Felsengrotten,
71
Wo die vor der Tyrannen Drohn Verstummten
72
Nur leise Hymnen und Vigilien summten.

73
Doch Feinde fördern selbst was Gott beschloßen:
74
Erlittnes Kreuz erhöhte nur das Kreuz.
75
Das Blut der Märtyrer hat es begoßen,
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Und wie ein Baum erwuchs das dürre Kreuz.
77
Roms Adler kam raubgierig angeschoßen;
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Sein blut'ger Schnabel küßt nunmehr das Kreuz,
79
In dessen Schatten fromme Millionen
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Vom Aufgang bis zum Niedergange wohnen.

81
Drum ziemt es sich, daß Jubelstimmen schallen,
82
Wo sich Gemeinden Gläubiger vereinen.
83
Der Drangsal Höhlen wurden Siegeshallen,
84
Da muß des Heiles Sonne sichtbar scheinen.
85
Nicht, weil sie sich in goldner Pracht gefallen:
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Einfalt und Demuth lehrte Christ die seinen,
87
Nein, daß vom himmlisch geistigen Exempel
88
Ein Bild und Abglanz sei der ird'sche Tempel.

89
Denn in den licht-ätherischen Bezirken,
90
Wovon nur Dämmerung hier unten graut,
91
Hat sich die Gottheit mit allmächt'gem Wirken
92
Ein heil'ges Haus, geräumig gnug, erbaut,
93
Die ganze Welt der Geister zu umzirken,
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Die sich in ihrem Anschaun selig schaut.
95
Es strahlt der Bau in allerreinster Klarheit,
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Und ruhet auf Grundvesten ew'ger Wahrheit:

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Die bis in unerforschte Tiefen reichen,
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Wo Dasein gränzet an die alte Nacht.
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Der Hölle Pforten müßen ihnen weichen,
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Und hier verliert Vergänglichkeit die Macht.
101
Gerechtigkeit und Stärke sonder Gleichen
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Als Maur und Graben den Pallast bewacht;
103
Der Weisheit Stufen sich zu ihm erheben,
104
Und Mäßigung macht rings den Boden eben.

105
Aus Glauben sind die stützenden Pilaster.
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Und zur Umgebung will die Liebe dienen:
107
Die Säulen prangen weiß von Alabaster,
108
Die Wände glühn mit flammenden Rubinen;
109
Die Hoffnung zieret mit smaragdnem Pflaster
110
Die Gäng' im Tempel, und hoch über ihnen
111
Sieht man das Dach aus wölbenden Sapphiren
112
Sich in der Gnade Mittelpunkt verlieren.

113
An diesem Hof des himmlischen Monarchen
114
Ist jeglicher nach Würd' und Rang begnadet.
115
Erst Herrlichkeiten, Thronen, Hierarchen,
116
Die ihrem Ursprung nie durch Wahl geschadet;
117
Auf goldnen Stühlen Aeltste, Patriarchen:
118
Die Märtyrer, in Blute weiß gebadet;
119
Dann, bis hinunter zu den kaum Gebornen,
120
Die durch das Kreuz erretteten Verlornen.

121
Doch, wo sie hingeordnet, nah und fern,
122
In allen lebet Eine Lieb', Ein Willen;
123
Und jedem frommen Chore gnügt es gern,
124
Den ew'gen Durst nach seiner Art zu stillen.
125
Kein Mißlaut rührte je das Ohr des Herrn,
126
Wenn ihren Lippen Lobgesäng' entquillen,
127
Wenn wechselnde vielstimm'ge Psalmodieen
128
Durch Himmelsdüfte, hold verschwistert, ziehen.

129
Stets »dreimal heilig« dem Dreieinen schallet,
130
Preis seiner Tochter, Mutter, Braut, Maria.
131
Der einst zu ihr als Bot' herabgewallet,
132
Huldigt so süß entzückt: Gegrüßt, Maria!
133
Daß es aus aller Herzen wiederhallet,
134
Von gleicher Lieb' entglüht: Gegrüßt, Maria!
135
Gebetes Weihrauch wölkt sich auf zum Dome,
136
Und jeder sprengt sich aus krystallnem Strome.

137
Und der, ein Gott, geboren ward vom Weibe,
138
Ist zwiefach gegenwärtig unter ihnen;
139
Tränkt sie und speist mit seinem Blut und Leibe,
140
Geheimnißvoll sich opfernd selbst zu sühnen,
141
Wo sich der erste Seraph nur: ich gläube,
142
Nicht: ich begreif's, zu sagen darf erkühnen.
143
So wird im Tag, den keine Nacht umschleiert,
144
Des hohen Tempels reiner Dienst gefeiert.

145
Wohlan! ihr Künste! es gebiert euch wieder,
146
Wenn ihr mein Thun hienieden würdig ziert,
147
Wenn ihr vom Himmel auf die Erde nieder
148
Die Heiligkeiten, bildlich deutend, führt.
149
Schon regt in euch Begeistrung ihr Gefieder,
150
Vernehmt denn, wie sich jegliches gebührt,
151
Daß ihr, vom Ueberschwenglichen verwirret,
152
Nicht bei den ungewohnten Flügen irret.

153
Form und Verhältniß darfst du nicht vertauschen
154
Zu deinem neuen Zweck, Architectur,
155
Die du, voll Sinn, verstanden abzulauschen
156
Gebilden herrlich bauender Natur.
157
Wie Harmonie'n in Harmonieen rauschen
158
Gebrauch in höherem Verein sie nur;
159
Vergiß und laß vergeßen aller Schranken
160
Die auf das Ew'ge zielenden Gedanken.

161
Kein Götterbild soll hier im Dunkel thronen,
162
Von fern verehrt in schauerlicher Pracht;
163
Kein andres, heitrer, wie im Freien wohnen,
164
Von Säulen nur umringt, und überdach't,
165
Dem draußen, unter eines Haines Kronen,
166
Die Opferflammen würden angesagt.
167
Nein, zahllos soll die betenden Gemeinden
168
Der lichte doch geschloßne Bau befreunden.

169
Laß deine Hallen denn des Volkes Wellen
170
In breitem, ungehemmtem Strom empfangen;
171
Bühn' über Bühne laß den Chören schwellen,
172
Und die Altäre hoch erhaben prangen;
173
Dem Tempel gieb als Kinder rings Kapellen,
174
Einsamer Andacht stiller nachzuhangen;
175
Und laß, wetteifernd mit den Sterngewölben,
176
Den hohen Dom sich in der Mitte wölben.

177
Und solch Gebäu erfüllend zu durchdringen,
178
Wölb' auch, Musik! der Töne reichen Bau.
179
Verhältniß aus Verhältniß laß entspringen,
180
Gesondert, wechselnd, doch vereint genau.
181
Wie alle Sphären rein zusammen klingen,
182
Doch jede Kugel aus krystallnem Blau
183
In eignem Ton: so mußt du in Gewittern
184
Der Harmonie die Seelen tief erschüttern.

185
Der Himmel wird dir eine Heil'ge leihn
186
Zur Führerin von deinen vollen Chören:
187
Es wird der Lieder vielverschlungnen Reihn
188
Durch neue Kunst Cäcilia hold beschwören.
189
Der Menschen Stimmen tragend im Verein
190
Wird ihrem Druck aus den metallnen Röhren
191
Ein süßer Hauch des Wohllauts athmend steigen,
192
Und sich mit jenen heben oder neigen.

193
Ihr aber, der Gestalten Bildnerinnen
194
Mit Meißel oder Pinsel, seid bemüht
195
Mit neuem und wahrhaftigem Beginnen
196
Um das, was Zion gegenwärtig sieht,
197
Was hier der Fromme nur im Traum wird innen,
198
Wenn seinem Wunsch ein innres Licht entglüht.
199
Zeigt ihnen jedes würd'ge Haupt der Väter,
200
Apostel, Märtrer, Heil'gen, Wunderthäter,

201
Und Jene selbst, die unter ihrem Herzen
202
Hat Gottes Sohn getragen, und den Sohn.
203
Ihn bilde du, Sculptur, aus weichern Erzen,
204
(doch selbst das härtste würde weich wie Thon)
205
Wie er gebüßt mit namenlosen Schmerzen
206
An seinem reinen Leib der Sünde Lohn,
207
Und wie, noch schön in halbverwelkter Schöne,
208
Am Kreuze hieng die Zier der Menschensöhne.

209
Laß, Mahlerei! statt unter den Gedichten
210
Der Sinnenwelt dich spielend zu ergehn,
211
Die schönsten Wunder geistlicher Geschichten
212
Von neuem unter deiner Hand geschehn.
213
Was jede Seel' erquickt in den Berichten,
214
Laß glänzend und genetzt die Augen sehn.
215
Der alt' und neue Bund sammt den Legenden
216
Ermahne sprechend von der Tempel Wänden.

217
Mit deinen Werken wird dein Ruhm sich häufen,
218
Dir widmen sich viel trefflich hohe Geister.
219
Selbst Ordensbrüder in der Zell' ergreifen
220
Dein Werkzeug, durch entzückten Eifer dreister.
221
Doch, wie du magst durch Land' und Zeiten streifen,
222
Zwei bleiben dennoch die erkohrnen Meister:
223
An ihren Namen sollst du sie erkennen,
224
Weissagend will ich sie nach Engeln nennen.

225
Nach Michael, der einst, von Muth beflügelt,
226
Sieghaft den Drachen in die Tiefe warf,
227
Wird jener heißen, den die Furcht nie zügelt,
228
Und dessen Geist wie Blitze rasch und scharf.
229
Durch seines Pinsels Züge wird entsiegelt,
230
Was bange Sterblichkeit kaum ahnden darf:
231
Des Heilands Kunft, die weckenden Posaunen,
232
Des Todes Tod, und der Natur Erstaunen.

233
Und Raphael, ein Engel von den sieben,
234
Die vor Gott stehn, der doch bescheidentlich
235
Verborgen dem Gefährten war geblieben,
236
Dem er zum Boten treu erboten sich,
237
Und als der Dank für sein hülfreiches Lieben
238
Nun überfloß, mit leisem Wort entwich;
239
Der, wollt' er gleich sich ganz als Mensch erweisen,
240
Genähret ward von unsichtbaren Speisen:

241
Er leiht den Namen einem holden Strahle
242
Der Lieb' und Kunst, den still ein Jüngling heget.
243
Als ob mit Geist er, nicht mit Farben mahle,
244
Wird tiefre Seel' in jeden Zug geleget.
245
Oft ladet er die Andacht zu dem Mahle,
246
Wo hohes Antlitz, reiner Blick sie pfleget,
247
Wo jenes Weib erscheint, der Gottheit Freude,
248
Ihr Kind die ihr', und aller Wesen beide.

249
So eilt, ihr Schwestern, und verschmäht mit nichten
250
Den kleinsten Ort: jedennoch müßt ihr euch
251
Vor andern gern der großen Stadt verpflichten,
252
Der weltlich einst, nun geistlich keine gleich;
253
Und in der Stadt euch auf den Tempel richten,
254
Den jene Schlüßel öffnen, die im Reich
255
Des Himmels lösen können oder binden.
256
Dort sollt ihr mich, euch Beifall winkend, finden.

257
Die Hohe sprach's, und wandte sich zum Himmel,
258
Von wannen sie herabgekommen war.
259
Nun regte sich mit freudigem Gewimmel
260
Zu neuen Thaten die vereinte Schaar.
261
Sie stellten in dem irdischen Getümmel
262
Manch heil'ges Werk mit reinem Streben dar!
263
Wie das, wovon es Gleichniß, überschwänglich;
264
Wie die, so es geboten, unvergänglich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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