O goldne Zeit, auf ewig hingeschwunden!

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August Wilhelm Schlegel: O goldne Zeit, auf ewig hingeschwunden! Titel entspricht 1. Vers(1797)

1
O goldne Zeit, auf ewig hingeschwunden!
2
Wie süß bethört es, deine ferne Spur
3
In alter Sänger Sprüchen zu erkunden!
4
Da hauchte stets des Frühlings Milde nur,
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Und es gedieh (so lehrt die heil'ge Sage)
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Freiwillig alle Füll' im Schooß der Flur.
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Noch Krankheit kannten sie, noch Furcht, noch Klage;
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In süßer Ruhe, brüderlich gesellt,
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Verlebten sie des gleichen Lebens Tage.
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Nie alternd blühte jene frühe Welt;
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Sie starben, wie dem Schlummer hingegeben,
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So wie die reife Frucht vom Baume fällt.
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Wo kein Gebot, war auch kein Widerstreben:
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Des alten Kronos väterlichen Thron
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Schien Liebe nur zu gründen und zu heben.
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Viel Zeiten waren wechsellos entfloh'n,
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Und ach! sie zählte niemand: da entflammte
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Begier nach Thaten seinen kühnen Sohn.
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Des Vaters Haupt vom stillen Herrscheramte
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Zu bannen rang, unruhig, das Geschlecht,
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Das mit dem Zeus aus Rheas Schooße stammte.
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Doch die Titanen stehn für Kronos Recht.
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So trennten sich die himmlischen Gewalten,
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Und weltverheerend tobte das Gefecht.
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Das Licht erlosch, des Himmels Vesten hallten,
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Die Erde wankt', als ob zum Tartarus
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Hinab ein jäher Riß sie sollte spalten.
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Sonst ruhig in sich kreißend, schwoll der Fluß
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Okeanos aus seines Bettes Tiefen,
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Und brach herein mit brausendem Erguß.
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Unendlich war ihr Kampf; vergebens riefen
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Sie der Entscheidung, Kraft an Kraft gebannt,
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So lang des Donnrers neue Blitze schliefen.
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Kaum aber warf aus allgewalt'ger Hand
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Zeus seine tausend sturmbeschwingten Wetter,
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Gekrach und Dampf und unauslöschbarn Brand:
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So stürzten die Titanen, ohne Retter,
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Betäubt, geblendet, in die öde Nacht,
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Und Götter wurden Sieger über Götter.
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Hoch thront nun im Olymp Kronions Macht,
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Den Raub der Welt vertheilt er seinen Treuen,
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Des bangen Erdenvolks wird nicht gedacht.
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Da des Verderbens Wolken sich zerstreuen,
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Und, wer entronnen, aufwacht zum Gefühl,
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Erstarrt ihr Blick auf grausen Wüsteneien.
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Wo sonst des Lebens fröhliches Gewühl
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Entzückend webte, wo bethaut von Düften,
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Nur Liebe flüsterte, nur Scherz und Spiel:
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Da lauert jetzt in düstern Felsengrüften
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Das Raubthier, einsam schallt des Hungers Schrei,
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Verloren zwischen unwirthbaren Klüften.
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Nichts blieb vom Fluche der Zerrüttung frei;
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Das Friedlichste verwildert, blut'ge Sitte
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Führt, ehern, das Gesetz der Noth herbei.
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Die Furcht beherrscht des Menschen irre Tritte.
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Er schmachtet durstig in des Sommers Glut,
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Ihn schirmt vor Frost kein Lager, keine Hütte.
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Selbst die Erinnrung vom entfloh'nen Gut
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Erliegt des Elends lastendem Gewichte,
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Kein Hoffen weckt ihm den erstorbnen Muth.
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In sich verdüstert, tappt er auch im Lichte,
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Als säh' er nicht; hört, ohne zu verstehn,
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Gedankenlos wie wüste Traumgesichte.
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Da stieg Prometheus von Olympos Höhn,
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Schaut' auf den Sohn des Staubes, seufzt', und sagte:
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Und sollst du so durch fremde Schuld vergehn?
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Ich warnte die Titanen: doch wer fragte
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Der Weisheit Rath? wer spottete nicht mein,
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Als ich das Schicksal zu enthüllen wagte?
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Der regen Vorsicht werd' es Macht verleihn,
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Denn reifen müße die Geburt der Zeiten;
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Sie könne nicht in stolzer Ruh gedeihn.
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So wählt ich, ungern zwar, für Zeus zu streiten.
74
Nur meine Mutter rettet' ich und mich,
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Und half den Fall des eignen Stamms bereiten.
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Dich aber, Mensch! erheb' ich über dich.
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Die goldne Kindheit darf nicht wiederkehren,
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Die dir im weichen Schooß der Lust verstrich.
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Drum lerne handeln, schaffen und entbehren!
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Ob alles wider Dich verschworen scheint,
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Soll innre Kraft doch siegend dich bewehren.
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Allein wer hört? wer faßt mich? Wo erscheint
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Noch die Gestalt in diesem blöden Wilde,
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Die Erd' und Himmel schön in sich vereint?
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Laßt sehn denn, wie ich schaffend neu sie bilde.
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Der Mutterboden beut den Stoff mir schon,
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Das Leben dann die himmlischen Gefilde.
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So spricht in sich der Themis weiser Sohn,
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Und geht an's Werk mit sinnender Geberde,
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In reiner Flut erweichend reinen Thon.
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Er formet sorgsam, daß die Bildung werde,
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Wie der Entwurf sie fordert: schon erhebt
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Der neue Mensch sein Antlitz von der Erde,
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Voll leichter Kraft, die scheinbar ihn belebt,
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Die Arme schwellt, die breite Brust ihm ründet,
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Und gleichgewogen durch die Glieder strebt.
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Das edle Haupt, die feste Stirn verkündet
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Ein Wesen, wohl gefaßt auf Freud' und Leid,
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Kühn, lebensfroh, und in sich selbst gegründet.
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Der Bildner blickt mit stiller Gnügsamkeit
101
Auf dieß Geschöpf, aus seinem Geist entsprungen
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Worin sein eignes Dasein sich erneut.
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Noch prüft er ernst, ob jeder Theil gelungen,
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Dann säumt er nicht. Es hatte jetzt die Nacht
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Die Sternenhüll' um Land und Meer geschwungen,
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Kein sterblich noch unsterblich Auge wacht:
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Da wandelt schweigend auf des Aethers Pfaden
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Der Japetid', auf schlauen Raub bedacht,
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Hin zu des Osts entlegensten Gestaden,
110
Wo Helios ambrosisches Gespann
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An goldnen Krippen steht, vom Joch entladen.
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Prometheus will, was seine Kunst ersann,
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Mit heil'gen Kräften paaren: dort nur glühet
114
Was würdig sein Gebild beseelen kann,
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Der Quell, dem alle Lebensfüll' entblühet.
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Da schöpfet er, und trägt den Funken fort,
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Der willig ihm auf seine Fackel sprühet.
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Er eilt zurück zu dem verlaßnen Ort;
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Doch als er naht, (kaum dämmerte der Morgen)
120
Erwartet zürnend ihn der Themis Wort.
121
Noch Künftiges, noch Fernes bleibt verborgen
122
Vor ihrem Sinn; durchschaut vom Anbeginn
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Hat sie des Sohnes Thun mit wachen Sorgen.
124
Aus Delphos Grotten tritt sie zu ihm hin,
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Wo sie der Brüder Fall noch still betrauert;
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Wo vor der heiligen Enthüllerin
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Des Schicksals einst das Herz der Menschen schauert,
128
Bis Phöbos junge Kraft den Python schlägt,
129
Der in der Haine Graun verderbend lauert.
130
»dämonischer!« so spricht sie: »was erregt
131
Den frevlen Muth dir, diese Saat zu säen,
132
Die eine Welt Gefahren in sich trägt?
133
Die That ist nicht mehr dein, wann sie geschehen;
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Sie strömt die Zeiten durch: die Spindel rollt,
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Wie sie der Nacht uralte Töchter drehen.«
136
Wär' auch Mißlingen aller Mühen Sold,
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Erwiedert er: doch soll mich niemals reuen
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Was ich nach tiefem Forschen fest gewollt.
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Kann Götter die Unsterblichkeit erfreuen,
140
Die fremd vorbeischleicht, die sie, ewig todt,
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Durch Thaten nie zum Eigenthum sich weihen? –
142
Drauf Themis: »Sohn! der Zorn des Herrschers droht
143
»dem, der mit Hohem Niedres will vermengen.
144
Du höhnst der Ordnung trennendes Gebot.
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Durch diese Glut erhitzt, wird aus den Engen
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Des kleinen Lebens, das ein Hauch zerstört,
147
Dein Zögling stolz zum Götterlooß sich drängen.« –
148
Nur selbst sich gnügen, wenn kein Gott ihn hört:
149
(prometheus sprach's) wer achtet seiner Leiden?
150
Sie zu bekämpfen werd' ihm nicht verwehrt.
151
Wie möchte Zeus dieß arme Streben neiden?
152
Er thront allwaltend: schreckt ein Wesen ihn,
153
Das von der Gottheit Tod und Ohnmacht scheiden? –
154
»wohl! kann der Mensch sich diesen nicht entziehn:
155
Vom Wunsch gespornt, doch an den Staub gebunden,
156
Verzehrt er sich in streitendem Bemühn.
157
Des Thieres Angst ist mit dem Schmerz verschwunden;
158
Was war und sein wird, drückt den regen Geist.
159
So hast du ihm nur neue Qual erfunden.« –
160
Nein! die der dumpfen Thierheit ihn entreißt,
161
Voraussicht, wird ihm ihre Schwester senden,
162
Die Hoffnung, welche muthig dulden heißt.
163
Das Schwerste wird er, so gestärkt, vollenden;
164
Wo der Nothwendigkeit sein Will' erliegt,
165
Wird er ihn ordnend in sein Innres wenden. –
166
»und wenn er auch ein hohes Ziel ersiegt,
167
Bald wird er doch sein bittres Looß verklagen,
168
Daß Will' und Kraft mit ihm in Nichts verfliegt.
169
Wie Wellen sich am Klippenrand zerschlagen,
170
Muß auf Geschlecht Geschlecht, in stetem Kreiß,
171
Die Bahn durchlaufen und dem Preis' entsagen.« –
172
Das Gute stirbt nicht: der bescheidne Fleiß,
173
Die tapfre That, sie bringen Frucht und laben;
174
Den Enkel schattet das gepflanzte Reiß.
175
Und immer reicher durch der Vorwelt Gaben
176
Beut ein Geschlecht dem andern froh die Hand,
177
Und paart im Wettlauf Greise, Männer, Knaben.
178
Die Stärke weicht dem ordnenden Verstand.
179
Sich selbst und alles wird der Mensch gestalten,
180
Mit Anmuth zierend was die Noth erfand.
181
Er heißt den Grund verborgne Schätz' entfalten;
182
Er zähmt das Roß; er weiß auf offnem Meer
183
Mit leinbeflügeltem Geschirr zu walten.
184
Die Felshöh starrt nicht unbeweglich mehr:
185
Leichtschwebend, wie gelockt vom Zauberklange,
186
Wölbt sie, und fügt, und reiht sich um ihn her.
187
Was unsichtbar in Red' und in Gesange
188
Dem Ohr vorbei wallt, stellt er bleibend dar,
189
Daß fernen Zeiten es, ein Denkmahl, prange.
190
Ich nenne Kleines; zahllos blüht die Schaar
191
Der Künst' empor; von diesem Sonnenfunken
192
Glüht einst die Erd' ein lichter Weihaltar. –
193
»o Sohn! du bist von Schöpferwahne trunken!
194
Wie wären sonst vor eitlem Gaukelschein
195
Der Vorsicht Lehren deinem Geist entsunken?
196
Ja! Flamm' und Brand wird dieser Funke sein;
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Die Sterblichen verderbend wird er wüthen,
198
Den Aether trüben, und die Erd' entweihn.
199
Kein Zügel kann den frechen Willen hüten;
200
Ihm fröhnt der Witz und jede Kunst, und schafft
201
Daß ungeheure Wünsch' im Herzen brüten.
202
Doch, was er auch weitgreifend an sich rafft,
203
Nichts gnüget ihm; er jagt nach neuem Raube,
204
Weil im Besitz die schnöde Lust erschlafft.
205
Und schlauvermeßne, jedem Rechte taube
206
Gewalt spannt Völker in des Joches Schmach,
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Ihr Fußtritt beugt die Nacken tief zum Staube.
208
Die Zwietracht geht ihr Ruhe-würgend nach,
209
Und den Verein der Menschen knüpft die Treue,
210
Die Eide bricht, so oft sie Eide sprach.
211
Dann schließt zu blut'gem Tanz sich Reih' an Reihe;
212
Hellblinkend jauchzt der erd'entrißne Stahl,
213
Daß er dem Tode Hekatomben weihe.
214
Doch offnes Morden bringt nur kurze Qual:
215
Groll, schleichender Verrath und gift'ge Tücke
216
Trieft von den Bechern, selbst beim Brudermahl.
217
An's Licht gesandt vom nächtlichen Geschicke,
218
Entschleiert Nemesis ihr Angesicht,
219
Und mißt die Greu'l mit richtend ernstem Blicke,
220
Und ruft zur furchtbarn, namenlosen Pflicht
221
Die ewig eingedenken Rächerinnen,
222
Um deren Stirn Gorgonenhaar sich flicht.
223
Die Schuld kann nirgends ihrem Netz entrinnen.
224
Blutathmend, Qual-weissagend heult ihr Lied,
225
Durchwühlt die Adern und verwirrt die Sinnen.« –
226
Mich schrecket nicht dein schauendes Gemüth,
227
O Mutter! Ob dein Mund nie Lügen redet,
228
Ich weiß, daß auch, was du verschweigst, geschieht.
229
Wenn jedes Frevels sich der Mensch entblödet,
230
Bleibt
231
Womit er oft unselig sich befehdet.
232
Blind eilt zum Ziel, ein abgeschnellter Pfeil,
233
Des Thieres Trieb; es irrt nur wer da wählet:
234
Sich selbst zu lenken ist des Freien Theil.
235
Erkenntniß wurzelt ihm, wo er gefehlet,
236
Steigt fest und fester aus der Täuschung Flut,
237
Und wird zur Weisheit, durch Entschluß gestählet.
238
Der Meister seines Innern läßt die Wuth
239
Der Lüste sich einander blind zerschellen,
240
Und Niedriges verschmäht wer Großes thut.
241
Wenn Maaß und Heldenkraft sich so gesellen,
242
Wird die Gewalt entthront, das Recht gebeut,
243
Nur Liebe macht die freien Herzen schwellen.
244
Sobald Gefahr dem schönen Bunde dräut,
245
Für alle jeder, und für jeden alle
246
Sind sie, den Tod zu suchen, froh bereit;
247
Und unbezwungen bei des Tapfern Falle
248
Strebt seine Tugend selbstbewußt empor,
249
Und lebt, vergöttert, in der Lieder Halle.
250
Nach Kämpfen geht der Friede mild hervor:
251
Zum Oelbaum grünt die Lanze, Schwerter pflügen,
252
Und sichre Fülle wohnt bei offnem Thor.
253
Der Adler kann auch über Meere fliegen.
254
Ist aus dem Chaos nicht durch Lieb' und Zwist
255
Die Ordnung aller Ding' emporgestiegen?
256
Vollendung strahlt, die kein Gedank' ermißt,
257
Erst durch des Irrsals Nächte diesem Wesen,
258
Das sich zu schaffen nur geschaffen ist.
259
Zeus hat die Welt; dich hab' ich mir erlesen!
260
Du Werk und Abbild meiner Thatenlust.
261
Frei sollst du sein: was zaudr' ich, dich zu lösen? –
262
»noch halt! o halt, Prometheus! meine Brust
263
Stöhnt ahndend unter den unnennbarn Plagen,
264
Womit du bald dein Wohlthun büßen mußt.
265
Ergrimmt, daß eines Tags Geschöpfe wagen,
266
Titanen gleich, nur stolz auf sich zu baun,
267
Wird dich des Donnrers Wort in Banden schlagen.
268
Mit Ketten, ehrnen Ringen, und den Klau'n
269
Der Keil' und Nägel wird an öde Klippen
270
Der Erde Strand dich festgeschmiedet schau'n.
271
Da harrest du, des Felsens schroffe Rippen
272
Dein Lager, aufrecht, unbeweglich, wach;
273
Dir labt kein Nektar die verdorrten Lippen.
274
Nie hörst du deiner Menschen kindlich Ach,
275
Kein Lebenstritt naht so verwaisten Fernen,
276
Der Wiederhall nur ächzt dir einsam nach.
277
Die Sonnen zieh'n, es zieht mit ihren Sternen
278
Die Nacht vorbei; eh deine Kunst dich lös't,
279
Mag dir zu rauschen dort die See verlernen.« –
280
Sinkt dieser dann, von meiner Gab' entblößt,
281
Zum Knecht zurück? wird sein der Blitz nicht schonen,
282
Wenn vom Olymp mein Bundsgenoß mich stößt? –
283
Zeus kann die Bildnerei dir bitter lohnen,
284
Doch hemmen darf er nicht was sie erzielt,
285
Denn selbst die Macht muß dem Verhängniß frohnen.«
286
So will ich dulden was die Noth befiehlt.
287
Ich bin unsterblich, und mein ew'ger Wille
288
Wird von der Qual, ein Berg vom Sturm, umspielt. –
289
»weh mir, die ich dein Unheil dir enthülle!
290
Durch Riesentrotz, Titan', erwirbst du bloß,
291
Daß Zeus der Rache Maaß noch höher fülle.
292
Er läßt der Blitze Flammenwirbel los,
293
Daß Meer und Aether durch einander brausen;
294
Hohldonnernd stürzt die Felskluft in den Schooß
295
Des dumpfen Hades dich: da wirst du hausen,
296
Bis Zeus dem Tageslicht zurück dich bringt,
297
Dir selbst zur Schmach, den Himmlischen ein Grausen.
298
Sein Flügelhund, der gier'ge Geier, springt
299
Umschattend auf die starr gebundnen Glieder,
300
Zerfleischt die Brust dir; was er Tags verschlingt,
301
Erwächst der blut'gen Leber nächtlich wieder;
302
Lautschwirrend kommt der ungerufne Gast,
303
Schwebt langsam fort mit triefendem Gefieder.« –
304
Nichts fremdes übt wer seinen Haßer haßt:
305
Kronion aber herrscht, der Ungerechte,
306
Durch meine Hülf' im himmlischen Pallast.
307
Nun hält der Tartarus die alten Mächte,
308
Und feig gehorcht der jungen Götter Schaar.
309
Wo ist ein Starker, der mich retten möchte?
310
Dir legt die Zukunft ihr Geheimniß dar,
311
O meiner Mutter heil'ges Haupt! ich flehe
312
Beim Styr dich an: mach mir sie offenbar.
313
Ob nie ein Ringer für das Recht erstehe
314
Aus sterblichem und göttlichem Geschlecht,
315
Der Götterkraft zum Heldenthum erhöhe?
316
Wenn der, vom Mühsal ewig ungeschwächt,
317
Gefahren sucht, und tilget Ungeheuer,
318
Und Räuber zähmt, und Unterdrückte rächt:
319
Dann treibt ihn auch des freien Muthes Feuer,
320
Das ich verlieh, in Wüsten ohne Pfad;
321
Er kommt, zerreißt die Bande, würgt den Geier.
322
Ja er vollbringt's, und zürnte seiner That
323
Der Donnrer auch, und hätt' ihn der gezeuget,
324
Der mit der Herrschaft Fuß mich niedertrat. –
325
Der Japetide rief's, doch Themis schweiget.
326
Wie Gram und Zweifel ihr im Busen schwoll,
327
Hat sie die Stirn verschleiert abgeneiget.
328
Sie weiß, daß einst der Tag erscheinen soll,
329
Wo ihrem Sohn Herakles heil'ge Stärke
330
Mit Rettung nahet, gleicher Gottheit voll.
331
Auf daß er mehr auf ihre Warnung merke,
332
Verschwieg sie was sein weiser Sinn erspäht;
333
Was schreckt ihn nun bei dem verwegnen Werke?
334
Er kehrt zum Bilde sich, das vor ihm steht,
335
Und spricht: Geh! wirke! trage Leid und Wonne!
336
Der Funke blitzt und Lebensodem weht,
337
Der freie Mensch blickt zur verwandten Sonne.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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