Festlich duften Cypriens Altäre

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August Wilhelm Schlegel: Festlich duften Cypriens Altäre Titel entspricht 1. Vers(1796)

1
Festlich duften Cypriens Altäre,
2
Von Gesang ertönet Paphos Hain.
3
Schön geordnet ziehn geschmückte Chöre
4
In den myrtumkränzten Tempel ein.
5
Rosig blüh'nde Mädchen, zarte Knaben;
6
Alle bringen sie Gelübd' und Gaben,
7
All' erflehn, Verlangen in der Brust,
8
Liebe, Reiz und Jugendlust.

9
Wollust athmet aus den Rosenlauben,
10
Wo sich willig manches Paar verirrt,
11
Wo ein Paar von buhlerischen Tauben
12
Ihrer Ankunft süß entgegen girrt.
13
Küße hört man flüstern in den Büschen,
14
Wo sich Licht und Dunkel lieblich mischen,
15
Wo der Grund, mit Moosen überwebt,
16
Sich zum Lager schwellend hebt.

17
Aber einsam in sich selbst verschloßen,
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Schaut Pygmalion dem Feste zu;
19
Das Frohlocken muthiger Genoßen
20
Weckt ihn nicht aus seiner ernsten Ruh.
21
Suchtest du denn von den Schönen allen,
22
Holder Jüngling, keiner zu gefallen?
23
Oder hat, für die dein Sinn entbrannt,
24
Spröde sich dir abgewandt?

25
Ach, ihm kam wohl mancher Gruß entgegen,
26
Mancher Wink verhieß ihm Gunst und Glück,
27
Und es hob von schnellern Herzensschlägen
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Mancher Busen sich vor seinem Blick.
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Doch umsonst! nie öffnet er die Arme,
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Daß davon umstrickt ein Herz erwarme;
31
Dieser Mund, wo frisch die Jugend blüht,
32
Wird von Küßen nie durchglüht.

33
Höher strebt sein einziges Begehren.
34
Hingeschmiegt an einen zarten Leib
35
Würde dennoch Sehnsucht ihn verzehren;
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Was ihm fehlt, gewährt kein irdisch Weib.
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Nicht um Blumen, gleich dem Schmetterlinge,
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Auf zur Sonne mit des Adlers Schwinge
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Schwebt sein Geist, und athmet reine Luft,
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Unberauscht von süßem Duft.

41
Zur Geliebten hat er sich erlesen,
42
Die noch nie ein sterblich Auge sah;
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Nur ein Schatte, doch ein mächtig Wesen,
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Ist sie fern ihm, und doch ewig nah.
45
Tief in seines Innern heil'ger Stille
46
Pflegt die Dichtung sie mit reger Fülle,
47
Und umarmt das göttlich schöne Bild,
48
Halb von eignem Glanz verhüllt.

49
In erstauntes Anschaun so versunken,
50
Fühlt er sich allein, wann er erwacht.
51
»götter!« seufzt er dann, »nur Einen Funken,
52
Einen Funken eurer Schöpfermacht!
53
Bin ich bloß zu eitlem Wahn geboren?
54
Meine Lieb' an einen Traum verloren,
55
Der von ihrem Odem nie beseelt
56
Liebevoll sich mir vermählt?

57
Oder thronet, die ich lieb', im Saale
58
Des Olymp mit sel'ger Allgewalt?
59
Trinkt sie jeden Tag aus goldner Schaale
60
Jugend und ambrosische Gestalt?
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Wird sie zürnend den Vermeßnen tödten,
62
Der in Lieb' entbrennt, statt anzubeten?
63
Oder lächelt sie, voll Größ' und Huld,
64
Seiner hoffnungslosen Schuld?

65
Göttin, deren neugeborne Schöne
66
Einst das Meer in Purpurglut getaucht!
67
Du, die in die Brust der Menschensöhne,
68
Wie der Götter, linde Wonne haucht!
69
Sieh mit unaussprechlichem Verlangen
70
Mich am Schatten deines Bildes hangen;
71
Diese Züge hoher Anmuth lieh
72
Nur von dir die Fantasie.

73
Zwar dich darf kein Sterblicher erblicken,
74
Wie du bist, wie dich der Himmel kennt;
75
Kaum durchblitzen würd' ihn das Entzücken
76
Einen schnell vernichtenden Moment.
77
Aber laß, wie Frühlingswehn, dein Lächeln
78
Eine jungfräuliche Stirn umfächeln,
79
Wie die Sonn' im Bache sich beschaut:
80
Und ich grüße sie als Braut!«

81
Also fleht er oft, doch aus den Sphären
82
Steigt Erhörung niemals ihm herab.
83
Nur
84
Die zuerst dem Wunsche Flügel gab.
85
Hoffst du Labung außer dir? Vergebens!
86
In dir fließt die Quelle schönes Lebens;
87
Schöpfe da, und fühle froh geschwellt
88
Deine Brust, dein Aug' erhellt.

89
Eine Stimme, tröstend im Versagen,
90
Flüstert in die Seel' ihm diesen Rath.
91
Nein! nicht länger will er schmachtend zagen:
92
Träume reifen zu Entschluß und That.
93
Muthig, was er liebt, sich zu erschaffen,
94
Schärft er seines Geistes goldne Waffen;
95
Still verheißt dem Sinnenden die Kunst
96
Hülfe, statt der Götter Gunst.

97
Jener Zaubrer wandelnder Gestalten,
98
Dädalus, erzog ihn einst für sie,
99
Lehr't ihn Bildung aus dem Stoff entfalten,
100
Bis sie schön zum Ebenmaaß gedieh.
101
Gern besiegt von seines Meißels Schlägen,
102
Schien der starre Felsen sich zu regen,
103
Und er ward auf seines Lehrers Spur
104
Nebenbuhler der Natur.

105
Wie Prometheus Menschen, seine Brüder,
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Bildet' er der Götter ganzes Chor;
107
Zog zur Erde nur den Himmel nieder,
108
Nicht die Erde zum Olymp empor.
109
Edle Wesen, irdische Heroen,
110
Doch nicht groß wie die unnennbar Hohen,
111
Schien ihr mildres, nicht umstrahltes Haupt
112
Der Unsterblichkeit beraubt.

113
Und der Künstler wohnt' in ihrer Mitte,
114
Frei und fröhlich ihnen zugesellt,
115
Sie bewirthend nach der biedern Sitte
116
Jener ersten unschuldvollen Welt,
117
Wo die Himmlischen auf stillen Fluren
118
Oft mit Menschen Freud' und Leid erfuhren,
119
Wo Apoll, ein unerkannter Hirt,
120
Singend Tempe's Thal durchirrt.

121
Aber seit ein namenloses Sehnen,
122
Süß und quälend, seine Brust entzweit,
123
Seit der Wahn des nie erblickten Schönen
124
Ihn berauscht mit Allvergeßenheit,
125
Ließ er ruhn die kunstbegabten Hände,
126
Unbesorgt ob er ein Werk vollende,
127
Das nur halb, mit zweifelhaftem Sieg,
128
Aus dem Stein in's Leben stieg.

129
Nun, da zu der holden Unsichtbaren
130
Ihn hinan des Muthes Fittig trägt,
131
Will er seinen Augen offenbaren,
132
Was sein Busen heimlich längst gehegt.
133
In der Flut begeisternder Gedanken,
134
Die entbunden um die Sinne schwanken,
135
Liebeglühend, tritt Pymalion
136
In der Werkstatt Pantheon.

137
Und, o Wunder! in verklärtem Lichte
138
Stehen rings die stolzen Bilder da;
139
Es enthüllt dem staunenden Gesichte
140
Gottheit sich, wie er sie nimmer sah.
141
Wie von reinem Nektarthau durchfloßen,
142
Wonnevoller Ewigkeit Genoßen,
143
Schön und furchtbar, scheinen sie erhöht
144
Zu des Urbilds Majestät.

145
Auf des Donnergottes heitre Brauen
146
Wallt der Locken hoher Schwung zurück;
147
Juno thront, die Königin der Frauen;
148
Pallas senkt den sinnig ernsten Blick.
149
Bacchus bietet hold die frohen Gaben,
150
Weiche Jugend blüht dem Götterknaben;
151
Hermes regt den Sinn, behend und schlau,
152
Mit der Glieder leichtem Bau.

153
Selbstgenügsam, in entzückter Feier
154
Schwebt Apoll, mit Daphne's Laub umkränzt,
155
Haucht Gesänge zu der stummen Leier,
156
Die in seinem Arm, ein Kleinod, glänzt.
157
Und o du! süßlächelnde Dione,
158
Mit der Anmuth zartem Gürtel! schone!
159
Gab er nicht zum Opfer Seel' und Sinn
160
Ganz, Urania, dir hin?

161
Freudig, doch mit ahndungsvollem Schweigen,
162
Blickt er auf der Himmelsmächte Kreis,
163
Richter sind sie ihm und heil'ge Zeugen,
164
Wie er ringt nach der Vollendung Preis,
165
Nicht zu ruhn, noch feige zu ermatten,
166
Schwört er, bis er den geliebten Schatten,
167
Einen Fremdling in der niedern Welt,
168
Seinen Göttern dargestellt.

169
Schöner Stein! in Paros kühlen Grüften
170
Hat die Oreade dir gelacht;
171
Ja, du wurdest aus den Felsenklüften
172
In beglückter Stund' hervorgebracht!
173
Von der Hand Pygmalions erkoren,
174
Reiner Marmor! wirst du neu geboren.
175
Was sein Stahl dir liebend raubt, vergilt
176
Tausendfach das holde Bild.

177
Wann Aurora kaum noch deine Weiße
178
Röthet, eilt der Künstler schon herzu,
179
Und ihn winkt von immer süßerm Fleiße
180
Nur die Nacht gebieterisch zur Ruh.
181
Wann des Schlafes Arm ihn leis' umfangen,
182
Spielt um ihn das schmeichelnde Verlangen,
183
Zeichnet sein gelungnes Werk der Traum
184
Dämmernd in des Aethers Raum.

185
Endlich geht die freundlichste der Sonnen
186
Ueber ihm, Vollendung bringend, auf.
187
Endlich, endlich ist das Ziel gewonnen,
188
Und die Palme kühlt des Siegers Lauf.
189
Vor ihm blüht das liebliche Gebilde,
190
Gleich der Rose, die der Frühlingsmilde,
191
Welche webend, athmend um sie floß,
192
Kaum den Purpurkelch erschloß.

193
Hüllenlos, von Unschuld nur umgeben,
194
Scheint sie sich der Schönheit unbewußt,
195
Ihre leicht gebognen Arme schweben
196
Vor dem Schooß und vor der zarten Brust.
197
Reine Harmonie durchwallt die Glieder,
198
Deren Umriß, von der Scheitel nieder
199
Zu den Sohlen, hingeathmet fliegt,
200
Wie sich Well' in Welle schmiegt.

201
Schön begränzt ihr Dasein stille Gnüge,
202
Friedlich wohnet es in sich daheim;
203
Und es ruht im Spiel der linden Züge
204
Unentfaltet künft'ger Liebe Keim.
205
Gleich als ob sie nimmer traur' und zürne,
206
Lacht ihr heller Blick, die ebne Stirne;
207
Ihre halbgeschloßne Lippe schwoll,
208
Süßer Tön' und Küße voll.

209
Selig festgezaubert im Betrachten,
210
Schaut Pygmalion und glüht und schaut.
211
Bald verstummt er, aufgelös't in Schmachten,
212
Bald erschallt des Herzens Hymne laut.
213
Einen Gegenstand der Huldigungen
214
Hat sich nun die treue Lieb' errungen,
215
Die nach dem, was nirgends war, zuvor
216
In der Oede sich verlor.

217
Seine Seele, die Erwiedrung heischet,
218
Leihet der Geliebten, was sie fühlt,
219
Gern vom eignen Wiederschein getäuschet,
220
Der um jene Jugendfülle spielt.
221
Mit des Steines nachgeahmtem Leben
222
Strebt er sich so innig zu verweben,
223
Daß sein Herz, von Lieb' und Lust bewegt,
224
Wie in beider Busen schlägt.

225
Was ersann er nicht, ihr liebzukosen?
226
Welche süße Namen nannt' er nicht?
227
Das Gebüsch verarmt an Myrt' und Rosen,
228
Die er sorgsam ihr in Kränze flicht.
229
Aber ach! wann wird ihr holdes Flüstern
230
Seinen Liebesreden sich verschwistern?
231
Wann besiegelt der erwärmte Mund
232
Wiederküßend ihren Bund?

233
Lächelnd einst, wie mildes Frühlingswetter,
234
Schaut Urania vom lichten Thron;
235
Von der Menschen Vater und der Götter
236
Fordert sie der reinsten Treue Lohn:
237
Sieh! allein von allen Erdensöhnen
238
Hat Pygmalion, dem höchsten Schönen
239
Huldigend, und frei vom Sinnenbrand,
240
Sich zu meinem Dienst gewandt.

241
Nicht aus Trotz, zu eitlem Schöpferruhme;
242
Folgsam lauschend nur dem innern Ruf,
243
Stellt' er im verborgnen Heiligthume
244
Uns die Gattin dar, die er sich schuf.
245
Jenen Funken, den Prometheus raubte,
246
Zum Verderben seinem stolzen Haupte,
247
Gieb ihn mir für den bescheiden Sinn
248
Meines Künstlers zum Gewinn.«

249
So die Göttin, und mit Wohlgefallen
250
Winkt ihr Zeus, und neigt den Herrscherstab;
251
Locken, den Olymp erschütternd, wallen
252
Auf die Stirn ambrosisch ihm herab.
253
Ein gewohntes Opfer darzubieten,
254
Stand Pygmalion in Duft und Blüthen,
255
Als es wie ein Blitz sein Mark durchdrang,
256
Daß er zagend niedersank.

257
Doch ihn locken ferne Melodien
258
Zauberisch in's Leben bald zurück.
259
Rosenfarbne Morgenschimmer fliehen
260
Um das Bild und laben seinen Blick.
261
Wie von eines Aetherbades Wogen
262
Wird sie sanft gewiegt und fortgezogen:
263
Soll sie eures Himmels Zierde sein?
264
Götter! Götter! sie ist mein.

265
Und er fliegt hinzu und schlingt die Arme
266
Kühn und fest um das geliebte Weib.
267
Glühend, schauernd fühlt er, sie erwarme;
268
Seinem Drucke weicht der Marmorleib.
269
Und es schlägt ihr Herz die ersten Schläge,
270
Und die Pulse werden hüpfend rege,
271
Und das Drängen junger Lebenslust
272
Schwellt die ungeduld'ge Brust.

273
Und ihr Auge – Wonne würd' ihn tödten,
274
Schlöß' es sich dem fremden Tage nicht.
275
Ach, sie drückt mit schüchternem Erröthen
276
An des Jünglings Busen ihr Gesicht.
277
Liebe! Liebe! stammeln beider Zungen,
278
Und die Seelen, ganz in Eins verschlungen,
279
Hemmt ein Kuß im schwesterlichen Flug
280
Mit geheimnißvollem Zug.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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