Nimm dieß Gedicht, gewebt aus Lieb' und Leiden

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August Wilhelm Schlegel: Nimm dieß Gedicht, gewebt aus Lieb' und Leiden Titel entspricht 1. Vers(1797)

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Nimm dieß Gedicht, gewebt aus Lieb' und Leiden,
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Und drück' es sanft an deine zarte Brust.
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Was
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Was
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Unglücklich Paar! und dennoch zu beneiden;
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Sie kannten ja des Daseins höchste Lust.
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Laß süß und bitter denn uns Thränen mischen,
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Und mit dem Thau der Treuen Grab erfrischen.

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Den Sterblichen ward nur ein flüchtig Leben:
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Dieß flücht'ge Leben, welch ein matter Traum!
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Sie tappen, auch bei ihrem kühnsten Streben,
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Im Dunkel hin, und kennen selbst sich kaum.
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Das Schicksal mag sie drücken oder heben:
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Wo findet ein unendlich Sehnen Raum?
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Nur Liebe kann den Erdenstaub beflügeln,
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Nur sie allein der Himmel Thor entsiegeln.

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Und ach! sie selbst, die Königin der Seelen,
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Wie oft erfährt sie des Geschickes Neid!
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Manch liebend Paar zu trennen und zu quälen
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Ist Haß und Stolz verschworen und bereit.
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Sie müßen schlau die Augenblicke stehlen,
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Und wachsam lauschen in der Trunkenheit,
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Und, wie auf wilder Well' in Ungewittern,
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Vor Todesangst und Götterwonne zittern.

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Doch der Gefahr kann Zagheit nur erliegen,
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Der Liebe Muth erschwillt, je mehr sie droht.
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Sich innig fest an den Geliebten schmiegen,
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Sonst kennt sie keine Zuflucht in der Noth.
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Entschloßen sterben, oder glücklich siegen
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Ist ihr das erste heiligste Gebot.
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Sie fühlt, vereint, noch frei sich in den Ketten,
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Und schaudert nicht bei Todten sich zu betten.

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Ach! schlimmer droh'n ihr lächelnde Gefahren,
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Wenn sie des Zufalls Tücken überwand.
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Vergänglichkeit muß jede Blüth' erfahren:
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Hat aller Blüthen Blüthe mehr Bestand?
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Die wie durch Zauber fest geschlungen waren,
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Löst Glück und Ruh und Zeit mit leiser Hand,
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Und, jedem fremden Widerstand entronnen,
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Ertränkt sich Lieb' im Becher eigner Wonnen.

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Viel seliger, wenn seine schönste Habe
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Das Herz mit sich in's Land der Schatten reißt,
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Wenn dem Befreier Tod zur Opfergabe
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Der süße Kelch, noch kaum gekostet, fleußt.
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Ein Tempel wird aus der Geliebten Grabe,
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Der schimmernd ihren heil'gen Bund umschleußt.
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Sie sterben, doch im letzten Athemzuge
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Entschwingt die Liebe sich zu höherm Fluge.

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Dieß mildert dir die gern erregte Trauer,
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Die Dichtung führt uns in uns selbst zurück.
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Wir fühlen beid' in freudig stillem Schauer,
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Wir sagen es mit schnell begriffnem Blick:
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Wie unsers Werths ist unsers Bundes Dauer,
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Ein schön Geheimniß sichert unser Glück.
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Was auch die ferne Zukunft mag verschleiern,
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Wir werden stets der Liebe Jugend feiern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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