Die Jugend flieht, die Hoffnung ist zerronnen

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August Wilhelm Schlegel: Die Jugend flieht, die Hoffnung ist zerronnen Titel entspricht 1. Vers(1789)

1
Die Jugend flieht, die Hoffnung ist zerronnen,
2
Des Lebens Blüthen fallen welkend ab,
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Und unerreichbar fern sind meine Wonnen,
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Und stumm und einsam bin ich wie ein Grab.
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Im ganzen weiten Reich der Wesen
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Hast du allein die Zaubermacht,
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Mich von dem Gram zu lösen,
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Der jeden Trost verlacht.

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Und ach! ich muß vor deinem Willen schweigen;
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Was er verhängt, wird hoch von mir geehrt.
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Was hülf' es auch zu reden? Ihn zu beugen?
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So kühner Wahn hat nimmer mich bethört.
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Du kennst das höchste Ziel des Lebens,
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Und zeichnest deine Bahn dir vor.
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Mein Flehen schlug vergebens
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Voll Inbrunst an dein Ohr.

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Zwar giengest du nicht taub vor mir vorüber,
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Du bist ein Weib, und Weichheit ist dein Stolz.
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Mein Busen bebte mir in jeder Fiber,
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Als nun dein Blick um mich in Thränen schmolz.
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Den süßen Thau der holden Augen
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Verschlang mein Herz, wie dürres Land.
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Weh mir! ihn einzusaugen,
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Das nährte nur den Brand.

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Ich kämpfte mich empor und wollte flüchten;
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Ich stieß die dargebotne Hand zurück.
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»o zürne mir, sonst wirst du mich vernichten,
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Mich peinigt dieser göttlich milde Blick.
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War's Frevel, daß ich so entglühte?
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O du bist edel! gieb mich los!
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Laß ab mit deiner Güte!
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Wo nicht: sei minder groß!«

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So rief ich aus. Was half mein Widerstreben?
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Ich fühlte mich von unsichtbarer Kraft,
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Vom Schicksal selbst in deine Hand gegeben,
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Die, was sie will, aus meinem Wesen schafft.
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Ich klage nicht; ich will es tragen.
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Dank dir! Mich adelt dieses Leid.
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Gestählt durch mein Entsagen
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Besteh' ich jeden Streit.

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Der Jugend Flur voll heller Gaukelscenen,
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Der Wünsch' und Träume lächelndes Revier,
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Wohin ich sonst mit hoffnungsvollem Sehnen
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Mich oft verirrt, liegt öde hinter mir.
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Gleichgültig steh' ich im Getümmel,
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Das nach Genuß sich drängt; für mich
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Wär' auch der Sel'gen Himmel
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Ein Chaos ohne dich.

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Das Glück ist arm; ich spotte seiner Gaben;
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In mir ist mehr, als es mir bieten kann.
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Ich habe das, und werd' es ewig haben,
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Was ich von dir durch heiße Qual gewann.
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Dein Bild hab' ich dir abgedrungen,
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Und innig in mein Selbst verwebt,
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Mit Liebeskraft umschlungen,
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Durch Liebeskraft belebt.

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Mir hallen in der Seele tiefsten Tiefen
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Die Melodieen deiner Worte nach;
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Da werden tausend Kräfte, welche schliefen,
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Bei dem geheimnißvollen Rufe wach.
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Erschaffen wird in mir ein Wille,
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Zu hohen Thaten stark und frei,
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Und deiner Tugend Fülle
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Gebiert mein Innres neu.

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Ich kann's nicht bergen, nicht mein Herz belügen,
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Und träfe mich auch dein gerechter Spott;
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Dich zu erreichen, dich zu überfliegen,
68
In
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Du kannst nicht diesen Trotz verdammen,
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Und siegt' ich auch, dein wär' der Ruhm:
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Ich stahl ja diese Flammen
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Aus deinem Heiligthum.

73
Doch sollt' ich nie es feßeln und umschlingen,
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Das überirdisch lockende Phantom;
75
Wär' ich verdammt, umsonst dir nachzuringen,
76
Gewirbelt von des Wankelmuthes Strom:
77
So möcht ich meinen Geist verhauchen,
78
Den Haßer dieses Sonnenlichts,
79
Und mich hinunter tauchen
80
In's öde kalte Nichts.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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