Wie? darf ich meinen Blick erheben?

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Johann Kaspar Lavater: Wie? darf ich meinen Blick erheben? Titel entspricht 1. Vers(1801)

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Wie? darf ich meinen Blick erheben?
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Soll ich mit Freuden oder Beben
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Beginnen, o Jahrhundert, dich?
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Des Hoffens müde, darf ich's wagen,
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Von Hoffnung noch ein Wort zu sagen?
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Wer lehret ächte Weisheit mich?

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Ach, daß ich Hoffnungsquellen fände!
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Doch, wohin ich mein Auge wende,
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Erblick ich keiner Hoffnung Spur ...
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Wer darf mir: »Hier ist Ausweg!« winken?
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Ich seh' zur Rechten und zur Linken
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Nur Elend, Gram, Zerrütung nur.

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Jahrhundert, das wir heut begrüßen,
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Soll dir die Freudenzähre fließen?
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Was wirst du meinen Kindern seyn?
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Wird bald der Thorheit hier auf Erden,
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Des Elends bald ein Ende werden?
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Des Lebens werden wir uns freu'n?

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Kommst du mit kornerfüllten Halmen?
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Kommst du, in deiner Rechten Palmen?
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Wie? oder mit entblößtem Schwerdt?
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Verwandelst Felder du in Anger?
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Kommst du, mit neuen Greueln schwanger?
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Ein Mord-Jahrhundert, das verheert?

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Wie, oder – kommst du schön geschmücket
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Von Gott, mit Allem, was beglücket,
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Was edle Seelen hoch erfreut?
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Ehrst du, was stets die Weisheit ehrte?
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Lehrst du, was kein Jahrhundert lehrte,
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Die Menschen endlich – Menschlichkeit?

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Kommst du, zur Freude meiner Brüder,
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Voll Lieblichkeit vom Himmel nieder,
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Mit milder, segensvoller Hand?
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Wirst du uns freier athmen lassen?
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Wird Lieb' und Eintracht uns umfassen?
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Wird endlich frei mein Vaterland?

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Erwach' mit neubelebten Sinnen,
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Jahrhundert, das wir heut beginnen,
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Und lern', was das Verschwundne lehrt!
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O baue, kannst du's, weislich wieder,
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Was das, was vorgieng, riß hernieder;
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Sey kein Jahrhundert, das zerstört!

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Und willst du, mußt du je zerstören,
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Zerstöre nicht mit Kriegesheeren,
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Zerstör' durch Gutes Böses nur!
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Zerstör' durch weise Geistesstärke
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Der Bosheit hochgepriesne Werke,
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Von Tiranney die kleinste Spur!

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Vergött're nicht der Menschheit Schanden,
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Die sich zu Raub und Mord verbanden,
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Und dann von Recht und Freiheit schrey'n!
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Verehre tapfre Rechtsverehrer,
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Des Unrechts muthige Zerstörer,
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Und deine Freude sey erfreu'n!

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Religion und Lust an allen
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Bemühungen, die Gott gefallen,
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Sey täglich aller Freude mehr!
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Kein voriges Jahrhundert gleiche
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Dem nun begonnenen! Es weiche
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Zum Abgrund aller Laster Heer!

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Nur Menschlichkeit und Pflichttreu' rathen,
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Und Demuth kröne unsre Thaten!
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Bei'm Anfang laßt auf's End uns seh'n!
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Die Zeiten schwinden. Laßt uns hören,
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Was die verschwundnen Zeiten lehren
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Und nur der Weisheit Pfade geh'n!

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Schwebt nicht in hohen Idealen,
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Die euch nur goldne Zeiten mahlen,
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Bei'm Wachsthum von Vernunft und Licht.
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Es wird der Adams Söhne keiner
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Durch rednersche Dekrete reiner,
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Gebieten läßt sich Tugend nicht.

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O fordert nicht Unmöglichkeiten
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Von Menschen, die von allen Seiten
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Begierlichkeit zu Sklaven macht.
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Wer will ohn' Adlers Aug' und Schwingen,
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Dem Adler gleich, zur Sonne dringen?
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Ist der nicht Thor, des Jeder lacht?

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O Väter, Mütter, Söhne, Töchter,
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Vernehmt mich, künftige Geschlechter!
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Nicht wegvernünftelt Ruh' und Glück!
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Erfahrung lehr' euch weise werden;
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Vollkommenheit ist nicht auf Erden.
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Erträumt sie, und ihr sinkt zurück!

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Was helfen Freiheits-Heucheleyen?
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Was nützen Franken-Äffereyen?
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Was frommt's, wenn man der Armuth lacht?
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Wer ehrt Geschwätz von Treu' und Glauben,
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Wenn man ein nie erhörtes Rauben
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Gesetzlos zum Gesetze macht?

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Gerechtigkeit! Erwache wieder!
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Komm' Friede, von den Himmeln nieder!
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O! Sitten-Einfalt, kehr zurück!
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Was Menschen-Namen trägt, das lebe
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Für Wahrheit, Tugend nur, und strebe
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Durch Edelsinn nach ächtem Glück.

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Ihr schon geübten Tugendehrer,
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Seyd durch das Beispiel Tugendlehrer!
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Erregt zum Rechtthun Herzenslust;
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Zertretet, wie vorworfne Schlangen,
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Der Herrschsucht leisestes Verlangen,
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Der Härte Funken in der Brust!

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Uns müssen keine Namen blenden,
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Kein drohend Wort uns Schrecken senden!
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Vor uns erschrecke Tiranney!
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Matron' und Greis und Mann und Jugend,
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Erfahre täglich, daß nur Tugend
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Der Quell von Daseyns Freude sey!

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Nach Selbstveredlung stetes Streben,
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Religion ist wahres Leben;
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Sagt, was gedieh je ohne sie?
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Macht sie nicht alles Dunkle helle?
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Ist sie nicht jeder Tugend Quelle?
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Ist, wo sie rein ist, Unrecht je?

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Voll dieses Lustgefühls betrete,
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Jahrhundert, ich dich nun, und bete
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Den Gott, der keine Zeit kennt, an!
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Und flehe muthvoll: Deinen Willen,
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O lehre, Vater, mich erfüllen;
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O führe mich der Wahrheit Bahn!

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Ich flehe Tag und Nacht, ich flehe,
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Bis deine Vaterhand ich sehe,
123
Für mein gebundnes Vaterland.
124
In welche Tiefen, welche Nächte
125
Versenkten Höhner aller Rechte,
126
Versenkt' uns Stolz und Unverstand!

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Schau huldreich, segnend auf uns nieder,
128
Vereine mit den Brüdern Brüder!
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Es herrsche Fried' und Biederkeit!
130
O send' uns leuchtende Gedanken!
131
Laß' Keinen je im Treusinn wanken!
132
Bei'm Recht sey Unerschrockenheit!

133
Sey nicht ein strenger Unschuld-Rächer;
134
Doch, schweigen mach' die frechen Sprecher
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Voll Rachsucht, Stolz und Bitterkeit.
136
Erröthen müssen und erblassen
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Sie Alle, die die Wahrheit hassen,
138
Und bied're Herzens-Offenheit.

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Laß' reife Weisheit wiederkehren,
140
Laß' lernen uns, was du willst lehren,
141
Erst Treue, dann Bescheidenheit,
142
Und Lust an nützlicher Belehrung,
143
An Wahrheit, Lieb' und Pflichtverehrung,
144
Und heiliger Gerechtigkeit!

145
O Menschenvater in dem Himmel,
146
Bei'm leidenschaftlichen Getümmel
147
Der Freiheitsrufer, taumeln wir
148
In Unrecht, Jammer und Verbrechen.
149
Laß' nur Vernunft und Tugend sprechen,
150
Und Ehrfurcht vor dem Recht und Dir!

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Gott, ich erhebe Herz und Hände:
152
Mach' unserm Elend bald ein Ende!
153
Erwecke demuthvolles Fleh'n!
154
Erwecke viel Nathanaele,
155
Hiskias, Davids, Samuele,
156
Die vor den Riß als Helden steh'n.

157
Erwecke selbst aus unserm Schooße
158
Bewährte, weise, edle, große,
159
Erhabne Helden, die nichts scheu'n!
160
Die unser Glück im Herzen tragen,
161
Für sich nichts suchen, alles wagen,
162
Um Stifter unsers Heils zu seyn.

163
Erquicke Witwen, Waisen, Kranke!
164
Erweck' den Glücklichen zum Danke,
165
Gieb Tugendfreunden Heldenmuth!
166
Entlarve Heuchler! Straf die Frechen,
167
Verhind're Laster und Verbrechen,
168
Und zeige dich den Guten gut!

169
Den Tausenden, die nach Dir weinen,
170
Laß' Hoffnung auf dein Reich erscheinen,
171
Das Liebe, Freude, Wahrheit ist!
172
O möchte nie das Laster siegen,
173
Nie Recht und Unschuld unterliegen,
174
Und fern seyn Herrschsucht, Trug und List.

175
So will ich flehen. Fleht vereinigt,
176
Wen Vaterlandes Elend peinigt!
177
Laßt muthvoll uns zum Vater seh'n;
178
Erfleht, ihr Reichen und ihr Armen,
179
Des Himmels segnendes Erbarmen.
180
Gott hört mit Lust vereintes Fleh'n.

181
Nur fromme Demuth kann uns retten
182
Von allen Lasten, allen Ketten;
183
Nur treuer Sinn macht froh und frei.
184
Zum Himmel von der Erde wallen.
185
Erwirbt uns Gottes Wohlgefallen,
186
Und ruft das Reich des Herrn herbei.

187
Reich Gottes! Sehnsucht aller Frommen!
188
Wirst du mit dem Jahrhundert kommen?
189
O fleht: »Es komm!« wer flehen kann.
190
Ihm weiche Laster, Wahn und Leiden!
191
Es kommt mit gränzenlosen Freuden!
192
Macht ihm, durch fromme Demuth, Bahn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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