Das Kloster

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Friedrich von Matthisson: Das Kloster (1791)

1
Der Westgewölke Purpursaum ergraut,
2
Aus Tannendunkel steigt der Mond empor,
3
Die Winde seufzen bang im Haidekraut,
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Der Elfen Tanz webt leis' am Weidenmoor.

5
Des hohen Pharus trübe Leucht' entglimmt
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Am schroffen Vorgebirg' im Abendduft,
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Des Eilands weisse Klippenreih' verschwimmt,
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Gleich einem Nebelstreif, in Wog' und Luft.

9
Die Thürme der verödeten Abtei
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Entragen schauervoll im bleichen Licht
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Dem wildernden Gesträuch der Felsenbai,
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Wo dumpfig sich die matte Woge bricht.

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Wo Rüstern dort ein heilig Dunkel streun,
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Und um des Doms Portal sich Efeu dehnt,
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Weilt die Melancholei im Vollmondschein,
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An Grabmaltrümmer sinnend hingelehnt.

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Durch Eiben blickt ein Beinhaus halb zerstört;
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Die Distel wankt am grauen Tempelthor,
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Das längst nicht mehr dem Flug der Eule wehrt;
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Im Bildwerk baut die Schwalb' am hohen Chor.

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Kaum deuten in der Bögen Düsternheit
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Geschwärzter Scheiben Reste, dort und hier
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Im Blei der Fenster sparsam noch verstreut,
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Der Glasgemälde gothischfromme Zier.

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Der Hochaltar, von dürrem Gras' umrauscht,
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Die Stufen ausgerundet vom Gebet,
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Zeugt noch wie oft, von Seraphim belauscht,
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Der Andacht Flammenseufzer hier geweht.

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Nun flüstern einsam nur die Wind' im Dom;
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Der Beichtstuhl trauert von der Spinn' umflort;
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Die Orgel wälzt nicht mehr der Töne Strom
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Durch die Gewölbe majestätisch fort.

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Der Hymnen Feierjubel sind verhallt;
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Kein Marmorbild glänzt mehr vom Opferduft
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Der Weihrauchwolke festlich überwallt,
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Und jene Beter sanken in die Gruft.

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In dieser Blende flimmte schwermutsvoll
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Die heilge Lampe, wenn der Chorgesang
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Der Jungfraun durch die Mitternacht erscholl,
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Und sich ihr Herz dem Weltgefühl entrang.

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Dann wähnte, seiner Nebelhüll' entflohn,
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Ihr Geist, hoch über Schmerz und Sinnenwahn,
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Im unbewölkten Glanz der Gottheit schon
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Die Krone der Vergeltung zu empfahn.

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Der Tempel schwieg, wenn dumpf die Glock' erklang;
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Gehemmt sank erdwärts der Gedanken Flug;
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Der Hallen weisse Grabsteinwänd' entlang
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Verschwand im Dunkel der Vestalen Zug.

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Noch soll der Schiffer, wenn Orkane dräun,
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Am alten Dom sie warnend schweben sehn;
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Ein matter Feuerglanz zuckt am Gestein
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Wo Meteoren gleich die Schleier wehn.

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Die Blumenkette der Geselligkeit
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Durchschlang, o Jungfraun, eure Pfade nicht!
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Euch spendete des Lebens Rosenzeit
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Nur welke Kränze wie der Gram sie flicht.

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Der Muttername, für ein zärtlich Ohr
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Der Stimme der Natur noch unentwöhnt,
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Der höchste Zauberklang im Schöpfungschor,
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Hat nie den Himmel euch ins Herz getönt.

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Vernichtung dräute schon, als euer Loos
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Euch zum Altar der Opferweihe rief,
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Dem Funken der vielleicht in euerm Schooß
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Zu Luthern und Timoleonen schlief.

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Wie mancher Heloise glühend Herz,
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Im Kampf mit Pflicht und Leidenschaft erkrankt,
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Hat bis zum lezten Schlag mit Todesschmerz
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Hier zwischen Abelard und Gott geschwankt!

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Ihr, längs dem finstern Kreuzgang hingereiht,
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Bemooste Zellen! vom Gesträuch umbebt,
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In deren Oede der Vergangenheit
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Gebild' erstehn und Geistersäuseln schwebt:

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In euern Mauern starb der Jugend Reiz
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Eh' seine Fülle noch der Knosp' entschwoll,
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Und auf der Dulderinnen Todtenkreuz
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Goß Liebe nie der Zähre lezten Zoll.

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(die Alpenros' auf Bernhards wilden Höhn
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Glüht einsam oft an schwarzer Klüfte Moos
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Und senkt der Schönheit Purpur ungesehn,
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Vom Sturm entwurzelt in der Fluten Schooß.)

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Beim Klosterthurme schlummert ihr Gebein,
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Wo scheu des Uhus träger Fittig streift,
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Und graunvoll, statt geweihter Kerzen Schein,
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Am hohen Schilf des Irrlichts Flamme schweift.

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Die Rose, die der Unschuld Farbe trägt,
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Sah' jeder Lenz vor Alters hier entblühn,
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Und Sinngrün von der Freundschaft Hand gepflegt
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Verwebte sich mit Mirth' und Rosmarin.

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Auch bebt' es oft, wie die Legende lehrt,
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Gleich Engelstönen durch die Abendluft;
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Die Kirchhofmale glänzten wie verklärt,
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Und jedem Grab' entwallt' ein goldner Duft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Matthisson
(17611831)

* 23.01.1761 in Hohendodeleben, † 12.03.1831 in Wörlitz

männlich

deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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