Alpenreise

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Friedrich von Matthisson: Alpenreise (1791)

1
Süß athmen die Blüten am stürzenden Bach,
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Hoch lächelt am Hügel manch friedliches Dach,
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Umkreist von grünen Gehegen,
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Dem Wandrer entgegen.

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Die Lüfte wehn reiner, die Unterwelt flieht,
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Die Pfade sind schattig, der Cytisus blüht.
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Wie mild ergeußt sich die Frische
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Der Balsamgebüsche!

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Wie schimmert das Grün der arkadischen Flur!
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Wie glänzen die Thäler von Gold und Azur!
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Wie blinkt im wolligen Kleide
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Die silberne Weide!

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Wie funkelt der Bäche mäandrische Flut!
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Wie dämmern die Hügel von Heerden umruht!
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Wie glühn, in blendender Reihe,
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Die Berg' in der Bläue!

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Dem Tempe des Friedens von Heerden bewallt,
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Entwinden die steinigen Pfade sich bald,
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Der Schlund am Felsen wird enger,
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Die Düsternis bänger.

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Nun sterben die Laute beseelter Natur;
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Dumpftosend umschäumen Gewässer mich nur,
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Die hoch an schwarzen Gehölzen
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Dem Gletscher entschmelzen.

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Wo Felsen den wütenden Stromfall umdräun,
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Da wandl' ich im Schauer der Wildniß allein,
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Und seh' mit traurigem Sinnen
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Die Fluten verrinnen.

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Hier wandelte nimmer der Odem des Mais;
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Hier wiegt sich kein Vogel auf duftendem Reis;
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Nur Moos' und Flechten entgrünen
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Den wilden Ruinen.

33
Wie Hesper vom Purpur des Abends umwallt,
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O Freundin, so lächelt mir deine Gestalt,
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Und hellt mit mondlicher Milde
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Des Todes Gefilde.

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O Freundin! ich denke mit Lust und mit Weh
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Des Hügels, wo wir, unter Eichen, am See,
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Im Geist' all unsern Vertrauten
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Ein Hüttchen erbauten.

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Noch tönet, wie leiser Harmonikaklang,
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Mir tief in der Seele dein süsser Gesang.
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Du rührst im Grazienschleier
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Die lesbische Leier.

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Hell schwebt noch, im abendlich duftigen Flor,
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Das Eiland der friedlichen Saone mir vor,
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Wo jüngst wir unter Syringen
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Im Dämmerlicht gingen.

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Noch wähn' ich die Thäler im Blütengewand,
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Noch wähn' ich, die Wälder am Nachtigallstrand
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Des Sees und Agathons Hallen
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Mit dir zu durchwallen.

53
Das Zaubergemälde der Täuschung zerrinnt,
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Wie Nebelgestalten im sausenden Wind;
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Kalt sprühn um wehende Locken
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Mir schneiende Flocken.

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Jezt neigt sich allmählich von eisigem Plan
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An steiler Granitwand hinunter die Bahn.
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Wie dräun, halb dunstig umflossen,
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Die Felsenkolossen!

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Oft reissen hoch aus der Umwölkungen Schooß
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Mit Donnergetöse die Blöcke sich los,
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Daß rings in langen Gewittern
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Die Gipfel erzittern.

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Tief schlummert hier unter dem Trümmergestein
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Am einsamen Kreuz der Erschlagnen Gebein.
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Der Wandrer meidet mit Schauer
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Die Stäte der Trauer.

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Ruht sanft, o ihr Todten, im Wolkenrevier.
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Der Odem des Ewigen wandelt auch hier.
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Empfangt, statt Lorbeer und Rose,
72
Dies Opfer von Moose.

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Dort senkt sich, so schaurig und still wie die Gruft,
74
Ein Pfad über Schiefer aus nächtlicher Kluft,
75
Wo Todesahndungen walten
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Um gräßliche Spalten.

77
Ihn wandelt der Jäger der Gemsen, im Graun
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Der feuchtenden Wolke, mit kühnem Vertraun,
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Und späht, im treuen Geleite
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Der Hunde, nach Beute.

81
Oft dringt er im Lauf der herkulischen Jagd
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Durch kaltes Geträufel und Schlünde voll Nacht
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Hinunter zu der Kristalle
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Cimmerischer Halle.

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Ich folge dem Starken; im Kampf mit Gefahr
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Erhebt sich, wie machtvoll zur Sonne der Aar,
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Der Geist aus kerkernden Schranken
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Zu Göttergedanken.

89
Bald endet am schwankenden Stege die Kluft.
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Wie lieblich sich unten aus magischem Duft
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Die Pyramidengestalten
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Der Tannen entfalten!

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So lächelt, nach Wogengetümmel und Sturm,
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Dem nächtlichen Schiffer der leuchtende Thurm
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Durch Nebel, welche die Auen
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Der Heimat umgrauen.

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In Herrlichkeit ragen, am Westhorizont,
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Die Riesen der Alpen, schon röther besonnt.
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Wie sanft sich östlich mit Bäumen
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Die Triften besäumen!

101
Die Schneewelt umschleiert ein weißliches Grau;
102
Fern glänzen die Blumengefilde vom Blau
103
Der Soldanelle verkündet;
104
Die Wüste verschwindet.

105
Schon senkt sich der Abend. Im röthlichen Schein
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Winkt, unter den Felsen am Lerchenbaumhain,
107
Die Eremitenkapelle
108
Mit moosiger Zelle.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Matthisson
(17611831)

* 23.01.1761 in Hohendodeleben, † 12.03.1831 in Wörlitz

männlich

deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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