Milesisches Mährchen

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Friedrich von Matthisson: Milesisches Mährchen (1790)

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Ein milesisches Mährchen, Adonide!
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Unter heiligen Lorbeerwipfeln glänzte
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Hoch auf rauschendem Vorgebirg' ein Tempel.
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Aus den Fluthen erhub, vom Pan gesegnet,
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Im Gedüfte der Ferne sich ein Eiland.
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Oft, in mondlicher Dämmrung, schwebt' ein Nachen
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Vom Gestade des heerdenreichen Eilands
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Zur umwaldeten Bucht, wo sich ein Steinpfad
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Zwischen Mirthen zum Tempelhain emporwand.
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Dort, im Rosengebüsch, der Huldgöttinnen
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Marmorgruppe geheiligt, fleht' oft einsam
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Eine Priesterin, reizend wie Appelles
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Seine Grazien malt, zum Sohn Cytherens,
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Ihren Kallias freundlich zu umschweben
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Und durch Wogen und Dunkel ihn zu leiten,
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Bis der nächtliche Schiffer, wonneschauernd,
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An den Busen ihr sank. Ein schöner Jüngling!
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Werth Endymions Göttertraum zu träumen.
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Liebe säuselte Zephyr; Liebe stralte
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Luna durch die Platanen; Philomele
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Sang, in Tönen der Nachtigall von Lesbos,
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Auf den Mirthen ein Brautlied; Amorn woben
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Einen magischen Flor um die Vermählten.

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Veilchen blühten und starben; an der Quelle
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Schlossen Rosen sich auf; im Aehrenkranze
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Grüßte Ceres die goldne Flur, und immer
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Kam und kehrte der Nachen. Den Beglückten,
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Gleich den seligen Herrschern des Olympus,
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Fern vom Künftigen und Vergangnen, strömte
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Der Entzückungen Fülle. Arethusa
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Wallt im Scheine des Morgenroths nicht heller
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Als die Stunden der Liebe; doch sie rauschen,
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Adonide! wie Pfeile von Apollons
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Silberbogen dahin. Olympiaden
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Schwinden Amors Geweihten mit dem Eilflug
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Eines Tages im Lenzhain, wenn den Chortanz
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Lied und Flöte begeistern und mit Epheu
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Holde Mädchen den Kelch von Thasos krönen.

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Agerochos der alte Zaub'rer brannte
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Für die Priesterin, und zu ihren Füssen
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Schmolz sein ehernes Herz in wilder Flamme.
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Doch sie spottete sein, wie des Cyklopen
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Galatea die Nymph', und ihr Gedanke
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Flog zur seligen Insel, wo der Nachen,
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Wenn die Sonne meeruntergieng, dem Ufer
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Auf gerötheter Spiegelfluth entrauschte,
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Von Tritonen umschwärmt und Nereiden.
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Bläulich schimmert' auch oft (ein schaurig Wunder!)
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Wenn sie festlichbekränzt den Opferhymnus
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Am Altare begann, durch Weihrauchswolken,
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Am Gewölbe des Heiligthums die Gluthschrift:

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"lieb', o Schöne, den Zaub'rer Agerochos!
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Seit Deukalions Fluth gebeut der Zepter
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Seiner Göttergewalt den Elementen,
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Hüllt die Scheibe des Monds in Rabenschwärze,
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Hemmt den brausenden Stromfall, heißt Palläste
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Von Rubinen und Gold der Erd' entschimmern,
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Winkt die Geister der Todten aus versunknen
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Sarkophagen empor, verwandelt Menschen
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Bald in Blumen der Flur und Haingestäude,
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Bald in schuppichte Wasserungeheuer,
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Bald in flammenbeschweifte Nachtphantome.
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Herrsch' auf stralendem Thron im Schooß der Bergkluft!
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Lieb', o Schöne, den Zaub'rer Agerochos!"

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Eine wächserne Tafel an der Felswand,
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Wo des Tempels Gebüsch an wilde Spalten
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Und volkanische Bergruinen grenzte,
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Gab dem schrecklichen Freyer drauf zur Antwort:

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"wenn die Fichten der Oede von der Goldfrucht
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Der hesperischen Wundergärten schimmern,
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Wenn gesprenkelte Pardel mit Delphinen
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Und des wipfelumrauschten Aetnas Gluthen
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Mit kaukasischem Eise sich vermählen,
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Wird dem Herrscher der Bergkluft und Glyceren
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Hymens Fackel am goldnen Torus lodern."

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Wuth entfunkelte drob des Unholds Nachtblick.
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Einst als Kallias, in des Zaubermondes
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Lauer Dämmerung an Glycerens Busen
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Traulich kos'te, da scholl's, wie dumpfes Donnern
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In den Tiefen des Aetna, eh' der Gluthstrom
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Seine Wogen emporwälzt, aus den öden
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Felsenschlünden der hohen Berggehölze:
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Wetterwolken umlagerten den Vollmond;
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Durch die sausenden Lorbeerwipfel zuckten
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Blaue Leuchtungen und es rauscht' urplözlich,
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An zersplitternden Zweigen, ein umflammter
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Drachenwagen herab. Glycera bleicher
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Als penthelischer Marmor, und den Jüngling,
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Wie die Rebe den Ulmbaum, fest umschlingend,
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Glaubt' in stygisches Dunkel zu versinken;
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Denn mit Grausen erkannte sie im schwarzen
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Drachenlenker den Zaub'rer Agerochos.
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Als, umwunden vom Schwanenarm der Schönen,
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Die Adonisgestalt sich ihm enthüllte,
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Da, im Krampfe des Zorns, berührt' er beide
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Mit dem Zepter der Rache. Donnerwolken
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Bargen mystisch die Scene. Blize flammten
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Furchtbar über des Meeres grausem Abgrund.
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Bald verstummte der Nachtorkan; die düstern
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Wolkenheere verflogen und der Vollmond
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Schwebt' in freundlicher Herrlichkeit am Himmel.
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Doch er leuchtete nicht wie sonst dem holden
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Paar im Rosengebüsch; der Plaz war öde.
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Beide grünten als Mirthen, dicht am Wäldchen
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Wo der Grazien Marmorgruppe glänzte.
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Amor heiligte die verschränkten Zweige,
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Wo die Nachtigall gern, im Rosenmonde,
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In der Dämmerung sang, zum Laub der Liebe.

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Ein ephesischer Priester, der zu Kuma
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Mir dies Wunder erzählte, sah' als Knabe
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Oft, mit heiligem Grau'n, des weitberühmten
112
Tempels prächtige Trümmer und die Waldbucht
113
Wo der Nachen des kühnen Jünglings ruhte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Matthisson
(17611831)

* 23.01.1761 in Hohendodeleben, † 12.03.1831 in Wörlitz

männlich

deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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