Die Kinderjahre

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Friedrich von Matthisson: Die Kinderjahre (1790)

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Die Pappelweide zittert
2
Vom Abendschein durchblinkt,
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Wo, von Schasmin umgittert,
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Die Laube traulich winkt,
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Und mit geflochtnem Pförtchen,
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Das auf den Weiher sieht,
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Ein ländlichstilles Gärtchen
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Die Halmenhütt' umblüht.

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Vom Opfer des Atriden
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Im goldnen Opernsaal
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Eilt' ich zu deinem Frieden,
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Umbüschtes Rhonethal!
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Nach Einsamkeit nur schmachtend
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Wähl' ich die Gartenthür,
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Der Landschaft Reiz betrachtend,
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Zur Opernloge mir.

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Dies Dach mit dunklem Moose,
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Dies frische Rebengrün,
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Dies Beet wo Malv' und Rose
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Und Nachtviole blühn;
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Die unbeschorne Hecke,
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Der Hopfenranke Wehn,
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Der Hof wo Bienenstöcke
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Im Fliederschatten stehn;

25
Der Brunnenröhre Rauschen,
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Die Scheur' am Haselzaun,
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Wo Täubchen Küsse tauschen
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Und treue Schwalben baun:
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Dies alles zaubert, milder
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Als Abendsonnenblick,
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Die rosenfarbnen Bilder
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Der Kindheit mir zurück.

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Du, deren goldnem Stabe
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Die Nebelsäule weicht,
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Die aus dem dunklen Grabe
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Geschiedner Jahre steigt,
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O Phantasie! erhelle
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Der ersten Pfade Spur
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Und jede Blumenstelle
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Der väterlichen Flur.

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Ich seh' des Dorfes Weiden,
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Des Wiesenbaches Rand,
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Wo ich die ersten Freuden,
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Den ersten Schmerz empfand;
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Den Plaz, wo, unter Maien,
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Auf weißbeblümtem Plan,
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Beim Jubel der Schallmeien,
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Der Mondscheintanz begann;

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Den Hag, wo Nachbars Lotte
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Zur Veilchenlese kam,
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Den Teich, wo meine Flotte
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Von Tannenborke schwamm;
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Die alten Eichenstümpfe
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Am schilfumrauschten Moor,
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Die blaue Wassernymphe
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Gewiegt am schlanken Rohr;

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Die Au', wo ich, am Bache,
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Mir Zweigpalläste wob,
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Wo der papierne Drache
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Sich in die Lüft' erhob;
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Des Meierhofes Hügel
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Im stillen Fruchtbaumhain,
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Der Mühle rasche Flügel
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Am saatengrünen Rain;

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Die Sträuche, wo die Schlinge
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Den Zeisig oft betrog,
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Wo nach dem Schmetterlinge
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Mein leichter Strohhut flog;
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Das Rohrdach dessen Nester
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Ich ritterlich verfocht,
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Die Bank wo meine Schwester
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Cyanenkränze flocht;

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Das Beet, wo, frisch wie Hebe,
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Im weissen Lenzgewand,
75
Sie an bemalte Stäbe
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Levkoj' und Nelke band;
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Die Schule, dumpf und düster,
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Umrankt von Wintergrün,
79
Wo uns der ernste Küster
80
Ein Weltgebieter schien.

81
Ich seh' des Kirchhofs Bäume,
82
Der Gräber hohes Gras,
83
Wo ich so oft die Reime
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Der Leichensteine las;
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Das Flittergold im Kranze
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An junger Bräute Gruft,
87
Im bleichen Vollmondsglanze
88
Ein Spiel der Sommerluft;

89
Den Steintisch, wo der Krieger,
90
Ein Held bei Sorr und Prag,
91
Von Roßbachs grossem Sieger,
92
Von Kleist und Ziethen sprach;
93
Die Tenne, wo der Schnitter
94
Sein braunes Mädchen schwang
95
Wenn froh des Bergmanns Zitter
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Zum Erntereih'n erklang;

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Den Brettersiz am Weiher,
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Seit grauer Väterzeit
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Dem Spiel der rothen Eier
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Am Ostertag geweiht;
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Die Laube von Hollunder,
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Wo, auf der Rasenbank,
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Ich einsam in die Wunder
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Der Feenwelt versank.

105
Da glaubt' ich grüne Zwerge
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Mit diamantnem Speer
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Und vom Magnetenberge
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Die schauerliche Mähr;
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Die Hütte ward zum Schlosse,
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Der Teich zum Silbersee,
111
Mein Steckenpferd zum Rosse,
112
Die Nachtigall zur Fee.

113
Da spottet' ich der Nebel
114
Von Grillenfang und Gram,
115
Selbst wenn im Kampf den Säbel
116
Der stolze Feind mir nahm;
117
Wenn ich der Schwester Freude,
118
Den Hänfling, sterbend fand,
119
Und, ach! das Roth am Kleide
120
Der Bleisoldaten schwand.

121
Da war, im Abendscheine,
122
Ein stilles Veilchenthal
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Am Nachtigallenhaine
124
Mir Ball- und Opernsaal!
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Der Seifenblase Schimmer
126
Entzückte königlich,
127
Wie nie die Demantflimmer
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Der Maskentänze, mich.

129
Da fühlt' ich von Verlangen,
130
Sah' ich am Himmelszelt
131
Die goldnen Lampen prangen,
132
Mein ahndend Herz geschwellt:
133
Doch mehr denn Stern' und Sonne
134
War in des Mondes Rund
135
Der Jäger meine Wonne
136
Mit Dornenbusch und Hund.

137
Da schien der Geisterweihe
138
Gefürchtetes Revier,
139
Des Brockens ferne Bläue,
140
Des Weltalls Grenze mir;
141
Ich wußte von den Kreisen
142
Der Erd' und ihrem Gleis
143
Was ich vom Stein der Weisen
144
Und von Heraldik weiß.

145
Da floß mir keine Zähre,
146
Neapels Götterau'n,
147
Verklärung, Belvedere
148
Und Kapitol zu schaun;
149
Es war die Tufsteinhöle
150
Zum Kunstsaal mir genug,
151
Und meine Raphaele
152
Fand ich im Ritterbuch.

153
Da wurde, von den Flocken
154
Des Januars umstürmt,
155
Mit jubelndem Frohlocken
156
Der Schneemann aufgethürmt!
157
Den Kirchenhügel glitten,
158
Gelenkt vom Eisenstab,
159
Im zephyrleichten Schlitten
160
Wir pfeilgeschwind hinab.

161
Im öden Weltgewühle
162
Hebt Wehmuth meine Brust,
163
Denk' ich der Knabenspiele
164
Und ihrer Götterlust!
165
Zu schnell verrauschte Jahre
166
Der Unbefangenheit,
167
Was, zwischen Wieg' und Bahre,
168
Gleicht eurer Seligkeit?

169
O väterliche Fluren!
170
Welch Tempe, welche Schweiz
171
Trägt eurer Wonnespuren
172
Unsäglich holden Reiz?
173
Hoch auf beschneiten Gipfeln
174
Und auf erzürntem Meer
175
Weht sanft aus euren Wipfeln
176
Erquickung zu mir her!

177
Wenn mondlos mich die Hülle
178
Der Mitternacht umwallt
179
Und durch die Todtenstille
180
Nur meine Klage schallt:
181
Lacht mir von euren Gränzen
182
Ein Stral von Seelenruh',
183
Wie abendliches Glänzen
184
Nach Ungewittern, zu.

185
Durchsegle kühn die Meere
186
Wie Cook und Magellan;
187
Erfleug das Ziel der Ehre
188
Auf nie beflogner Bahn;
189
Erblick, ein Stolz der Musen,
190
Dein Bild in Erz und Stein;
191
Ruh' an Cytherens Busen
192
In Amors Mirthenhain;

193
Gieb Königen Geseze;
194
Sei Herr von Perus Gold;
195
Gebeut im Reich der Schäze
196
Die uns Golkonda zollt;
197
Vereine was auf Thronen
198
Der Erdball staunend preist
199
Und beide Lorbeerkronen
200
Wie Friederich und Kleist:

201
Umsonst! der Sorgen Heere
202
Durchschwärmen, ohne Rast,
203
Den Glanz am Ziel der Ehre,
204
Den Goldsaal im Pallast!
205
Bei Todis Zauberkehle
206
Bleibst du in Gram verhüllt,
207
Du strebst nach Ruh' der Seele
208
Und greifst ein Schattenbild!

209
Entflohn dem Kriegsgetümmel
210
Trübt Unmuth deinen Blick;
211
Umglänzt vom Alpenhimmel
212
Verklagst du dein Geschick;
213
Du spähst auf fernem Boden
214
Des Friedens dunkle Spur:
215
Betrogner, ach! sein Oden
216
Umweht die Kindheit nur.

217
Sie sieht im Frühlingshaine
218
All' ihre Freuden blühn!
219
Es wallt in Rosenscheine
220
Ihr Blumenleben hin!
221
Nie hat der Gott der Zeiten,
222
Der Unschuld ewig hold,
223
Das Buch der Möglichkeiten
224
Vor ihrem Blick entrollt!

225
Ach! bis zu Charons Kahne
226
Schweift unsrer Wünsche Noth;
227
Der Kindheit leichte Plane
228
Begrenzt das Abendroth!
229
Wir ahnden Sturm und Klippen
230
Bei frühlingsheitrer Fahrt:
231
Sie hängt mit Bienenlippen
232
Nur an der Gegenwart!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Matthisson
(17611831)

* 23.01.1761 in Hohendodeleben, † 12.03.1831 in Wörlitz

männlich

deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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