Elegie in den Ruinen eines alten Bergschlosses geschrieben

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Friedrich von Matthisson: Elegie in den Ruinen eines alten Bergschlosses geschrieben (1786)

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Schweigend in der Abenddämmrung Schleier,
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Ruht die Flur, das Lied der Haine stirbt,
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Nur daß hier, im alternden Gemäuer,
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Melancholisch noch ein Heimchen zirpt.
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Stille sinkt aus unbewölkten Lüften,
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Langsam ziehn die Heerden von den Triften,
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Und der müde Landmann eilt der Ruh
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Seiner väterlichen Hütte zu.

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Hier, auf diesen waldumkränzten Höhen,
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Unter Trümmern der Vergangenheit,
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Wo der Vorwelt Schauer mich umwehen,
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Sei dies Lied, o Wehmuth, dir geweiht!
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Traurend denk' ich, was vor grauen Jahren
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Diese morschen Ueberreste waren;
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Ein bethürmtes Schloß, voll Majestät
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Auf des Berges Felsenstirn erhöht!

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Dort, wo um des Pfeilers dunkle Trümmer
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Traurigflüsternd sich der Epheu schlingt,
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Und der Abendröthe trüber Schimmer
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Durch den öden Raum der Fenster blinkt,
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Segneten vielleicht des Vaters Thränen
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Einst den Edelsten von Deutschlands Söhnen,
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Dessen Herz der Ehrbegierde voll,
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Heiß dem nahen Kampf entgegen schwoll.

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Zeuch in Frieden, sprach der greise Krieger,
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Ihn umgürtend mit dem Heldenschwert,
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Kehre nimmer, oder kehr' als Sieger,
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Sei des Namens deiner Väter werth!
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Und des edlen Jünglings Auge sprühte
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Todesflammen, seine Wange glühte,
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Gleich dem aufgeblühten Rosenhain
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In der Morgenröthe Purpurschein.

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Wild, wie Meere toben, flog der Ritter
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Dann mit frohem Ungestüm zur Schlacht,
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Wie der Tannenwald im Sturmgewitter,
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Beugte sich vor ihm des Feindes Macht!
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Mild, wie Bäche, die durch Blumen wallen,
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Kehrt er zu des Felsenschlosses Hallen,
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Zu des Vaters Freudenthränenblick,
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In des keuschen Mädchens Arm zurück.

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Ach! mit banger Sehnsucht blickt die Holde
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Oft vom Söller nach des Thales Pfad;
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Schild' und Panzer glühn im Abendgolde,
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Rosse fliegen! der Geliebte naht!
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Sprachlos nun die treue Hand ihm reichend,
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Steht sie da, erröthend und erbleichend,
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Aber was ihr sanftes Auge spricht,
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Sänge selbst dein Mund, o Liebe, nicht!

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Laut erscholl im hochgewölbten Saale,
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Dort wo aus dem Schutt die Säule ragt,
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Dann der Klang der mächtigen Pokale,
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Unter Freud' und Scherz entfloh die Nacht.
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Die Geschichten schwererkämpfter Siege,
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Grauser Abentheu'r im heilgen Kriege,
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Weckten in der rauhen Helden Brust
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Die Erinnrung schauerlicher Lust.

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O der Wandlung! Graun und Nacht umdüstern
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Nun den Schauplaz jener Herrlichkeit!
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Schwermuthsvolle Abendwinde flüstern,
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Wo die Starken sich des Mahls gefreut!
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Disteln wanken einsam auf der Stäte,
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Wo um Schild und Speer der Knabe flehte,
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Wann der Schlachtdrommete Ruf erklang
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Und sich wild aufs Roß der Vater schwang!

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Asche sind die ehernen Gebeine,
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Staub der Helden Felsenstirnen nun!
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Kaum daß halbversunkne Leichensteine
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Noch die Stäte melden, wo sie ruhn.
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Viele wurden längst ein Spiel der Lüfte,
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Ihr Gedächtniß sank wie ihre Grüfte,
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Und den Thatenglanz der Heldenzeit
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Hüllt das Dunkel der Vergessenheit!

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So vergehn des Lebens Herrlichkeiten!
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So entfleucht das Traumbild eitler Macht!
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So versinkt im schnellen Lauf der Zeiten,
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Was die Erde trägt, in öde Nacht!
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Lorbeern, die des Siegers Stirn umkränzen,
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Thaten, die in Erz und Marmor glänzen,
79
Urnen, der Erinnerung geweiht,
80
Und Gesänge der Unsterblichkeit!

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Alles was mit Sehnsucht und Entzücken
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Hier am Staub ein edles Herz erfüllt,
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Schwindet, gleich des Herbstes Sonnenblicken,
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Wenn ein Sturmgewölk den Aether hüllt.
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Die am Abend freudig sich umfassen
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Sieht die Morgenröthe schon erblassen;
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Selbst der Freundschaft und der Liebe Glück
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Läßt auf Erden keine Spur zurück!

89
Süsse Liebe! deine Rosenauen
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Gränzen an bedornte Wüstenei'n,
91
Und ein plözliches Gewittergrauen
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Düstert oft der Freundschaft Himmelsschein.
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Hoheit, Ehre, Macht und Ruhm sind eitel!
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Eines Weltgebieters stolze Scheitel
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Und ein zitternd Haupt am Pilgerstab
96
Deckt mit einer Dunkelheit das Grab!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Matthisson
(17611831)

* 23.01.1761 in Hohendodeleben, † 12.03.1831 in Wörlitz

männlich

deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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