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Die Segelflotte der Gedanken,
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Wie fröhlich fährt sie durch die Schranken
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Der aufgesperrten Mundesschleuse
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Bei gutem Winde auf die Reise
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Und steuert auf des Schalles Wellen
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Nach den bekannten offnen Stellen
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Am Kopfe in des Ohres Hafen
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Der Menschen, die mitunter schlafen.
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Doch andern, darin mehr zurück,
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Fehlt dieser unfehlbare Blick.
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Sie lockt das zartere Gemüt
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Ins anmutreiche Kunstgebiet,
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Wo grade, wenn man nichts versteht,
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Der Schnabel um so leichter geht.
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Fern liegt es mir, den Freund zu rügen,
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Dem Tee zu kriegen ein Vergnügen
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Und im Salon mit geistverwandten
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Ästhetisch durchgeglühten Tanten
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Durch Reden bald und bald durch Lauschen
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Die Seelen säuselnd auszutauschen.
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Auch tadl' ich keinen, wenn's ihn gibt,
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Der diese Seligkeit nicht liebt,
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Der keinen Tee mag, selbst von Engeln,
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Dem's da erst wohl, wo Menschen drängeln.
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Ihn fährt die Droschke, zieht das Herz
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Zu schönen Opern und Konzerts,
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Die auch im Grund, was nicht zu leugnen,
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Zum Zwiegespräch sich trefflich eignen.
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Man sitzt gesellig unter vielen
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So innig nah auf Polsterstühlen,
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Man ist so voll humaner Wärme,
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Doch ewig stört uns das Gelärme,
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Das Grunzen, Plärren und Gegirre
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Der musikalischen Geschirre,
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Die eine Schar im schwarzen Fracke
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Mit krummen Fingern, voller Backe,
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Von Meister Zappelmann gehetzt,
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Hartnäckig in Bewegung setzt.
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So kommt die rechte Unterhaltung
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Nur ungenügend zur Entfaltung.
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Ich bin daher, statt des Gewinsels,
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Mehr für die stille Welt des Pinsels;
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Und, was auch einer sagen mag,
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Genußreich ist der Nachmittag,
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Den ich inmitten schöner Dinge
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Im lieben Kunstverein verbringe;
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Natürlich meistenteils mit Damen.
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Hier ist das Reich der goldnen Rahmen,
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Hier herrschen Schönheit und Geschmack,
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Hier riecht es angenehm nach Lack;
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Hier gibt die Wand sich keine Blöße,
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Denn Prachtgemälde jeder Größe
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Bekleiden sie und warten ruhig,
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Bis man sie würdigt, und das tu ich.
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Mit scharfem Blick, nach Kennerweise,
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Seh ich zunächst mal nach dem Preise,
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Und bei genauerer Betrachtung
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Steigt mit dem Preise auch die Achtung.
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Ich blicke durch die hohle Hand,
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Ich blinzle, nicke: »Ah, scharmant!
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Das Kolorit, die Pinselführung,
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Die Farbentöne, die Gruppierung,
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Dies Lüster, diese Harmonie,
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Ein Meisterwerk der Phantasie.
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Ach, bitte, sehn Sie nur, Komteß!«
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Und die Komteß, sich unterdeß
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Im duftigen Batiste schneuzend,
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Erwidert schwärmrisch: »Oh, wie reizend!«
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Und wahrlich! Preis und Dank gebührt
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Der Kunst, die diese Welt verziert.
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Der Architekt ist hochverehrlich,
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(obschon die Kosten oft beschwerlich)
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Weil er uns unsre Erdenkruste,
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Die alte, rauhe und berußte,
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Mit saubern Baulichkeiten schmückt,
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Mit Türmen und Kasernen spickt.
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Der Plastiker, der uns ergötzt,
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Weil er die großen Männer setzt,
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Grauschwärzlich, grünlich oder weißlich,
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Schon darum ist er löb- und preislich,
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Daß jeder, der z.B. fremd
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Soeben erst vom Bahnhof kömmt,
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In der ihm unbekannten Stadt
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Gleich den bekannten Schiller hat.
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Wer weiß die Hallen und dergleichen
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So welthistorisch zu bestreichen?
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Al fresco und für ewig fast,
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Wenn's mittlerweile nicht verblaßt.
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Wer liefert uns die Genresachen,
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So rührend oder auch zum Lachen?
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Wer schuf die grünen Landschaftsbilder,
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Die Wirtshaus- und die Wappenschilder?
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Wer hat die Reihe deiner Väter
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Seit tausend Jahren oder später
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So meisterlich in Öl gesetzt?
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Wer wird vor allen hochgeschätzt?
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Der Farbenkünstler! Und mit Grund!
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Er macht uns diese Welt so bunt.