Hänschen Däumeling

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Wilhelm Busch: Hänschen Däumeling (1870)

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Es lebt ein Schneider, leicht und dünn,
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mit seiner Frau gemütlich hin.
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Sie hatten auch ein Söhnchen schon,
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sehr klein und zierlich von Person.
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Er war nicht dicker wie die Pflaumen
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und grad so lang als wie mein Daumen.
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Drum, weil er so ein kleines Ding,
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nennt man ihn Hänschen Däumeling.

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Sein Mut jedoch ist ohne Tadel,
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sein Degen spitz wie eine Nadel;
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damit hat er an einer Wand
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drei Fliegen durch und durch gerannt.

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Drauf legt er sich im grünen Grase,
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um auszuruhn, auf Bauch und Nase.

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Ein Rabe, der spazierengeht,
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hat ihn mit einem Aug' erspäht.
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Er denkt: »Was ist das für ein Käfer?«

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Und rupft und zupft den kleinen Schläfer.
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Der dreht sich um und will den Frechen
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in seine dürren Waden stechen.

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»kraha!« – lacht dieser – »wär nit übel!
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Gottlob! ich habe dicke Stiebel!«

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Grapps! packt er ihn, fliegt in die Höh
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und weit, weit über einen See.

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Die Eltern aber fragen bange:
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»wo bleibt denn Hänschen nur so lange?«

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Sie suchen ihn in allen Taschen,
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in Stiefeln, Hauben, Büchsen, Flaschen.
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Sie rufen: »Herzchen!« rufen: »Liebchen!«
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Allein es kommt und kommt kein Bübchen.

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Der Rabe mit dem Hänschen flog
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auf einen Baum, erschrecklich hoch.
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Hier wünscht er ihm recht guten Morgen
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und läßt ihn für sich selber sorgen.

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Uhu! Im Astloch mit Geheule
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hockt eine alte Schleiereule.

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Und über ihm die dicke Spinne
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hat auch nichts Gut's mit ihm im Sinne.

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Schon sträubt die Eule sich und droht;
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das Hänschen sticht die Spinne tot.
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Schnell läßt er sich an ihrem Faden
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vom Baum herunter ohne Schaden.
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Juchhe! Hier unten in dem Moos
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Geht's lustig her und ist was los.
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Drei muntre Käfer trinken Met
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von allerbester Qualität.

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Da heißt es: Prost! und: Was wir lieben!
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Das Hänschen trinkt so viel wie sieben.
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Der Kopf wird schwer, die Beine knicken,

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bums! liegt das Hänschen auf dem Rücken.

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Das gibt'n Spaß! Die Käfer laufen
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mit ihm zu einem Ameishaufen.

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So was macht munter. O wie schnelle
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verläßt er diese Wimmelstelle!

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Er läuft und schlupft mit großer Freude
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in ein sehr enges Wohngebäude.

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»nun ja!« – denkt sich der Jägersmann –
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»jetzt zieh ich meine Handschuh an!«

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Auweh! – Was war das für ein Stich!?
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Der Jägersmann schreit jämmerlich.

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Dem Hänschen wird's bedenklich doch;
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er möchte in ein Mäuseloch.
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»ein Dieb, ein Dieb!« – so schreit die Maus
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und zieht ihn hinterwärts heraus.
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Und plötzlich geht's: Kraha Kraha!!
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Der böse Rab ist wieder da.

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Er faßt die Maus bei ihrem Schwänzchen
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und flattert weg mit Maus und Hänschen.

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»die« – ruft der Jäger – »muß ich haben!«
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Bauz! – richtig trifft er Maus und Raben.

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Und Rabe, Maus und Hänselein
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plumbumsen in den See hinein.

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Sofort erscheint die kleine Sylphe
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Zephire, Königin im Schilfe,
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reicht ihm die Hand und lispelt fein:
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»sprich, Prinz, willst du mein Liebster sein?«
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»schön Dank!« – spricht er – »o Königin!
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Ich muß zu meinen Eltern hin!«
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»so geh ich mit dir!« – haucht Zephire –
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»mein Schifflein wartet vor der Türe!«

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Und wie sie so dahingefahren
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und mitten auf dem Wasser waren,
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da kommt ein dicker Hecht und: schwapp!
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schluckt er sie in den Bauch hinab.

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Ein Fischer, welcher grade fischt,
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hat aber gleich den Hecht erwischt.

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Er überbringt ihn Hänschens Mutter,
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die denkt: »Den braten wir in Butter!«
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Ratsch! wird der Bauch ihm aufgeschnitten,
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und sieh! wer kommt herausgeschritten?

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Ei! unser Hänschen, und galant
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führt er Zephiren an der Hand.

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Das wurde mal ein hübsches Paar!
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Sie lebten fröhlich manches Jahr.
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Und Hänschen ward ein Damenschneider
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und machte wunderschöne Kleider;
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und was er machte, saß.
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Er stieg auf eine Leiter
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und nahm genau das Maß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Busch
(18321908)

* 15.04.1832 in Wiedensahl, † 09.01.1908 in Mechtshausen

männlich, geb. Busch

deutscher Verfasser von satirischen in Verse gefassten Bildergeschichten (1832-1908)

(Aus: Wikidata.org)

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