Einleitung

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Wilhelm Busch: Einleitung (1870)

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Der Weise, welcher sitzt und denkt
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Und tief sich in sich selbst versenkt,
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Um in der Seele Dämmerschein
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Sich an der Wahrheit zu erfreun,
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Der leert bedenklich seine Flasche,
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Hebt seine Dose aus der Tasche,
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Nimmt eine Prise, macht Habschieh!
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Und spricht:

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»mein Sohn, die Sach ist die!
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Eh man auf diese Welt gekommen
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Und noch so still vorlieb genommen,
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Da hat man noch bei nichts was bei;
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Man schwebt herum, ist schuldenfrei,
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Hat keine Uhr und keine Eile
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Und äußerst selten Langeweile.
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Allein man nimmt sich nicht in acht,
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Und schlupp! ist man zur Welt gebracht.

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Zuerst hast Du es gut, mein Sohn,
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Doch paß mal auf, man kommt Dir schon!
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Bereits Dein braves Elternpaar
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Erscheint Dir häufig sonderbar.
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Es saust der Stab, dann geht es schwapp!
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Sieh da, mein Sohn, Du kriegst was ab.
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Und schon erscheint Dir unabwendlich
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Der Schmerzensruf: Das ist ja schändlich!

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Du wächst heran, Du suchst das Weite,
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Jedoch die Welt ist voller Leute;
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Vorherrschend Juden, Weiber, Christen,
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Die Dich ganz schrecklich überlisten,
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Und die, anstatt Dir was zu schenken,
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Wie Du wohl möchtest, nicht dran denken.
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Und wieder scheint Dir unabweislich
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Der Schmerzensruf: Das ist ja scheußlich!

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Doch siehe da, im trauten Kreis
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Sitzt Jüngling, Mann und Jubelgreis,
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Und jeder hebt an seinen Mund
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Ein Hohlgemäß, was meistens rund,
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Um draus in ziemlich kurzer Zeit
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Die drin enthaltne Flüssigkeit
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Mit Lust und freudigem Bemühn
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Zu saugen und herauszuziehn.
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Weil jeder dies mit Eifer tut,
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So sieht man wohl, es tut ihm gut.
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Man setzt sich auch zu diesen Herrn,
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Man tut es häufig, tut es gern,
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Und möglichst lange tut man's auch;
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Die Nase schwillt, es wächst der Bauch,
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Und bald, mein Sohn, wirst Du mit Graun
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Im Spiegelglas Dein Bildnis schaun,
50
Und wieder scheint Dir unerläßlich
51
Der Schmerzensruf: Das ist ja gräßlich!!

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Mein lieber Sohn, Du tust mir leid.
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Dir mangelt die Enthaltsamkeit.
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Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
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An Sachen, welche wir nicht kriegen.
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Drum lebe mäßig, denke klug.
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Wer nichts gebraucht, der hat genug!«
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So spricht der Weise, grau von Haar,
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Ernst, würdig, sachgemäß und klar,
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Wie sich's gebührt in solchen Dingen;
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Läßt sich ein Dutzend Austern bringen,
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Ißt sie, entleert die zweite Flasche,
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Hebt seine Dose aus der Tasche,
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Nimmt eine Prise, macht habschüh!
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Schmückt sich mit Hut und Paraplü,
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Bewegt sich mit Bedacht nach Haus
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Und ruht von seinem Denken aus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Busch
(18321908)

* 15.04.1832 in Wiedensahl, † 09.01.1908 in Mechtshausen

männlich, geb. Busch

deutscher Verfasser von satirischen in Verse gefassten Bildergeschichten (1832-1908)

(Aus: Wikidata.org)

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