Pater Filucius

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Wilhelm Busch: Pater Filucius (1870)

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Höchst erfreulich und belehrend
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Ist es doch für jedermann,
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Wenn er allerlei Geschichten
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Lesen oder hören kann.

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So zum Beispiel die Geschichte
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Von dem Gottlieb Michael,
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Der bis dato sich beholfen
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So lala als Junggesell.

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Zwo bejahrte fromme Tanten
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Lenken seinen Hausbestand;
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Und Petrine und Pauline
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Werden diese zwo benannt.

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Außerdem, muß ich bemerken,
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Ist noch eine Base da,
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Hübsch gestaltet, kluggelehrig,
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Nämlich die Angelika.

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Wo viel zarte Hände walten –
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Na, das ist so wie es ist!
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Kellerschlüssel, Bodenschlüssel
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Führen leicht zu Zank und Zwist.

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Ebenso in Kochgeschichten
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Einigt man sich öfters schwer.
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Gottlieb könnte lange warten,
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Wenn Angelika nicht wär.

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Sie besorgt die Abendsuppe
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Still und sorgsam und geschwind;
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Gottlieb zwickt sie in die Backe:
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»danke sehr, mein gutes Kind!«

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Grimmig schauen itzt die Tanten
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Dieses liebe Mädchen an:
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»ei, was muß man da bemerken?
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Das tut ja wie Frau und Mann!«

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Dennoch und trotz allediesem
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Geht die Wirtschaft doch so so. –
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Aber aber, aber aber
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Jetzt kommt der Filuzio.

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Nämlich dieser Jesuiter
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Merkt schon längst mit Geldbegier
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Auf den Gottlieb sein Vermögen,
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Denkend: »Ach, wo krieg ich dir?«

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Allererst pirscht er sich leise
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Hinter die Angelika,
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Die er Äpfelmus bereitend
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An dem Herde stehen sah.

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Und er spricht mit Vaterstimme:
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»meine Tochter, Gott zum Gruß!«
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Schlapp! da hat er im Gesichte
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Einen Schleef voll Appelmus.

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Dieses plötzliche Ereignis
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Tut ihm in der Seele leid. –
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Ach, man will auch hier schon wieder
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Nicht so wie die Geistlichkeit!! –

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Doch die gute Tante Trine
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Sehnt sich ja so lange schon
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Nach dem Troste einer frommen,
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Klerikalen Mannsperson. –

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Da ist eher was zu machen. –
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Luzi macht sich lieb und wert,
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Weil er ihr als Angebinde
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Schrupp, den kleinen Hund, beschert.

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Schrupp ist wirklich auch possierlich.
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Er gehorchet auf das Wort,
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Holt herbei, was ihm befohlen,
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Wenn es heißet: »Schrupp, apport!«

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Heißt es: »Liebes Schrupperl, singe!«
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Fängt er schön zu singen an;

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Spielt man etwas auf der Flöte,
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Hupft er, was er hupfen kann.

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Wenn es heißet: »Wo ist 's Ketzerl?«
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Wird er wie ein Borstentier;
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Und vor seinem Knurren eilet
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Tante Line aus der Tür.
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Spricht man aber diese Worte:
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»schrupp, was tun die schönen Herrn?«
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Gleich küßt er die Tante Trine,

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Und sie lacht und hat es gern.

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Eines nur erzeugt Bedenken.
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Schrupp entwickelt letzterzeit
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Mit dem Hinterfuße eine
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Merkliche Geschäftigkeit.

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Mancher hat in diesen Dingen
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Eine glückliche Natur.
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Tante Trine, zum Exempel,
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Fühlt von allem keine Spur,

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Wohingegen Tante Line
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Keine rechte Ruh genießt,

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Wenn sie abends, wie gewöhnlich,
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In der Hauspostille liest.

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Und auch Gottlieb muß verspüren,
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Ganz besonders in der Nacht,

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Daß es hier

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und da

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und dorten
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Immer kribbelkrabbel macht.

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Prickeln ist zwar auch zuwider,
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Doch zumeist die Jagderei;
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Und mit Recht soll man bedenken,
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Wie dies zu verhindern sei.

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Mancher liebt das Exmittieren;
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Und die Sache geht ja auch.
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Aber sicher und am besten –
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Knacks! – ist doch der alte Brauch.

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Freilich ist hier gar kein Ende.
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Man gelanget nicht zum Ziel.
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Jeder ruft: »Wie ist es möglich?«
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Bis man auf den Schrupp verfiel.

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Zwar die Tante und Filuzi
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Rufen beide tief gekränkt:
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»engelrein ist sein Gefieder!« –
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Aber Schrupp wird eingezwängt.

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In ein Faß voll Tobakslauge
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Tunkt man ihn mit Haut und Haar,

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Ob er gleich sich heftig sträubte
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Und durchaus dagegen war.

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Drauf so wird in einem Stalle
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Er mit Vorsicht interniert,
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Bis, was man zu tadeln findet,
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So allmählich sich verliert.

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Anderseits bemerkt man dieses
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Unter großem Herzeleid.
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Ach, man will auch hier schon wieder
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Nicht so wie die Geistlichkeit!!
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Jetzt wär alles gut gewesen,
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Wäre Schrupp kein Bösewicht. –
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Er gewöhnt sich an das Kauen,
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Und das läßt und läßt er nicht.

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Hat er Gottlieb seine Stiefel
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Nicht zur Hälfte aufgezehrt?

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Tante Linens Hauspostille,
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Hat er die nicht auch zerstört?

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Zwar die Tante und Filuzi
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Blicken mitleidsvoll empor:
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»armes gutes Schruppuppupperl!
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Immer haben sie was vor!!«

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Ja, es ließe sich ertragen,
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Täte Schrupp nur dieses bloß;
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Würde Schrupp nicht augenscheinlich
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Scham- und ruch- und rücksichtslos.

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Und so muß er denn empfinden,
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Daß zuletzt die böse Tat
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Für den Übeltäter selber
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Unbequeme Folgen hat.

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Anderseits bemerkt man dieses
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Nur mit tiefem Herzeleid.
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Ach, man will auch hier schon wieder
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Nicht so wie die Geistlichkeit!

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Leichter schmiegt sich Seel an Seele
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In der schmerzensreichen Stund,
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Und man schwört in der Bergère
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Sich den ew'gen Freundschaftsbund.

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Aber wie sie da so sitzen,
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Öffnet plötzlich sich die Tür.
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Gottlieb ruft mit rauher Stimme:
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»ei ei ei, was macht man hier?«

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Freilich hüllen sich die beiden
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Schnell in fromme Lieder ein;
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Doch nur kurze Zeit erschallen
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Diese schönen Melodein.

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Ach, die weltlichen Gewalten! –
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Durch des Armes Muskelkraft
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Wird der fromme Pater Luzi
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Wirbelartig fortgeschafft.

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Dieses plötzliche Ereignis
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Tut ihm in der Seele leid.
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Ach, man will auch hier schon wieder
166
Nicht so wie die Geistlichkeit!!

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Schlimm ist's Schrupp dabei ergangen,
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Weil er sich hineingemengt;
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Mit dem Fuße unvermutet
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Fühlt er sich zurückgedrängt.

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Pater Luzi aber schleichet
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Heimlich lauschend um das Haus.
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Ein pechschwarzes Ei der Rache
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Brütet seine Seele aus.

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Gottlieb seine Abendsuppe
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Stehet am gewohnten Ort. –
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Husch! da steigt wer durch das Fenster;
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Husch! jetzt ist er wieder fort.

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Gottlieb, der im Nebenzimmer
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Eben seine Hände wusch,
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Sieht's zum Glück und daß der Täter
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Lauschend sitzt im Fliederbusch.

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Jetzt hebt Gottlieb, friedlich lächelnd,
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Von dem Tisch den Suppentopf.

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Bratsch! – Die Brühe samt der Schale
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Kommt Filuzi auf den Kopf.

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Diese eklige Geschichte
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Tut ihm in der Seele leid.
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Ach, man will auch hier schon wieder
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Nicht so wie die Geistlichkeit!

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Schrupp, der nur ein wenig leckte,
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Zieht es alle Glieder krumm;
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Denn ein namenloser Jammer
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Wühlt in seinem Leib herum.

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Pater Luzi, finster blickend,
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Heimlich schleichend um das Haus,
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Wählt zu neuem Rachezwecke
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Zwo verwogne Lumpen aus. –

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Einer heißt der Inter-Nazi
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Und der zweite Jean Lecaq,
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Alle beide wohl zu brauchen,
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Denn es mangelt Geld im Sack.

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Eben wandelt in der stillen
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Abendkühle der Natur
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Base Gelika im Garten –
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Horch! Da tönt der Racheschwur!

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Tieferschrocken, angstbeflügelt
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Eilet sie ins Haus geschwind.
209
Gottlieb küßt sie auf die Backe:
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»danke sehr, mein gutes Kind!«

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Schleunig sucht er seine Freunde,
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Glücklich trifft er sie zu Haus.
213
Wächter Hiebel ist der erste,
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Freudig ruft er: »Sabel raus!«

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Meister Fibel, als der zweite,
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Vielerprobt im Amt der Lehr,
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Greift in die bekannte Ecke
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Mit den Worten: »Knüppel her!«

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Bullerstiebel ist der dritte. –
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Kaum vernimmt er so und so,
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Faßt er auch schon nach der Gabel
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Mit dem Rufe: »Nu man to!«

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Nun hat Schrupp, dieweil er leidend,
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Sich in Gottliebs Bett gelegt,
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Wie er, wenn man nicht zugegen,
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Auch wohl sonst zu tuen pflegt.

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Zwölfe dröhnt es auf dem Turme. –
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Leise macht man: Pistpistpist!
229
Drei Gestalten huschen näher
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An das Bett voll Hinterlist.

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Weh, jetzt trifft der Dolch, der spitze,
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Und der Knüppel, dick und rauh,
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Und die Taschenmitraljöse –
234
Aber Schrupp macht: »Auwauwau!«

235
In demselbigten Momente
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Donnert es von hinten: »Drauf!!«
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Und ein blasser Todesschrecken
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Hindert jeden Weiterlauf.

239
Pater Luzi ganz besonders
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Macht sich ahnungsvoll bereit.
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Ach, man will auch hier schon wieder
242
Nicht so wie die Geistlichkeit!!

243
Hei! Wie Fibels Waffe sauset!

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Heißa! Wie der Sabel blitzt! –

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Zwiefach ist der Stich der Gabel,
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Weil sie zwiefach zugespitzt. –

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Motten fliegen, Haare sausen;
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Das gibt Leben in das Haus.

249
Hulterpulter! Durch das Fenster
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Springt man in die Nacht hinaus.

251
Klacks! da stecken sie im Drecke.
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Ängstlich zappelt noch der Fuß. –
253
Eine Stimme hört man klagen:
254
»oh, Filu – Filucius!!« –

255
»kinder, das hat gut gegangen!«
256
Rufet Gottlieb hocherfreut;
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»wein herbei! Denn zu vermelden
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Hab ich eine Neuigkeit.

259
Länger will ich nicht mehr hausen
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Wie seither als Junggesell.
261
Hier Angelika, die gute,
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Werde Madam Michael.«

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Drauf ergreift das Wort Herr Fibel,
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Und er spricht: »Eiei! Sieh da!
265
Ich erlaube mir zu singen:
266
Vivat Hoch! Halleluja!!!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Busch
(18321908)

* 15.04.1832 in Wiedensahl, † 09.01.1908 in Mechtshausen

männlich, geb. Busch

deutscher Verfasser von satirischen in Verse gefassten Bildergeschichten (1832-1908)

(Aus: Wikidata.org)

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