Hans Huckebein der Unglücksrabe

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Wilhelm Busch: Hans Huckebein der Unglücksrabe (1870)

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Hier sieht man Fritz, den muntern Knaben,
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Nebst Huckebein, dem jungen Raben.

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Und dieser Fritz, wie alle Knaben,
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Will einen Raben gerne haben.

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Schon rutscht er auf dem Ast daher,
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Der Vogel, der mißtraut ihm sehr.

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Schlapp! macht der Fritz von seiner Kappe
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Mit Listen eine Vogelklappe.

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Beinahe hätt' er ihn! – Doch ach!
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Der Ast zerbricht mit einem Krach.

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In schwarzen Beeren sitzt der Fritze,
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Der schwarze Vogel in der Mütze.

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Der Knabe Fritz ist schwarz betupft;
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Der Rabe ist in Angst und hupft.

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Der schwarze Vogel ist gefangen,
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Er bleibt im Unterfutter hangen.

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»jetzt hab' ich dich, Hans Huckebein,
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Wie wird sich Tante Lotte freun!«

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Die Tante kommt aus ihrer Tür;
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»ei!« – spricht sie – »welch ein gutes Tier!«

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Kaum ist das Wort dem Mund entflohn,
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Schnapp! hat er ihren Finger schon.

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»ach!« – ruft sie – »er ist doch nicht gut!
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Weil er mir was zuleide tut!!«

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Hier lauert in des Topfes Höhle
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Hans Huckebein, die schwarze Seele.

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Den Knochen, den er Spitz gestohlen,
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Will dieser jetzt sich wiederholen.

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Sie ziehn mit Knurren und Gekrächz,
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Der eine links, der andre rechts.

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Schon denkt der Spitz, daß er gewinnt,
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Da zwickt der Rabe ihn von hint'.

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O weh! Er springt auf Spitzens Nacken,
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Um ihm die Haare auszuzwacken.

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Der Spitz, der ärgert sich bereits
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Und rupft den Raben seinerseits.

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Derweil springt mit dem Schinkenbein
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Der Kater in den Topf hinein.

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Da sitzen sie und schaun und schaun. –
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Dem Kater ist nicht sehr zu traun.

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Der Kater hackt den Spitz, der schreit,
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Der Rabe ist voll Freudigkeit.

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Schnell faßt er, weil der Topf nicht ganz,
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Mit schlauer List den Katerschwanz.

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Es rollt der Topf. Es krümmt voll Quale
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Des Katers Schweif sich zur Spirale.

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Und Spitz und Kater fliehn im Lauf. –
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Der größte Lump bleibt obenauf!! –

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Nichts Schönres gab's für Tante Lotte
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Als schwarze Heidelbeerkompotte.

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Doch Huckebein verschleudert nur
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Die schöne Gabe der Natur.

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Die Tante naht voll Zorn und Schrecken;
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Hans Huckebein verläßt das Becken.

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Und schnell betritt er, angstbeflügelt,
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Die Wäsche, welche frisch gebügelt.

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O weh! Er kommt ins Tellerbord;
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Die Teller rollen rasselnd fort.

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Auch fällt der Korb, worin die Eier –
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Ojemine! – und sind so teuer!

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Patsch! fällt der Krug. Das gute Bier
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Ergießt sich in die Stiefel hier.

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Und auf der Tante linken Fuß
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Stürzt sich des Eimers Wasserguß.

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Sie hält die Gabel in der Hand,
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Und auch der Fritz kommt angerannt.

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Perdums! da liegen sie. – Dem Fritze
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Dringt durch das Ohr die Gabelspitze.

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Dies wird des Raben Ende sein –
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So denkt man wohl – doch leider, nein!

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Denn – schnupp! – der Tante Nase faßt er;
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Und nochmals triumphiert das Laster!

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Jetzt aber naht sich das Malör,
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Denn dies Getränke ist Likör.

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Es duftet süß. – Hans Huckebein
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Taucht seinen Schnabel froh hinein.

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Und läßt mit stillvergnügtem Sinnen
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Den ersten Schluck hinunterrinnen.

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Nicht übel! – Und er taucht schon wieder
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Den Schnabel in die Tiefe nieder.

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Er hebt das Glas und schlürft den Rest,
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Weil er nicht gern was übrig läßt.

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Ei, ei! Ihm wird so wunderlich,
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So leicht und doch absunderlich.

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Er krächzt mit freudigem Getön
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Und muß auf einem Beine stehn.

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Der Vogel, welcher sonsten fleucht,
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Wird hier zu einem Tier, was kreucht.

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Und Übermut kommt zum Beschluß,
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Der alles ruinieren muß.

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Er zerrt voll roher Lust und Tücke
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Der Tante künstliches Gestricke.

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Der Tisch ist glatt – der Böse taumelt –
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Das Ende naht – sieh da! er baumelt.

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»die Bosheit war sein Hauptpläsier,
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Drum« – spricht die Tante – »hängt er hier!!'

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Busch
(18321908)

* 15.04.1832 in Wiedensahl, † 09.01.1908 in Mechtshausen

männlich, geb. Busch

deutscher Verfasser von satirischen in Verse gefassten Bildergeschichten (1832-1908)

(Aus: Wikidata.org)

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