In Tours, zu Bischof Martins Zeit

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Wilhelm Busch: In Tours, zu Bischof Martins Zeit Titel entspricht 1. Vers(1870)

1
In Tours, zu Bischof Martins Zeit,
2
Gab's Krüppel viel und Bettelleut.
3
Darunter auch ein Ehepaar,
4
Was glücklich und zufrieden war.
5
Er, sonst gesund, war blind und stumm;
6
Sie sehend, aber lahm und krumm
7
An jedem Glied, bis auf die Zunge
8
Und eine unverletzte Lunge.

9
Das paßte schön. Sie reitet ihn
10
Und, selbstverständlich, leitet ihn
11
Als ein geduldig Satteltier,
12
Sie obenauf, er unter ihr,
13
Ganz einfach mit geringer Müh,
14
Bloß durch die Worte Hott und Hüh,
15
Bald so, bald so, vor allen Dingen
16
Dahin, wo grad die Leute gingen.

17
Fast jeder, der's noch nicht gesehn,
18
Bleibt unwillkürlich stille stehn,
19
Ruft: »Lieber Gott, was ist denn das?«
20
Greift in den Sack, gibt ihnen was
21
Und denkt noch lange gern und heiter
22
An dieses Roß und diesen Reiter.

23
So hätten denn gewiß die zwei
24
Durch fortgesetzte Bettelei,
25
Vereint in solcherlei Gestalt,
26
Auch ferner ihren Unterhalt,
27
Ja, ein Vermögen, sich erworben,
28
Wär' Bischof Martin nicht gestorben.

29
Als dieser nun gestorben war,
30
Legt man ihn auf die Totenbahr
31
Und tät' ihn unter Weheklagen
32
Fein langsam nach dem Dome tragen
33
Zu seiner wohlverdienten Ruh.
34
Und sieh, ein Wunder trug sich zu.
35
Da, wo der Zug vorüber kam,
36
Wer irgend blind, wer irgend lahm,
37
Der fühlte sich sogleich genesen,
38
Als ob er niemals krank gewesen.

39
Oh, wie erschrak die lahme Frau!
40
Von weitem schon sah sie's genau,
41
Weil sie hoch oben, wie gewohnt,
42
Auf des Gemahles Rücken thront.
43
»lauf«, rief sie, »laufe schnell von hinnen,
44
Damit wir noch beizeit entrinnen.«
45
Er läuft, er stößt an einen Stein,
46
Er fällt und bricht beinah ein Bein.

47
Die Prozession ist auch schon da.
48
Sie zieht vorbei. Der Blinde sah,
49
Die Lahme, ebenfalls kuriert,
50
Kann gehn, als wie mit Öl geschmiert,
51
Und beide sind wie neu geboren
52
Und kratzen sich verdutzt die Ohren.

53
Jetzt fragt es sich: Was aber nun?
54
Wer leben will, der muß was tun.
55
Denn wer kein Geld sein eigen nennt
56
Und hat zum Betteln kein Talent
57
Und hält zum Stehlen sich zu fein
58
Und mag auch nicht im Kloster sein,
59
Der ist fürwahr nicht zu beneiden.
60
Das überlegten sich die beiden.

61
Sie, sehr begabt, wird eine fesche,
62
Gesuchte Plätterin der Wäsche.
63
Er, mehr beschränkt, nahm eine Axt
64
Und spaltet Klötze, daß es knackst,
65
Von morgens früh bis in die Nacht.
66
Das hat Sankt Martin gut gemacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Wilhelm Busch
(18321908)

* 15.04.1832 in Wiedensahl, † 09.01.1908 in Mechtshausen

männlich, geb. Busch

deutscher Verfasser von satirischen in Verse gefassten Bildergeschichten (1832-1908)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.