Elftes Lied

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Wilhelm Waiblinger: Elftes Lied (1817)

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Aber warum von Palermo du schweigst? Normännischer Baukunst,
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Gothischer Kirchen ist dort, maur'scher Paläste so viel.
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Denke des Domes nur in Monreale, des alten,
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Frommer Mosaik, des Styls, der nur gerecht ist vor Gott.
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Wie, von Palermo zu hören, ihr wünscht es, christlichen Freunde?
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Nun doch, wie immer, bin ich euch zu erzählen bereit.
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Morgens weih' ich ein Stündchen mir selbst und meinen Gedanken.
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Drauf in den Wagen – er ist reinlich und hübsch und bequem –
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Oder durchs laute Gewühl des überfüllten Toledo
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Dräng' ich mich auch und mir dünkt hier in Neapel zu sein.
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Vieles beschäftigt mich, mich erfreut das Getümmel, der Reichthum,
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Mich der thätige Trieb, mich die alltägliche Welt.
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Weih' ich aber dem Schönen den Blick, gleich erfaßt mich ein Bettler
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Winselnd und weißen Barts, nackt wie das Weib ihn gebar.
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Gern besuch ich die Freunde, die wohlgesinnten, und Nektar,
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Altsikulischer, giebt Leben und Scherz dem Gespräch.
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Meist doch streif' ich am Strande des Meers und betrachte die Barken
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Und die Schiffer, wie sie hier zu Rosaliens Berg,
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Oder zum Kap hinschweben von Zafaran, mich belustigt
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Jetzt die städtische Pracht, Gärten und Park und Palast,
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Jetzt das lieblichste Bild äolischer Inseln. Es führt mich
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Stunden und Tage der Weg so durch Palermos Natur.
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Alle Berg', ich erklettre sie kühn; doch bist du vor allen,
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Fels'ger Cypressenpark, Bocca di Falco, mir lieb.
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Auch die Gärten durchwandl' ich und sehe Brasiliens Pflanzen
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Frei, in glücklicher Luft, wie in der Heimath erblühn.
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Werd' ich müde, so lockt die Citron', es lockt mich der Maulbeer
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In den Schatten und reicht Schutz vor der Sonne Gewalt.
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Aber den Durst, bald stillt ihn Indiens stachliche Feige,
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Bald der Brunnen und bald stillt ihn der süße Sorbet.
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Denn am Abend kehr' ich zur Stadt, und muntre Gesellschaft,
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Wie dem Vogel die Luft, ist sie mir nöthig, o Freund.
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Christlicher Freund, dich hab' ich gemeint; doch zu guter Gesellschaft,
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Merk es, zähl' ich bei Nacht immer ein Liebchen dazu.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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