Viertes Lied

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Wilhelm Waiblinger: Viertes Lied (1817)

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Glaub' ich's, daß ihr nun auch mein trinakrisch Glück mir beneidet?
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Eifrer der Heimath, ihr seid, heilige Frömmler, gemeint.
3
»unersättlich nach Sinnengenuß, von Freude zu Freude
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Jagt er bethört und bedenkt nicht, daß die Nemesis naht.
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Irdischem neigt sich der Sinn, der verwilderte. Bessrer Empfindung,
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Frommer und reiner, verschließt er das vergiftete Herz.
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Sitte achtet er nicht noch Gesetz, nicht Glauben und Schule,
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Den die Willkür allein, den die Begierde beherrscht.
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So der Heimath entflohn von dem ernsteren Gange des Lebens
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Schwelgt er in Lust und Genuß selbst bis an Lybiens Strand.«
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Schweigt, o Kinder des Lichts, ihr auserkohrenen Lämmer;
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Ja, verkünd' ich es nur, größrer Entzückungen Rausch,
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Kühnere Orgien feiert' ich nicht, seitdem mir des Lebens
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Schäumender Becher den Mund freieren Geistes berührt.
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Ja, gesteh' ich's euch nur, ich schämte mich selber der Heimath,
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Wärt ihr das Aermlichste nicht, was noch die Mutter gebar,
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Zeugte die Stammburg einst, die zertrümmerte, theure, die Helden,
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Das unsterbliche Paar, staufische Friedriche nicht.
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Hör's, engbrüstig Geschlecht, ich verberge dir nichts, ich bekenne
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Stolz und freudig, wie Zeus reich mir die Tage geschenkt.
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Bald am Anapus weil' ich, es gleitet der Kahn zu der Quelle,
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Und auf dem flüssigen Pfad schattet die Blume des Nils.
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Bald umschweben die Göttinnen mich im seligen Enna,
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Und die Stunde, da mir Helios einst sich erhob
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Ueber des Aetnas Riesengebild, nicht, glaub' ich, ihr gleichet,
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Währt es auch Ewigkeit, all euer Leben an Werth.
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Bald in duftigen Hainen besuch ich des Akragas Tempel,
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Einen ganzen Olymp birgt mir das liebliche Grün.
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Selinunts Titanenruin und der stolzen Segesta
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Troisches Säulenhaus ladet den Glücklichen ein.
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Bald nach Karthagos Trümmern vom lilybäischen Strande
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Wünsch' ich mich über die See, über die lybische, weg.
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Unter Marsalas Palmen und hesperidischen Reben
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Wandr' ich zum heiligen Berg, hört es, zum Eryx hinan.
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Schmähet ihr noch, so ruf ich dich an, o Genius: Lehre
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Dithyrambischen Worts stolzre Bedeutungen mich.
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So entströme die Flamme des Aetnas Grunde, so wälze
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Donnernd der purpurne Strom sich aus der Tiefe hervor;
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So umstürme des Gipfels Orkan den begeisterten Sinn mir,
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Und der brausende Dampf werde mir delphische Gluth;
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So umdufte das Veilchen Proserpinas Fels und vom Eryx
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Nahe voll zärtlicher Gluth, nahe mit rosigem Arm
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Mir das schönste der Mädchen, es nah' Amathusia selbst mir
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Und kredenze des Kelchs ewig verjüngenden Trank.
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Schon durchglüht mich die Flamme, vernehmt's: Was ist's, wenn im Taumel
46
Eurer zu spotten ich mir Apotheose geträumt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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