Die Tempel von Agrigent

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Wilhelm Waiblinger: Die Tempel von Agrigent (1817)

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Glanzreichste Tochter, dor'sche, des Ruhmes voll
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Und Goldes, stolz am Ufer des Akragas,
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Am Heerd, dem nährenden, der Waffen
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Blut'gen Triumph mit der Lust vertauschend,

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Die aus olymp'schem Göttergelage nur
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Dem Sterblichen hellen'scher Geburt des Zeus
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Huldgöttinnen ins schöne Leben
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Hauchten, Persephones heil'ger Wohnsitz,

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Noch sinn' ich, ob Ortygias Fall, ob nicht
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Dein Sturz ein schicksalschwereres Loos dem Gott
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In zweifelhafter Hand geschwanket,
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Königin, holde, der blum'gen Hügel.

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Folg' ich dem Strom festfeiernden, bunten Volks
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Zur heil'gen Anhöh'? Ueber die Felsmau'r ragt
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Der Säulen dor'sche Majestät, von
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Kränzen geschmückt der gewalt'ge Tempel.

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Und silberweißen, langen Gewandes naht
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Der Priester Festzug, heil'ger Gesang erschallt,
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Die Opfernden sie nahn, der Stiere
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Trotzige Kraft von der Blumen Anmuth

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Und priesterlicher Teppiche Pracht bedeckt
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Und hold verschleiert wandelt in Schüchternheit
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Der Jungfraun aufgeblühte Jugend
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Rosen ums Antlitz und Rosen ähnlich.

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Nicht fehlet auch der Rosse gerühmter Stolz,
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Denn gute Art zeugt Cocalos Burg, sei's nun
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Im Kampfgewühle sie zu tummeln
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Oder zu siegen im Spiel Olympias.

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Der Wägen auch, der glänzenden, folgen viel,
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Denn weichlich lebt der Bürger am Akragas,
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Reich ist er fast wie seine Götter,
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Denen er Tempel gebaut und Altar.

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Schon dampft das Opfer, aber vom Säulenhaus,
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Dem priestervollen, blickt auf die Glücklichen,
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Die Schönen Aug' und Herz der Starken,
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Die sich zur Feier des Gotts versammelt.

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Und Volk beschau' ich, unübersehbares,
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Und Meer und Hafen, auch die geschmückte Stadt,
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Und Athenaeas Fels und oben
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Zeus Atabirios goldne Wohnung.

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Nicht wein' ich mehr dem Menschengeschick; denn schnell
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Und leer, bestandlos wandelt's, den Wolken gleich,
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Die um die Sonne wehn, die ew'ge,
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Ueber die Erde dem Nichts entgegen;

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Nicht mehr den Männertugenden, Wolken auch
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Sind sie, durchglüht nur stark von des Himmels Gold,
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Nicht mehr der Tapferkeit, den Wettern
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Gleicht sie, die segnen im Sturm und Donner;

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Nicht mehr dem Glück, das Perlen wie Morgenthau
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Ausgießt im Frühschein, Perlen, die Stunden kaum
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Der Ros' entglänzen und vergehen,
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Während die Blume verwelkt am Mittag.

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Wenn auch dein Bild, freigebigster Gellias,
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Der jeden Wandrer lud, und der Sieger mich
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Olymp'schen Kampfes – dreimalhundert
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Folgten ihm prangender Ross'gespanne –

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Wenn auch die Braut mich mahnet, der Hymens Brand
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Von allen Tempeln leuchtete; dennoch nicht
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Verwundr' ich des mich, dennoch frag' ich
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Nicht, wie es kommen und wie's geschwunden.

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Das aber dünkt mir schwer und mit Angst erfüllt's,
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Mit staunender, das zweifelnde Herz, gestürzt
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Und fürchterlich zur Erde nieder
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Sah ich geschmettert der Götter Tempel.

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Giganten trugen, mächtigen Arms, die Last
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Des Riesenhauses, daß es der Ewigkeit
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Den Dienst des Donnerers bewahre;
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Selbst die Giganten zertrümmert sind sie.

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Seitdem mich solche Trümmer umstarrt, seitdem
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Zernichtet mich ein ganzer Olymp umgraust,
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Der Vater und die Kinder alle;
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Glaub' ich, daß bald von gedrückter Schulter

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Die Welt dem großen Träger entsinkt, und bald
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All unsres Lebens Mutter Natur der Macht,
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Der dunkeln, unterliegt, die endlich
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Selbst sich zerstört im zerstörten Weltall.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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