Die Villa des Timoleon

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Wilhelm Waiblinger: Die Villa des Timoleon (1817)

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Wär's eine Nymphe, die in der Einsamkeit
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Dem Wandrer sich verräth? Im Gebüsch vielleicht
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Verborgen lauscht das holde Wesen
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Und dem Erschöpften ertönt die Stimme:

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Komm, labe, Wandrer, dich und Epipoli
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Gestärkt besteigst du! Täuscht' ich mich nicht, es quillt
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Vom Felsen sprudelnd und der Bäume
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Freundliche Schatten verbreiten Kühlung.

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Dem Berg entsproßt großblätterig Indiens Frucht
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Voll Purpurfeigen, auch die Cypresse ragt,
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Es reift die Goldorang' und lieblich
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Birgt sich im ewigen Grün die Mühle.

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Ich trinke; dankt' ich's, lauschende Nymphe, dir?
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O welche Stille! Wohnte die Schwermuth hier,
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Der Schmerz, vielleicht verkannte Tugend,
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Oder die Weisheit, die Völkern Heil bringt?

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Timoleon, o Name mir werther selbst
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Als Recht und Tugend, Wort und Gedanke nur!
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Du bist die That! Es schuf den Menschen,
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Schuf auch die Erde des Gottes That nur.

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Timoleon, dir bietet der Denker selbst,
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Der Seher des Cefiß, der unsterbliche,
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Das Haupt; was er im Geiste geträumet,
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Doppelt hast du's in der That geschaffen.

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Sah je im Tempel größeren Sterblichen
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Ortygias Gottheit? Gelon, der Alte, nicht,
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Nicht Hermokrat, nur Einer ist hier,
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Nur Aristomaches Bruder ähnlich,

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Der Mann, der einst den Weisen von Griechenland
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Das Schwert umgürtet und den Tyrannen schlug,
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Ein Gott und Retter heut gefeiert,
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Morgen gemordet von schnöder Habsucht.

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Timoleon, ertöne dein Name mir
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Noch einmal! Großer Vater des Volks, du hast
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Zertrümmert des Tyrannen Burg und
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Hast auf den Trümmern gestürzter Herrschaft

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Dir selbst den Thron, Großmüthigster, nicht gebaut,
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Wie Menschen pflegen, hast den Entfesselten
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Der Freiheit Haus und seine Säulen,
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Weiser Gesetze Geschenk verliehen.

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So, nach vollbrachtem Werke, du blinder Greis,
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Rathgeber, angebeteter stets des Volks,
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Tratst du in Einsamkeit und Ruhe,
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Ruhe genießend, denn Ruhe schufst du.

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O Brudermörder, wie doch erhabener
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Bist du als jener Römer, der Sieger, doch
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Zerstörer ist. Zweimal gestritten,
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Zweimal entsagt und befreiet hast du.

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Und gält' es eines anderen Bruders Blut,
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Fürs Heil des Volkes fließ' es und Vaterland,
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Und göttlich dünke mir dein Herz und
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Schön wie die Liebe der Dioskuren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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