Syrakus

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Wilhelm Waiblinger: Syrakus (1817)

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Ja ganz, Marcell, hast du die Gewaltige
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Zermalmet, oder glaub' ich der Thräne, die
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Du ihr geweint, war's nicht dein Adler
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Doch, dein gefürchteter Bote, Vater,

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Der Blitze schleudert und Schicksalsrath vollbringt,
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Trinakriens vierstädtiges Rom hat er's
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Zermalmt und weggetilgt vom Boden,
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Tempel zertrümmert und Burg und Mauer?

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Des Denkers selbst, des völkerzerstörenden,
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Geschonet nicht, und schlangenbekränzt von Mund
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Zu Mund gereicht des Wahnsinns Becher,
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Den mit der Flamme der Mordwuth Eris

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Mit Blut, die streitbegeisterte, bis zum Rand
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Gefüllt, vom zarten Weibe, vom Säugling Blut
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Gleich fordernd im bachant'schen Taumel
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Wie von den Mördern des Königshauses.

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So jemand niederschaute vom grauen Fels,
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Der einst umstarrt' die Mauer des Dionys,
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So er des Berges Schutt und Trümmer,
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Hafen und Fels und Dianens Insel

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Anblickte fragend: Wo denn erspäh ich sie
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Karthagos stolze Siegerin und Athens?
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Ich frage Meer und Land: die goldne,
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Herrlichste Tochter Korinths, wo ist sie?

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Der Ceres Frucht wohl seh ich in jenem Thal,
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Ganz andre Garben aber hat einst sie hier
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Die Aehrenleserin, die große,
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Hat die Geschichte sich hier gewunden,

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Die strenge Thatensammlerin, giftig Kraut
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Absondernd von süßnährender Frucht, den Sohn
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Der Doris und den Sohn des Töpfers
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Scheidend von Hierons bessrem Glücke.

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O weintest du, Zerstörer, was bliebe noch
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Der Nachwelt? Schutt und Grausen von Labdals Burg
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Von meerumrauschter Akradina
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Bis zu Kronions verwaisten Säulen!

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Nur Steine, wo einst Thaten und Tugenden;
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Der fromme Stier, wo einst der Tyrann sein Volk
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Beschaut; der Mühle Schäumen, wo einst
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Sophokles göttlichste Sprach' ertönet;

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Des Klosters stiller Garten und Blumenweg,
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Wo in gigant'scher Grotten Umschattungen
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Athens unzählig Heer und Nikias
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Qualen des Henkers und Tod erharret.

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Das Maulthier wandelt felsige Wildniß hin,
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Wo Musen sangen; Hirten und Bettler sind,
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Wo mit Jonen und Platonen,
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Wo sich mit Timoleonen Freiheit

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Und Weisheit fand zu geistigstem Heldenbund
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Und selbst die Grazie Männer zur Schlacht geweiht.
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Von solchem Bunde bessrer Schwestern
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Blutig getrennt hat sich nun die Nachwelt.

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Noch wie dem grauen Archias glänzet uns
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Das Meer, die milden Lüfte, das reine Licht;
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Umrauscht noch von Aegyptens Büschen
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Lebt in der Quelle Cyanens Fabel,

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Und Arethusa sprudelt die salz'ge Fluth
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Noch an Ortygias Ufer mit alter Kraft,
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Durchglüht der Sonnenstrahl des Gottes
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Süßeste Frucht, der Begeistrung Freundin.

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Der Mensch nur leidet. Nimm der Natur des Lichts
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Erschaffend, hold erhaltend Geschenk, sie stirbt,
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Dem Menschen gleich, dem längst des Lebens
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Stolzeste Quelle versiegt, die Freiheit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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