Zweites Bruchstück

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Wilhelm Waiblinger: Zweites Bruchstück (1817)

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Einst führte mich in einem Traum der Geist
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Zum Tiber: mondhell stieg das Kaisergrab
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Gleich einem Schreckensbild der Unterwelt,
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Am stillen Ufer riesenhaft empor:
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Und schweigend wandelt' ich die Brücke hin,
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Mit jedem Schritt wuchs meiner Seele Grau'n –
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Noch zittert mir das scheue Herz – jemehr
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Ich mich dem Mittelpunkt der Christenheit,
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Der Erde größtem Tempel näherte.

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Und sieh, umfangen vom Gigantenarm
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Der Säulenhallen öffnet sich der Platz,
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Und wie von Innen zweifelhaft erhellt,
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Erhebt der stolze Bau sich in die Luft,
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Und über ihm, von Sternen hold umglänzt,
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Der dunkeln Kuppel ungeheures Rund.
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Und lange Züge, wie von Geistern sieht
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Mein zitternd Auge schweben hin und her,
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In Leichenkleidern zieht's die Halle durch
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Und über Treppen weg, und immer wogt's
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Von nebligen Gestalten aus der Nacht
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Des Portikus, in weiten Kreisen tanzt's
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Um Obelisk und Wassersäule selbst.
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Dem Sterblichen entsinkt das Herz: doch führt
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Der Geist ihn unaufhaltsam fort, er steigt
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St. Peters Treppen halbentseelt empor,
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Und ganze Heere sieht er bleich und still
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Von Grabbewohnern wimmeln auf und ab.

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Da hält ihn eine mächtige Gestalt:
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Nicht aus der Gruft, vom heiteren Olymp
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Scheint sie zu kommen, so erhaben steht,
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So göttlich schön die Hehre vor ihm da;
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So wie's der Vorwelt schöpferische Kunst
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Gebildet aus des Marmors reinem Schnee,
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So glänzet sie von ernster Majestät.
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Ein weiß Gewand umfließt den hohen Wuchs,
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Ein Lorbeerkranz umflicht das reiche Haar,
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Doch von des Angesichtes Herrlichkeit
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Geblendet sieht er sich der Augen Licht.
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Ich bin die Muse, spricht sie, näh're dich!
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Nicht die jedoch, von der die feile Schaar
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Der heut'gen Tage sich begeistert dünkt,
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Ich bin die Muse, die dem Sänger einst
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Der Helden Lob, der Götter Feierlied,
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Des Schicksals unerklärbar Werk gelehrt.
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Ich öffne dir die Augen, bebe nicht!
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Ich schütze dich! Ertrage das Gesicht!
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Tritt ein!
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Und von gewalt'gem Schlag erklingt
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Die heil'ge Pforte, die nur viermal sich
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Eröffnet im Jahrhundert, und von Schreck
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Ergriffen tret' ich in den Tempel ein.
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Doch ach! erfaßt' ich des Gesichtes Grau'n
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In Worten, konnt' ich's, dem Verschiednen gleich,
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Der aus dem Grabe kehrt, und des Gerichts
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Entsetzliches Geheimniß euch enthüllt?
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In langer Doppelreihe sitzen sie,
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Sie alle, die auf Petri Thron geherrscht,
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Im ird'schen Glanz des Purpurs und des Golds,
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Geschmückt mit ihren Kronen strahlenvoll
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Hinab, bis wo auf des Apostels Grab
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Zur Sternenwelt der Kuppel festlichhell
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Des Hauptaltars metallne Säule ragt.
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Und kühner schon – zu meiner Seite stand
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Mir die Begleiterin – schaut' ich die Reih'n
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Der goldgekrönten grauen Häupter weg,
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Und viele kannt' ich, deren Thaten noch
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Mit Staunen, Ehrfurcht, oder Fluch und Schmach
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Aus ferner Vorzeit die Geschichte nennt.
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Sie alle sitzen stumm in ihrem Gold.
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Doch am Altar, in holder Einfalt steht
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Voll Milde, Liebe, Demuth und Geduld
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Der Herr in seiner Schönheit, Brod und Wein,
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Die heil'gen Zeichen seines Opfertods,
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Verwaltend mit beseligender Hand.
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Anbetend sink' ich nieder, da erschallt
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So furchtbar donnernd durch den Tempel hin
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Aus Höh' und Tief' ein grauenvoller Laut,
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So grunderschütternd, daß der ganze Bau
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Erbebt, der Bögen Marmorlast erdröhnt,
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Die Heil'genbilder niederstürzen, selbst
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Der Kuppel Wölbung überm Altar schwankt;
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Da sinken die gekrönten Häupter all'
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Wie Nichts zur Erde, schnell verschwunden ist
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Ihr Leib, leer liegt das purpurne Gewand,
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Der Krone Schmuck, ein flücht'ger Erdentand,
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Und da und dort, mit Schaudern seh' ich es,
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Entwinden sich dem fürstlichen Talar
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Schreckvolle Schlangen, Drachen rollen sich
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Und das Gezücht der Hölle blutig auf.
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Doch unerschüttert am Altare steht
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In seiner Herrlichkeit der Herr, es graut
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Die schwarze Nacht des Grabes überall,
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Und nur den Herrn umstrahlt ein süßes Licht,
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So rein und mild, wie seiner Lehre Geist.
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Der Donner schweigt, ein sanfter Rosenschein
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Klärt dämmernd schon der Kuppel Wölbung auf.
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Und himmlische Gesänge klingen fern
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Aus ihrem Duft herab; es blickt der Herr
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Nach Oben, und verschwindet meinem Blick.
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Doch Alles schweigt, und eine Stimme spricht,
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Wie Gottes Stimme schallt's den Tempel hin:
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Ich bin der Einz'ge, bin der Ewige!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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