Deutscher Künstler in Rom

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Wilhelm Waiblinger: Deutscher Künstler in Rom (1817)

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O wann kehret die Zeit, die unschätzbare, alte, vergangne,
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Wann der Frühling der Kunst wieder ins Leben zurück?
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Allgemein, wie die Sonne, war einst die Kunst, es erfreute
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Ihr erquickliches Licht jedem das offene Herz.
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Welch ein Wechsel! Ach nun ist sie dem Leben entflohen,
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Nur noch in Gallerien, auf dem Katheder ist sie.
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Schwach ist die Liebe für sie, die Pensionen noch schwächer,
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Schirmlos, arm und entblößt steht die Verschmachtende da.
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Willen haben wir wohl, will's Gott auch Kraft und Gedanken,
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Wenigstens Hände, doch fehlt einzig das leidige Geld.
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Kommt ein Wechselchen an, so kommt auch der Wirth und der Schuster,
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Kommt der Schneider, und fast reißen in Stücke sie mir's.
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Allzutheuer ist mir ein Modell: ich kann's nicht erschwingen,
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Farb' und Leinwand! es läuft jämmerlich gleich mir ins Geld.
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Was der Pöbel verlangt, der unverständige, mach' ich,
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Statt für Ehr' und für Kunst schaff' ich fürs tägliche Brod.
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Meiner Sehnsucht und meiner Idee, dem schöpfrischen Drange
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Ist mir nur selten zu glühn, doch nicht zu folgen vergönnt.
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Hab' ich etwas vollendet, so hab' ich Schulden; bezahl' ich,
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Bleibt mir weder das Bild, noch der geringe Erwerb.
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Und was das ärgste mir ist, ich muß zusehn, wie man die Arbeit
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In der Schenke, wie man gar sie im Kunstblatt beschimpft.
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Jeder erlaubt sich zu kritteln, und keiner bezahlt: wer ein Aug' hat,
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Rezensirt, und mir ist keine Vertheid'gung erlaubt.
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Denn es ist wahr, im Schreiben sind wir nicht immer die Besten,
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Und so rauft sich und zieht jeglicher Sudler mich durch.
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Einige Jahre vielleicht studir' ich in Rom, und studire
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Mehr als alles, wie man heutigen Tags sich behilft.
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Keine Ruh' erquickt mich: denn niederträcht'ge Kabalen,
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Eifersucht, Bosheit und Neid rauben mir Frieden und Lust.
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Geh' ich unter die Leute, so grüßen sie freundlich, und scheid' ich,
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Machen sich alle sogleich über mich Armen sich her.
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Jeder verkleinert den andern, und jeder lästert und schadet,
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Jeder gilt nur, indem andre zu Pfuschern er macht.
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Statt sich wechselnd mit Rath und Verstand und Erfahrung zu helfen,
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Deckt sich jeder, indem andern den Schleier er lüpft.
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So verbittern die Leiden der Kunst auch die Freuden des Lebens,
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Und im geselligen Kreis forscht man die Schwächen sich aus.
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Doch es liebt sich der Deutsche den Wein, und ohne die Schenke
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Kann er nicht leben, so sucht Abends den Deutschen er auf.
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Dutzende sitzen beisammen in uralt römischer Höhle,
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Kaum durch ein düsteres Loch stiehlt hier der Tag sich herein.
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Unser Mahl ist frugal, doch trinken wir gern, und im Dampfe
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Derben Tabackes vergißt leicht man den heimlichen Feind.
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So bis Mitternacht oft wird geplaudert; es flieht uns der Römer,
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Denn er scheut den Taback, wie das barbarische Deutsch!
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Aber den andern Tag giebt's viel zu sprechen von gestern,
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Was der eine gesagt, wird von dem andern verhöhnt.
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Nun wird gedreht und gedrechselt, geschimpft und tüchtig verleumdet,
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Und durchs germanische Rom läuft's wie ein Feuer herum.
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Spricht man ein kräftiges Wort, so lauschen die Frommen, wie Nattern,
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Spricht man ein Urtheil, so wird's gleich von der Dummheit verlacht.
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Nichts bleibt verborgen, sie wissen es all, und wenn du gehustet,
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Deutelt's den folgenden Tag auch schon der Pincio dir aus.
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Ja, zur Karikatur strengt sich die gerunzelte Hand an,
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Die vor Jahren dem Herrn erst noch die Stiefel geputzt.
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Aber Bedientenwitz träuft nur wie Regen auf Lorbeer
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Ohne Schaden und wird, was er auch ist, nur zu Koth.
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Kommt denn endlich ein Abschied heran, und scheidet ein Bruder,
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Und versammelt man sich nun in der Schenke zum Fest,
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Singt man ein deutsches Lied nach Burschenweis', und erhält man
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Alten Trinkbrauch, der noch mächtig ermuntert, im Gang,
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Wird herkömmlicher Witz vom Schultheiß und von den Schwaben
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Nun zum hundertstenmal auch zu dem Abschied gebracht.
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Gleich kommt wieder ein Neuer: der Scheidende trifft schon am Thore
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Seinen Landsmann und wird trefflich des Abend ersetzt.
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Kommt man aber hinaus, so beginnt die Noth erst entsetzlich,
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Und das Leben in Rom scheint jetzt ein glücklicher Traum,
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Dann ist man froh und begnügt sich, ein Stammbuchblättchen zu malen,
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Drunter schreibt man: ich bin Künstler und war einst in Rom.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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