O Lethe, dessen Strome der alten Kraft

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Wilhelm Waiblinger: O Lethe, dessen Strome der alten Kraft Titel entspricht 1. Vers(1817)

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O Lethe, dessen Strome der alten Kraft
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Und Weltherrschaft Vergessenheit Rom entschlürft,
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Roms Schatte nur, wie oft den Fluthen,
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Da ihn die Mitwelt begrub, ersteht er

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Gleich einem Geist der Schicksalsgedanke mir,
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Ob von der Brücke, wo mir der Insel Bild
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Mit Kirch' und Kloster und der Vesta
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Säulenrotunde, wo der Cäsare

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Den Palatin umstarrende Trümmer mir
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Erscheinen, oder ob in der Wildnis du
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Der schweigenden Campagna nur mit
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Thürmen der Vorwelt am sand'gen Strande

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Begegnest: immer athmet Melancholie
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Dein träger Strom, kaum wälzet das Mühlrad sich
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Und kaum das Doppelnetz den Wellen,
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Während auf Trümmern von Kokles Brücke

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Umsonst der Fischer laurend ins Wasser schaut;
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Kein lust'ger Nachen gleitet die Ufer hin,
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Nur selten seh' ich schweren Ganges
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Schweben vom Strand in des Abends Schatten

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Ein schwarzes Boot, als führte des Acherons
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Fährmann Roms große Todten zur Ruh. Auch selbst
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Des Himmels Lieblichkeit, du spiegelst
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Nie sie zurück; denn es trübt der Schlamm dich,

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Wie des Tyrannen Seele der Friede nie
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Durchleuchtet, sondern ewig des Scepters Schuld,
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Des Thrones Greul, der Völker Jammer
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Und des vergossenen Blutes Anblick

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Umdüstert. Dann nur röthet dich Purpurlicht,
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Wenn aus des Kaisers Grabe des Aetnas Gluth
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In tausend Blitzen steigt. Da, dünkt dir,
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Hadrians Asche sie schlummr' allein nicht,

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Es schlummr' im Mausoleum die Menschheit selbst,
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Die er beherrscht', und nun aus geborstnem Grab
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Urplötzlich stünde sie empor mit
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Flammen und Donner des Weltgerichtes.

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O Rom, wie sankst du, wenn auch vom Quirinal
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Des Priesters stolz dreifaltige Krone blitzt,
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Dennoch wie sankst du! Dich beglückt er
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Noch mit der heiligen Pracht des Schauspiels!

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Gewaltig steigt Palast, Obelisk empor,
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Und Kirch' und Tempel, Säul' und des Springquells Glanz,
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Noch ziert's dich, und auf Marmorböden
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Winselt der Bettler, auf Tempelstücken.

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Am Platz, wo Brutus Söhne vom Vaterspruch
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Gerichtet starben, da es gebot, das Volk,
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Und groß an Tugenden und Greueln
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Selbst die Gesetze sich gab und oftmals

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Mit Bürgerblut sie schrieb in den ew'gen Stein,
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Aechzt nun der Krüppel, nach dem Bepurpurten
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Die Hand ausstreckend, der mit stolzem
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Rossegespann und Gefolg' erscheinet.

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Noch traur'ger darbt die Armuth im Gramgemach,
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Wo nichts mehr blüht als Seufzer, vielleicht ein Stück
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Errungnen Brods; doch fühl' ihr Herz sich
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Glücklich, denn prachtvoll von Deck' und Wölbung

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Glänzt Gold in hundert Tempeln, vom Throne giebt
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In Goldgewändern schimmernd Sankt Petri Fürst
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Den Segen, und Roms größte Kuppel
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Leuchtet in Flammen als Krone Petri.

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Doch leichten Sinn und fröhlichen gab Natur
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Roms Volk, genähret einst an der Wölfin Brust,
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Im Blut des Feindes und dem eignen
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Wüthend und Kön'ge zu sehn in Ketten

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Gewöhnt, von Cäsarn und von Tyrannen selbst
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Geschmeichelt und gefürchtet vergaß es nun
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Der alten Männer mit den Göttern,
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Denen sie opferten, kämpften, siegten.

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Statt Schlachtgesang ertönet das Tamburin
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Zum Herbsttanz, zärtlich klingt in der Sommernacht
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Dem Liebchen Lied und Mandoline;
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Und der Triumphzug des Imperators,

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Der Mönche Schwarm wich er; und dem Pulcinell
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Des Colosseums blutiges Römerspiel ...
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O Tiber, gönn' in deiner Nähe
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Bald mir ein Grab an der Pyramide!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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