Das Grab der Scipionen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Wilhelm Waiblinger: Das Grab der Scipionen (1817)

1
Wohin, o Wandrer, daß du die Appia
2
So einsam hin, die hochummauerte, ziehst?
3
Auf deiner Stirne seh' ich Falten,
4
Ernsthaft erscheinst du, und tiefen Trübsinn

5
Verräth dein suchend Auge. Gewahrst du sie,
6
Die kleine Thüre, kennst du sie? tritt nur ein,
7
Des Weinbergs schmale Mauertreppe
8
Führt dich zum Grabe der Scipionen.

9
Hier ruht sie nun, die hohe Cornelia,
10
Die mit Carthago's trauerndem Lorbeer einst
11
Ganz andre Treppen im Triumphe
12
Kapitolinischen Siegestempeln

13
Entgegenwallte. Jubelnder Heere Zug,
14
Festtrunkene Völker folgten dem Roßgespann,
15
Der Aar vom Donnrer in den Himmeln
16
Ueber den Häuptern der Herrn der Erde

17
Ragt' er, ein Kampfgespiele von stolzer Art,
18
Der über Asia, über Britania,
19
Der Korsen Eiland und Lukania,
20
Afrika's Reiche den Fittig wölbte.

21
Jetzt steht die Nachwelt schweigend an ihrem Grab,
22
Und schaurig dunkel, wie das Verhängniß selbst,
23
Und stille, wie im Schattenlande,
24
Schaun die Gemächer, die unterird'schen,

25
Voll Ewigkeit und schicksalgeheiligter
26
Grabruhe dich im Scheine der Fackel an,
27
Wo ruhm- und kampfsatt das gewalt'ge
28
Römergeschlecht sich zum Grab gebettet.

29
In diesem Sarge ruht der Erobere
30
Lukania's: die Seele begrub der Leib
31
In dem Gestein, und seine Inschrift
32
Trugen die Götter ins ew'ge Buch ein.

33
Denn Männerkraft stirbt nie: und wenn Helden auch
34
Geboren sind vom Weibe, sie sterben nicht,
35
Es wartet ihrer der Olympus,
36
Und ihr Olymp ist die Weltgeschichte.

37
Dort sind sie gleich den Sternen des Himmels fest
38
In ihrer großen Ordnung gereiht: auch wenn
39
Ihr Strahl Jahrhunderte durchflieget,
40
Trifft er doch endlich noch unser Auge.

41
Nur daß dies Auge, sei es geklagt voll Schaam,
42
Unwürdig oft der heiligen Strahlen ist,
43
Die in ein Herz voll niedrer Wünsche,
44
Oder ins Leere hinunterschauen.

45
Der Vorwelt war es Schande, so thatenlos
46
Zu leben, Schand' auch, niedriges bloß zu thun,
47
Groß wollte sie die That, und eine
48
Dünkt' ihr nur groß, die dem Vaterlande,

49
Sich selbst aufopfernd, Segen und Heil gebracht;
50
Nicht Lorbeer, aber Tugend erstrebte sie.
51
Es sprach der weise Rath der Greise:
52
Der ist der Beste, – das dünkt mir Lorbeer.

53
Darum, o Wandrer, komm in dies Grab herein,
54
Nur nimm den kleinen Kummer nicht mit. Das ziemt
55
Dir nicht: wo Scipionen schlafen,
56
Sollst du erwachen, o Sohn der Nachwelt!

57
Den Sarkophag, aufschaudernd betracht' ihn du,
58
Mit einer Frage siehet er stumm dich an:
59
Wenn du, o Mensch, dereinst gestorben,
60
Sage, was gräbt in den Sarg man dir ein?

61
Antworte nicht! o gehe beschämt hinweg
62
Aus diesem ew'gen Todtengemach, das dir
63
Allein eng ist, doch nicht den großen
64
Todten, die mehr, als du dachtest, thaten.

65
Und wenn dich außen wieder das Licht begrüßt,
66
So sieh, wie schlicht und einfach der Weinberg grünt,
67
Und wie am Grab noch junge Rosen,
68
Selbst noch ein Lorbeer die Wand emporblüht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.