An die Veilchen des Albanersees

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Wilhelm Waiblinger: An die Veilchen des Albanersees (1817)

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Alles Schöne feiern die Dichter, Alles
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So im Schooß der Mutter Natur, und so im
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Menschenherzen schlummert, warum nicht euch auch,
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Duftende Wesen,

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Die ihr mein Elysium schmückt, vom Ufer
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Meiner Lieblingsfluth in den kühlen Schatten
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Immergrüner Eichen die Blumenfelsen
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Freundlich emporblüht!

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Was von allem Zarten der Erde glich' euch,
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O ihr süß Verletzbaren? Ausgeathmet
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Im verschämten Mutterverlangen hat als
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Bräutlichen Seufzer

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Euch die Frühlingserde: zum erstenmale
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Ihr verborgnes Schmachten bekennend, lächelt
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Sie aus blauen Augen zum Himmel, ihrem
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Ewig Geliebten!

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Tiefe heil'ge Stille, wie dieser Landschaft
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Ist auch euer Geist: ihr gehört der sichern
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Gegenwart nicht an, nur der tiefern Ahnung,
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Nur der Erinn'rung.

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Eure Farbe wohl ist die schönste: denn sie
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Trägt und liebt Hesperiens See und Himmel,
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Nur daß eurem Blau noch der Sehnsucht Purpur
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Lieblich entäugelt.

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Alte Sagen kehren zurück und fromme
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Fabeln, ja die heitern Gedanken schweifen
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In die goldne Zeit, da Askan euch pflückte,
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Sinnende Blümchen.

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Dort am Fels, das nieder am Wasserspiegel
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Mit der Last der üppigen Wälder grünet,
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Führte ja Aeneas gekrönter Sohn den
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Scepter von Alba.

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Aber Alba sank, und des Troerfürsten
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Enkel alle, Weiber und Greis' und Kinder
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Zogen mit den Göttern aus den gestürzten
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Mauern der Heimath

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Roma's immerwachsenden Herrscherthoren
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Weinend zu; da ward es an diesen Ufern
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Oed' und wild, statt Königen sproßten
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Einsame Veilchen.

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Und wie selbst die rächende Hand des Schicksals
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Rom auch traf, und furchtbar die Tempel stürzten,
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Wo Triumphatoren den nun gefallnen
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Göttern die Schätze

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Der besiegten Erde zum Opfer brachten,
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Dennoch bliebt ihr, sicher in eurem Laube,
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Wo's der Gott im Tempel nicht war, der Cäsar
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Nicht im Palaste,

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Noch dieselben, wie ihr geblüht, als drüben
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Dort am Rücken einst des Vulkans im Haine
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Ferentina's Latiums Bürger sich am
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Altar versammelt.

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Ihr dürft nicht erzittern, so wie die Eiche,
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Deren Kron' umwirbelt der Sturm, ihr schaut dem
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Völkerwechsel zu, und am Ende pflückt euch
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Selbst nur die Liebe.

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Ich allein, holdlächelnde Frühlingskinder,
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Ich, der, sterblicher ich als ihr, der Liebe
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Sanfte Freuden lange nicht anders als im
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Liede gekannt hat,

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Ach, ich pflück' euch nicht! Als ein trüber Fremdling
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Wandl' ich nur in eurer bescheidnen Heimath,
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Meine Liebe suchend, die mit des Lebens
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Blüthen verschwunden.

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Eines fällt mir ein, ob Diana, dieser
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Ufer Schutzgottheit, mir die Liebesfreuden
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Nicht in euch verwandelt, da ihr so süß, o
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Veilchen, mich anseht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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