2.

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Wilhelm Waiblinger: 2. (1817)

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Noch gedenk' ich jenes Morgens,
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Da wir uns zum erstenmale
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So von ohngefähr gefunden,
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Auf dem Esquilin! Des Klosters
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Stillem Garten sahn wir mächtig
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Sich der Palme Wuchs entheben,
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Und in ihrer Herrlichkeit
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Roms Ruinen sich entfalten.

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Oftmals wanderten wir einsam
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Der Metella Riesengrabe,
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Oft der Grotte der Egeria,
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Oft des Pincio süßen Höhen,
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Oder wohl des Tibers Brücken
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Und des Forums Tempeltrümmern,
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Und dem Colosseum zu,
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Wo der Genius uns geführet.

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Und wie um der Römertempel
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Altergraue düstre Reste
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Lustig Laub und heitre Blumen
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Gern in flücht'ger Blüthe wuchern,
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Wand durch ernstere Gespräche
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Still bedächtliche Betrachtung
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Sich ein kecker muth'ger Scherz
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In verweg'ner üpp'ger Fülle.

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Wahr ist es, auf meinem Boden
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Wuchs des Unkrauts viel, zerstörend
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Traf ihn Sonnenbrand und Stürme;
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Zwar die vollsten Rosenkränze,
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Doch der Dornen allzuviele
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Drückte mir auf's Haupt der Amor,
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Dem ich in Genuß und Lust
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Als ein irrend Weltkind glühte.

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Aber du im Heiligthume,
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Nie entweiht, hast ihm als Priester
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Seine geist'ge Flamm' erhalten.
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Ich verstand dich wohl, und gerne
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Hast auch du mich stets geduldet,
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Und so wehte mir die Schalkheit
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Auch ins Herz den Blüthenduft
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Deiner Muse, deiner Scherze.

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Aber laß nun, mich zu schelten!
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Ist die Sündfluth, die so schnelle
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Meine kleine Welt zerstöret,
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Endlich doch zurückgewichen,
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Und die grünen lichten Höhen
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Glänzen schon im Sonnenscheine,
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Und der Friedensbogen ruht
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Lächelnd im entwölkten Himmel.

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Eine Taube ließ ich fliegen –
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Deute sie – und einen Oelzweig
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Brachte sie zurück! ich habe
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Doch mein Bestes mir gerettet.
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Freund, mein Herz! In frischer Weihe
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Hat es der versöhnten Gottheit,
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Hat's der Muse, die dich krönt,
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Ew'ge Treue schon geschworen.

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Und so könnt' ich wohl es wagen,
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Dir die Freundeshand zu bieten;
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Wär' ich noch ein Schwärmer, rief' ich
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Alle Tempel Roms zu Zeugen,
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Doch wozu? Du liebst zu schweigen,
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Liebst die Einsamkeit, und freilich
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Dir verdenk' ich's nicht, du hast
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Alle Grazien zu Gespielen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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