1.

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Wilhelm Waiblinger: 1. (1817)

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Laß mich, Freund, in meiner Weise
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Dir ein artig Liedchen singen!
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Zürne nicht, wenn meine Muse
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Nicht als ernste hohe Gottheit,
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Nur als Schmetterling der Dichtkunst
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Blumenhöhen heut umflattert,
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Wenn sie von Anakreons
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Bienenhonig gerne nippte.

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Sind wir doch im ew'gen Frühling,
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Wo im warmen Hauch des Südens
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Uns die Frucht der Hesperiden,
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Frohe Lebenslust, erblühet!
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Drum so frisch und leicht und munter,
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Wie Albanos Morgenlüfte,
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Soll, o Sänger, dir mein Lied
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Um der Schläfe Lorbeer wehen.

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Laß den Ernst für heute schwinden,
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In Italiens ew'ger Jugend
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Wollten wir allein veralten?
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Alles müssen wir erlernen,
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Nun, so lernen wir uns freuen!
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Nimm den Lorbeer ab, er runzelt
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Nur die Stirn! ein Myrthenkranz
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Und die Rose steht ihm besser!

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Dich erquickt es ja zu wandeln
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Durch die immergrünen Haine
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Und du rufst ja, wenn sie glänzend
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Von der Sonne Purpur träufeln,
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Das ist Süden, das ist Schönheit!
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Unter Blüthen, unter Blumen
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Ließen wir den Freudenkranz
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Uns allein vom Herbst entblättern?

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Ferne sei's! Wie dieser Schöne
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Lautrer Lebensstrom die Wunden
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Meines Herzens heilen konnte,
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Wie ich reiner und gesünder
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Solchem Wunderbad entstiegen,
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So erheiterten, erfrischten
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Dich allein die Fluthen nicht,
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Die den schönsten Himmel spiegeln?

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Dich gewiß! In deines Herzens
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Still verschlossnem Heiligthume
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Hielt das schönste Paar des Himmels
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Psyche mit dem Schalken Amor
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Ihre lieblichste Vermählung,
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Und du kennst der Psyche Freuden
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Nur daß ein Elysium
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Ihrem sanften Fluge fehlte.

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Doch du hast es nun, du lerntest
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Dein Parthenope genießen,
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Und du singst, ein andrer Orpheus,
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An elysisch holden Ufern
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Fels und Wellen deine Lieder,
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Und die Schattenbilder lockst du
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Aus dem finstern Orkus selbst
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Unsrer Heimath dir herüber.

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Munter drum, laß uns genießen,
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Und vergiß nicht, jener schöne
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Jugendliche Gott der Dichtkunst
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Ist derselbe, der die Traube
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Mit dem heißen Blut begeistert,
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Willst du seine Huld behalten,
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Mein geheimnisvoller Freund,
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Bring' ihm seine Freudenopfer.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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