Das Pantheon

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Wilhelm Waiblinger: Das Pantheon (1817)

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Oft in der Mitternächte Schweigen
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Pfleg' ich mit leisem Geistertritt
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Das Kapitol herabzusteigen,
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Und schnell beflügelt sich mein Schritt,
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Die dunkeln Wege wandl' ich schnelle,
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Die nur die tiefste Sehnsucht kennt,
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Wo selten noch ein Lichtchen helle
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Vorm Bild der Mutter Gottes brennt.

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Da hör' ich durch die düstre Stille,
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In der so gern die Trauer sinnt,
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Wie schon des Brunnens kühle Fülle
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Ins Marmorbecken niederrinnt,
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Und plötzlich – als erstünd' es eben,
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Ein hoher Geist, vom Grab empor –
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O Götter Roms, ihr habt mein Leben!
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Taucht's herrlich aus der Nacht hervor.

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O wie mit namenlosem Schauer
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Hängt Herz und Auge da an dir,
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Und wie voll schwermuthsvoller Trauer,
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Voll heil'gem Ernst erscheinst du mir,
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Du Stolz der Vorwelt und der Ahnen,
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Du Riesenkind voll Majestät,
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Von Völkerstürmen und Orkanen
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Fast zwei Jahrtausende umweht,

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Das sich, der dunkeln Macht der Horen,
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Dem Schicksal seines Roms zum Spott,
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Zum großen Liebling auserkoren
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Dein alter heil'ger Donnergott,
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Mein Tempel, und mein höchstes Sehnen
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Der zarten Kindersehnsucht schon,
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Du Opferschaale meiner Thränen,
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Nun meine Braut, o Pantheon!

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Mir ist, es sei dir zugeschworen,
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Als wärest du mein größ'res Herz
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Zur kühnen Schöpfung ausgeboren,
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All mein Gesang mit seinem Schmerz,
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Zum hohen Marmorbild geründet,
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Der Götter Herrlichstem geweiht,
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Auf ew'gen Säulen fest gegründet,
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Und sein Altar Unsterblichkeit.

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Der Wand'rer sieht mit sel'gen Blicken
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Roms Forum in der Abendgluth,
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Wo unter mächt'gen Tempelstücken
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Der breitgehörnte Stier nun ruht,
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Und sanft umblüht von frischem Grüne,
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Durchstrahlt von Gold und Himmelblau,
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Der Vorwelt furchtbarste Ruine,
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Des Colosseums Riesenbau.

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Doch flücht ich stets aus diesem Grause
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Erinnrungsvoller Einsamkeit
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Mich wieder zu dem Götterhause,
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Wo eingehüllt in Dunkelheit,
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Von tiefem Schatten nur gehoben,
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Die stolze Säulenhalle blickt,
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Und über seiner Wölbung oben
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Mich nur ein einz'ger Stern entzückt.

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Von Tasso's Eiche seh' ich gerne
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Hinab, wo sich, gewaltig Rom,
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Vom Tempel der Minerva ferne
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Hinan bis zu Sankt Petri Dom
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Dein ungeheures Bild entfaltet,
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Und über grüner Pinien Pracht,
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So unaussprechlich schön gestaltet,
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Sabina's Duftgebirge lacht!

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Doch stillt mein Sehnen all und Hoffen,
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Agrippa, nur dein Tempelrund,
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Denn gastfrei allen Göttern offen,
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Mit allen Himmlischen im Bund,
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Ist ihm das ernste Herz willkommen,
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Das für die alten Götter fühlt,
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Und jetzt, ach nur zu oft beklommen
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In deiner Nacht die Flamme kühlt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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