Sechstes Lied

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Wilhelm Waiblinger: Sechstes Lied (1817)

1
Dein gedenk' ich, Nazarene,
2
Wenn das Schiff mich nach dem Eiland
3
Theokrits, auf griech'sche Erde,
4
Nach der Heimat des Ulysses,
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Ueber's weite Meer entführt.

6
Aber unsre Wünsche schwinden
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Oft wie Rauch dahin; der Frühling
8
Er erfreut, und wir genießen
9
Wohl den Balsamduft der Blüten,
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Doch die reifen Früchte nicht.

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Glüht uns auch die volle Traube
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Schon entgegen, lechzt der Gaumen
13
Nach dem Trunke, so entführet
14
Uns der Gott im Sinnenrausche
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Den gebornen süßen Wein.

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Nie mehr soll ich denn die Felsen,
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Nimmermehr die Feigenhügel,
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Luft'ge holde Schattenwege
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Der Kastanienhaine, nimmer
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Mein Olevano mehr sehn?

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Nimmermehr der Serpentara
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Rauhe wilde Wand besteigen,
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Nimmermehr die schönen Berge
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Tief im Lichtblau eines sanften
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Mädchenauges lächeln sehn?

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Weil sie meinem Leben drohen,
27
Und mich hassen, wie den Pluto,
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Der dem blumenvollen Enna
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Mit verwegner Kraft die schönste
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Schäferin hinweggeraubt?

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Sei's denn, liebe Nazarene,
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Ob wir auch uns wiedersehen,
33
Ob du mit dem Nonnenschleier
34
Auch vertauschest deine farb'ge
35
Feenhafte Zaubertracht,

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Eine Schuld doch muß ich sühnen,
37
Eine andere begehend,
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Einer meine Treue brechend,
39
Einer andern sie bewahrend,
40
Beiden meine Reue weihn.

41
Zwar die Schönste bleibst du immer
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Deines reizenden Geschlechtes,
43
Zwar vollkommner malte Sanzio
44
Nie ein Weib, und nie Correggio
45
Einer Grazie Wunderbild.

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Doch es gibt ein Herz voll Liebe,
47
Voll Geduld und Treu und Langmuth,
48
Wie's in seiner geist'gen Schöne,
49
So lebendig, leidend, fühlend,
50
Ariosto nicht besang.

51
Alles schuld' ich ihm, vor allen
52
Dieses Herz! Ich kann's nicht theilen,
53
Und damit nicht seine Leiden
54
Ueber unsern Frevel kommen,
55
Sag' ich dir mein Lebewohl!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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