Viertes Lied

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Wilhelm Waiblinger: Viertes Lied (1817)

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Eine Stunde des Tages aber weiht' ich
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Dir, o Loggia! Des Morgens, wenn die Sonne
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Aus den Hernikerfelsen, überm kahlen
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Sanft umdufteten Haupte des Serone
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Sich erhüb', und die Purpurflamme glühend
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Um Olevano's Häuserpyramide
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Höh're Schönheit ergösse, säß ich längst schon
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Auf des Hauses Balkon, an dem das Weinlaub
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Schwellend volle Gewinde hoch emporrankt,
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Ueberquellend vom Geist des Freudengottes
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Schon die Traube dem süßen Lichte zulacht,
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Wo in mächtigen Blättern aus der Mauer
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Mit der reifenden Frucht die Feige vorgrünt,
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Saftig schon die Citrone lacht, die goldne,
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Die Melon' ihr Gewächs zur Erde senket,
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Und zur Seite der einsamen Cypresse,
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Aus dem Busche die Goldcitrone blinket.
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Helle säh' ich die wind'gen Schlösser blinken,
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Sähe Rocca di Cavi, morgenheiter
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Der Capranica Burg, Kastanienhügel
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Führten nun mir den Blick in der Campagna
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Bunte, schimmernde Gründe weit zur Ferne,
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Bis wo durch die Elysiumshaine Cavi's
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Palestrina der Schattenpfad sich nähert,
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Zu der Volsker Gebirge, Cavignano,
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Bis zur Scurcola und Anagni's Tempe.

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Und die volle Erinn'rung schweifte manchmal
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In mein Latium hin, das ewig theure,
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Zu den Hainen Albano's, zu Gandolfo's
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Klarem, erlenbekränzten See, zu Nemi's
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Altem, dunkeln Dianenwald, Genzano's
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Meeresaussicht, und zu des Monte Cavo,
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Weltbeherrschenden Haupt, wo oft mein Auge
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Von Oreste, von Tibur's Paradiese
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Das unendliche Meer bis zu der Circe
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Fernem, bläulichen Vorgebirg', hinunter
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Zu Parthenope's Zauberinseln schaute,
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Schweifte gerne zum rebenvollen Hügel,
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Wo die Stadt der Lavinia, fabelheilig,
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Drei Jahrtausende bald sich schon im Lichte
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Des hesperischen Himmels sonnt; sie schweifte
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Nach des ewigen Frühlings Wollusthainen,
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Frascatanischen Gärten zu, und bliebe
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Träumend stehn an der Einzigen, der Hehren,
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Unaussprechlich Erhab'nen, deren Kuppeln
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Aus der Schwermuth und Oede der Campagna
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Einsam ragen und doch die Welt beherrschten.

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Einst auch so auf dem Hausbalkone saß ich,
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Unstät irrte mein Auge von dem Maulthier,
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Das den Bergpfad herauf der träge Führer
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Der rothwammsige, nach des Thores grauer
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Wölbung führte, hinweg in weite Fernen:
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Lange mocht' ich wohl so hinüberschauen,
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Den Gedanken folgend, die gleich den Wolken
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Manchmal über die schöne Erde schweben,
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Und im fliegenden Wechsel bald verwehen,
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Als mein Blick nach Olevano's Terrassen
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Aus der Ferne zumal sich kehrt; und siehe,
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Drüben, wo sich am Fels das Dorf emporhebt,
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Da gewahr' ich auf hoher Loggia schöne,
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Farb'ge Frauengestalten, eine aber
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Ragt vor allen hervor an Wuchs und Hoheit
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Und an Jugend, an reicher Tracht und Kleidung.
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Weiß, in reizendem Faltenwurf erglänzt das
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Busentuch, um den Nacken sanft sich wölbend;
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Albanesische Sitte, weiß der Schleier,
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Blendend weiß das Gewand auch, Rosenbänder
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Und viel andere zieren Brust und Arme,
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Groß und königlich anzuschauen ist sie,
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Dienerinnen nur dünken mir die andern;
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Nieder aber von des Balkones Höhe,
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All die schönen Olivenhaine, die den
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Fuß des Felsens mit Silbergrün bedecken,
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All die Fülle der Feigen und Kastanien
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Und die farbigen Gründe der Campagna
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Ueberblickte sie, zu der Volsker fernen,
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Violetten Gebirgen dann sich wendend.
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Und mir däuchte – warum? ich wüßt' es deutlich
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Nicht zu sagen – ein Weib aus grauen Zeiten
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Aus homerischer Welt zu schauen, sei es
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Nun Andromache, die von Priams Beste
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Ueber Ilion's Eb'ne blickt, wo Hektor
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Mit den Danaern kämpft, sei es die schöne
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Königstochter Antigone, die ängstlich
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Mit der Sklavinnen Schaar von Thebens Mauern
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Niedersieht in das Feld, wo sich der Sieben
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Waffenglänzendes Heer zum Sturme nähert.
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Also königlich war sie anzuschauen,
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Jene Frauengestalt im weißen Schleier,
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Und im weißen Gewand und Busentuche;
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Nur ein Punkt in der weiten Felsenlandschaft,
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Schien sie doch mir die Herrin all des Landes.

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Einsmals blickte sie auch zu mir herüber,
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Und in düsterer Träume Nebel senkte
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Sich die Seele mir ein. Da schlich Cechino,
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Mein Begleiter zuweilen durch die Berge,
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Sich heraus, und die Schulter mir berührend,
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Weckt' er mich aus dem Traum. »Siehst du hinüber,«
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Fragt' er lachend, »wo auf der hohen Loggia –«
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Nein, erwidert' ich, rasch empor mich hebend,
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Eben däuchte mir, daß sich über'm Monte
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Artemisio vom Meer her ein Gewitter
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Nahen wird, und so laß uns eilig vorher,
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Eh' es kommt, auf die Serpentara wandern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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