Nicht ermüden und ermatten

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Wilhelm Waiblinger: Nicht ermüden und ermatten Titel entspricht 1. Vers(1817)

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Nicht ermüden und ermatten,
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Auch wenn kaum ein Stündchen Schlummer
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Gegen Morgen dich erquicket!
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So die lustige Gefährtin,
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Heut' am letzten Freudentage
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Mir als trefflicher Paino,
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Fein in schwarzem Kleid und Hut
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Und im Busenstrich erscheinend.

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Heut' am allerletzten Tage
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Sollte man nicht ausgelassen,
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Gleich dem Faune, gleich dem Satyr,
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Eine tolle Nymph' im Arme,
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Jubelnd seinen Thyrsus schwingen?
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Und warum nicht? Rennt mit Hörnern,
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Pferdefuß, in schwarz und roth
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Lucifer nicht im Gedränge?

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Wie man von dem Liebchen scheidend,
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Noch in Einem langen Kusse
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Wonn' und Lust auf ewig trinken,
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Trost für immer saugen möchte,
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Wie dem Vaterland entwandernd,
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Wo man Kind war, wo man liebte,
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Man des Lebewohls Moment
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Gerne noch verlängern möchte:

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So das wilde Rom, man taumelt
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Unter Taumelnden; es regnet
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Heut' zum letzten Male Blumen
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Auf ein glücklich Volk, und Zucker.
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Goldne Tage des Saturnus
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Lebt man noch; es wäre Fabel,
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Und so viele tausend Frau'n
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Predigen die holde Wahrheit?

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Doch es neigt sich schon die Sonne,
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Schon erbraust es in der Menge,
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Meilenweit vom Obeliskus
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Bis zum Capitol – sie kommen –
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Nein! sie fliegen – kaum vernimmst du
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Ihren Hufschlag – Alles jubelt
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Längst sind alle schon verschwunden.

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Wie ersehnt steigt jetzt die Dämm'rung
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Von den mächtigen Palästen
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Nieder in die tiefe Straße.
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Noch ein Stündchen, Kind der Liebe,
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Doch das köstlichste der Erde!
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Nimm' dir einen Sitz, ein Lichtchen,
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Denn dem Weibe ziemt ein Licht,
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Und dem Manne ziemt's zu löschen.

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Und schon flammet nah' und ferne
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Von Balkonen und von Fenstern,
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Aus Carossen, von den Sitzen
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In unzählbar vielen Händen
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Durch den Nachtduft ein beweglich
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Muntres Heer von kleinen Feuern,
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Und ein neuer Zaubertag
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Hebt nun an, dem Fest zu leuchten.

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Welch ein übersinnlich Märchen,
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Wie man's oft von leichten Sylphen,
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Gnomen und von Salamandern,
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Nächtlich einem Kind erzählet!
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Welche Welt von schönen Mädchen,
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Welche Schaaren kecker Schalken,
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Wie das holde Farbenreich
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Aus dem Dunkel sich entfaltet.

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Wie die Lichter wehn und flattern,
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Und gewandte schnelle Springer
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Nach dem hast'gen Flämmchen haschen;
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Wie sie hüpfen, wie sie schlagen,
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Wie manch bunte Feengruppe
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Plötzlich in die Nacht versinket,
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Und ein Schelm, des Sieges froh,
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Im Gewimmel sich verlieret!

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Wie sie auf die Wagen klettern,
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Und von oben her geschwinde
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Wie der Wind ein Licht verlöschen;
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Wie sie schleichen, wie sie lauschen,
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Durchs Gedränge schalkhaft schlüpfen,
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Geistern oder Dieben ähnlich,
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Erst nur still, dann mit Geschrei
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Und mit Hohngelächter necken!

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Wie der Tod des Carnevales
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Mit einstimmigem Gebrülle
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Sinnbetäubend aus den Kehlen
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Eines Volkes sich verkündet,
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Unterm dumpfen Klaggesange
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Dieser Moccoli Erlöschen
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Aller Freuden Ende schon
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Und die Trauerzeit bedeutet.

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Noch erglüht und flammt und zittert
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In der farbigen Bewegung
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Im phantastischzarten Spiele
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Roms erneute Pracht, da löschen
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Sich allmählich alle Lichter,
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Und die Zauberwelt verschwindet,
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Die gestaltenlose Nacht
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Folget, wie der Tod dem Leben.

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Und des eignen Daseins denk' ich
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Mehr als je, da mir so frühe
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Das Verhängniß meiner Jugend,
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Meiner Liebe, meiner Hoffnung
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Süße Märchenwelt zerstörte,
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So viel Schönes und Geliebtes,
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So viel Flammen, so viel Lust
103
In den Ernst der Nacht versunken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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