Sechstes Lied

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Wilhelm Waiblinger: Sechstes Lied (1817)

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Unter Spiel und Scherz und Possen
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Ist die Nacht herangekommen,
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Doch im sanften Sternenscheine
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Läßt es sich nur besser schäkern,
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Und gespensterhafte Schalkheit
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Lacht und spukt durch alle Gassen.
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Erst wenn Phöbus sich entfernt,
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Wagt sich Momus aus dem Hause.

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Gib die Hand mir, Kind der Liebe,
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Sind wir endlich doch alleine!
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Laß uns schnell nach Hause wandeln,
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Nimm dir vom Gesicht die Maske;
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Denn der Nacht, warum nicht könntest,
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Wer du bist, ihr anvertrauen?
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Schnell die Maske weg, und dann
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Wieder auf die vollen Straßen!

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Folge mir, an allen Ecken
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Hörst du jetzt den Pulcinella
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Mit der Narrenglocke läuten,
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Manche Mandoline klimpert
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Unter dem erhellten Fenster!
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Gehn wir eilig! denn mich locket
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Jener schwarzen Osterie
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Alterthümliches Gewölbe.

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Willst du fröhlich sein, so trinke
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Abends deinen vollen Becher
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Süßen Frascatanerweines,
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Und ein Liebchen dir zur Seite
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Kränz' ihn dir mit seinen Rosen.
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Ohne Wein und ohne Liebchen
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Sieht man sich das tolle Volk
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Nur mit Neid des Lebens freuen.

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Lauschen wir dem wilden Dichter,
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Der im Kreis gedrängter Masken
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Hier mit Liedern aus dem Stegreif
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Seine Hörerschaft begeistert,
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Wie das lust'ge blonde Bübchen,
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Schon Hanswurst dort auf dem Tische,
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Dem besess'nen Sänger lauscht
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Und mit seinen Händen klatschet.

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Doch auch hier will sich die wilde
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Römerin nicht lang gedulden,
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Ob wir ins Theater eilen,
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Ob wir eine Oper hören,
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Ob uns das Ballet vergnüge,
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Oder ob uns der Taddei
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Seltne Kunst belustige,
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Oder gar Cassandro's Puppe?

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Doch zum Maskenballe leitet
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Mich der artige Schalk; ich folge!
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Keine Beatrice führt mich,
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Aber eine Bajadere!
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Nein, wer konnte sie verschmähen!
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Tausend Frauen sah ich heute
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Schon verschleiert, aber doch
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Keine einzige Bestale.

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Und des heitern Zauberhauses
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Hellgestirnter Lichterhimmel
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Oeffnet dem entzückten Auge
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Seine weite, schöne Wölbung,
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Und in magischer Beleuchtung
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Seh' ich unterm wilden Sturme
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Bacchischer Musik die Welt
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Eines holden Traumes wogen.

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Wie in nächtlichen Gesichten
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Uns die Phantasie zuweilen
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Tief in eines Berges Gründe
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Durch den Schacht der Erde führet,
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Und bei wundersamen Lichtern
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Uns phantastische Gestalten
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Und die allerschönsten Frau'n
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Um die trunknen Sinne gaukeln:

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Also dünk' ich mir zu träumen;
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Zwar es spukt die keckste Freude,
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Scherz und Witz in hundert Masken,
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Zwar es athmet allenthalben,
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Schön und glühend, sinnlich Leben,
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Mancher Nacken, mancher Busen
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Mahnt an höchste Erdenlust
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Uns berauschte, schwache Thoren.

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Doch zu viel der süßen Reize
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Schweben, schwellen uns entgegen,
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Und in heißer Wollust möchte
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Das gefang'ne Herz verschmachten.
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Solchem Leben zu begegnen,
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Müßt' allein in unsern Adern
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So viel Lebensfeuer glühn,
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Als die tausende durchwallet.

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Sieh bei raschgeschwungnem Tacte
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Wie vom Wahnsinn hingerissen
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Bunte Maskenpaare hüpfen!
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Das ist erst der Schritt der Freude,
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Hier und dort, und auf und nieder,
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Wie vom lauten Sturm getrieben,
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Der im Zauberhause braust
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Unter der Trompete Schmettern.

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Weiße freudentrunkne Mädchen,
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Arlecchine und Doctoren,
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Gärtnerinnen und Bajacci,
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Und der plumpe Pulcinella,
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Leichte Schäfer, farb'ge Türken,
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Schwarzvermummte, schlanke Feen,
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Alles in Mänadenwuth,
104
Saturnalischem Vergnügen.

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Und des eignen Lebens denk' ich,
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Da voll frischer Kraft und Seele
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Meiner Jugend Feuerströme
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So gewaltig in mir rauschten,
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Da sie alle kühn und muthig
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In bacchantischer Bewegung
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Schäumend sich hinabgestürzt
112
In den Ocean der Liebe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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