Fünftes Lied

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Wilhelm Waiblinger: Fünftes Lied (1817)

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Und als allerliebste Bäurin
2
Naht sie mir des andern Tages,
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Gestern neckte Stab und Glocke,
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Heut' ein artig Blumenkörbchen,
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Und im weißen Seidenhemde
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Hüpft heran die wohl erkannte
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Lüsterne Begleiterin
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Mit dem wilden Tamburine.

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Voller drängt sich's heut als gestern,
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Und von tausend lust'gen Bächen
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Jetzt vergrößert, jauchzt und schäumet
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Nun der Strom des Bacchanals;
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Ja, der Gott ist im Gefolge
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Seiner taumelnden Mänaden
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Selbst gekommen, um dem Volk
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Ganz die Sinne zu berücken.

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Seht die schreienden Doctoren,
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Wie sie ihre Weisheit pred'gen,
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Einem hübschen Schelmenkinde
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Hier den zarten Puls befühlen,
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Mörderische Instrumente,
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Köstliche Arzneien zeigen,
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Wie der Apotheker sich
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Durch des Mörsers Schall verkündet.

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Hier wird ein Proceß geschlichtet,
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Dort ein anderer verwickelt;
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Mit der jungen Ehehälfte
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Zeigt sich der Papa im Schlafrock,
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Und der Schalk, der Pulcinella,
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Ueber seine Schulter guckt er
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Schon mit einem Horn und setzt
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Ihm aufs Haupt die Narrenkappe.

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Wandelnde Museen lassen
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Ihre Raritäten sehen,
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Seinen Bündel Maccaroni
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Speist aus dem geheimen Topfe
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Der Bajaccio, jener Kutscher
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Trägt die Windmühl' auf dem Hute;
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Und am Zopfe flattert dem
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Gar ein Dutzend Distelfinken.

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Im zerlumpten Bettlerrocke,
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Und gewalt'gem Lorbeerkranze
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Wandelt der Poet. Da ruft es:
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Platz gemacht! und mit der Brille,
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Der Perrücke Lockenturme
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Kommt der Graf einhergeschritten,
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Und die derbe Römerwurst
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Guckt ihm aus der Seitentasche.

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Zu des Dudelsackes Schnarren
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Singt hier der Campagnenbauer
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Wohlerfundne Ritornelle
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Jenen Damen an dem Fenster;
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Mit liebäugelndem Gesichte,
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Schmeichelnden Manieren wandelt
55
Dort ein schönes Kind; doch nein,
56
Ein vermummter hübscher Junge.

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Sieh doch nur den schlauen Narren,
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Auf der Kutschentreppe steht er,
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Jener Brittin einen Spiegel
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Vor die schlimme Larve haltend,
61
Oder dort den Rechtsgelehrten,
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Wie er sich zum Advokaten
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Einem blondgelocktem Schalk
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In der Liebe Zwist empfiehlet.

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Auf bekränzten vollen Wägen,
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Unter schatt'ger Lorbeerlaube
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Zieht bei Becherklang der Winzer
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Frohe Schaar an uns vorüber;
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Und die Tamburine schallen
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Rauschend zu den Chorgesängen;
71
Unter frischen Burschen sitzt
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Manches Kind mit vollem Busen.

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Heute gilt's, die Welt zu narren.
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Heute gilt's, genarrt zu werden!
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Alle Thorheit auf der Erde
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Hat sich schwesterlich versammelt;
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Der Verstand, er schwingt mit Jauchzen
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Heut' die Pulcinellenkappe,
79
Und die Weisheit zeigt dem Volk
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Ohne Scheu die Eselsohren.

81
Und des eignen Lebens denk' ich,
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Mancher schwergebüßten Irrung,
83
Mancher Thorheit, die ich offen
84
Im Triumph zur Schau getragen.
85
Aber still davon, wir dürfen
86
Heute keinen Narren schelten,
87
Und an eines Mädchens Arm
88
Gibt's ja keine weitern Scrupel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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