Viertes Lied

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Wilhelm Waiblinger: Viertes Lied (1817)

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Einen traurigen Gedanken,
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Siehe da, das Kind des Nordens!
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Doch wohlan, mit Pulcinella
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Lach' ich schon, und der Doctoren
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Weisheit hör' ich an, die Suada
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Eines Charlatans begeistert,
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Puterartig schreitet hier
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Auch der Graf in der Perrücke.

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Doch ich werde rasch umfangen,
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Und mit hohem Federnhute,
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Schwarzem Antlitz, buntem Röckchen,
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Arlecchina mir zur Seite!
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»sei willkommen, Freund, willkommen,
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Reiche mir den Arm!« – Wer bist du? –
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»wer ich bin? Ei nun, damit
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Man's nicht wisse, dient die Maske.«

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Doch verrathen sie der Stimme
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Volle Nachtigallentöne,
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Und der Locken schwarze Wallung,
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Und am purpurnen Barette
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Der Begleiterin erkenn' ich
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Deutlich sie; an beide Arme
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Hängen sie sich hüpfend an,
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Und ich muß geduldig folgen.

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Manches art'ge Wörtchen flüstert
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Arlecchina nun dem Sänger
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Leis' ins Ohr. Wir bleiben, sagt sie,
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Unzertrennlich jetzt beisammen!
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Laß uns durch den Corso wandeln,
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Bis der Pferdelauf vorüber,
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Dann wird uns, verstehst du wohl,
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Nunziata gleich verlassen!

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Und der Sänger nun am Arme
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Solcher lieblichen Geschöpfe
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Fühlt, wer könnt' es ihm verdenken,
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Saturnalisches Behagen!
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Hat er doch in all' der Menge
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Nun das Seinige gefunden!
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Doch er fürchtet im Gewühl
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Unterm Volk es zu verlieren.

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In der That, sie ist gar artig,
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Und wiewohl an seinem Arme,
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Reißt sie doch sich los und schüttelt
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Einen Mann, den er nicht kennet;
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Selbst Confetti soll er haben
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Und von Nunziata Blumen,
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Und der Sänger schauet zu,
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Denn wir sind im Carnevale.

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Doch im frohen Schellenklange
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Kehren sie zurück, und lustig
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Hört im ungestümen Tacte
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Man das Tamburin erschallen
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Aus dem nahen Seitengäßchen.
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Schnell dahin! Die Masken fliegen,
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Arlecchina will's, und ich
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Folge hübschen Kindern gerne.

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Und im enggeschloss'nen Kreise
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Hüpfen halb zerlumpte Paare
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Dort im wilden Saltarello!
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Doch das heiße Blut geduldet
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Hier sich nicht, sie ziehn mich weiter,
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Auf und ab, nach allen Seiten,
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Bald begrüßend, bald begrüßt,
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In dem lärmenden Getümmel.

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Und im letzten Scheine glühet
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In der Straße fernstem Grunde
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Schon das Capitol! Verschwunden
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Sind die rasselnden Carossen,
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Und das Töchterchen der Liebe
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Führt den Sänger leicht und tänzelnd
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Unterm fürstlichen Palast
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Zu bequemem, hohen Sitze.

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Und man scherzt und duldet Scherze,
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Sitzt aufs traulichste beisammen,
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Und begegnende Bekannte
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Wirft man wohl noch mit Confetti,
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Bis die Straße schon geräumt ist;
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Alles wartet, Alles schaut,
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Bis es braust, und nun im Flug
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Rosse kommen und verschwinden.

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Einen Gang noch, Arlecchina,
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Wenn's auch dämmert, wenn die Sonne
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Längst vom Capitol gewichen!
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Unersättlich im Genusse
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Lernt im Süden man zu werden;
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Drum geschwärmt, bis uns das Brüllen
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Des Paino scheucht, und dann
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Auf den Ball und spät zur Ruhe.

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Und zuweilen meines Lebens
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Denk' ich da, der Wonnetage,
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Da ich endlich sie gefunden,
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Die ich mir so lang' geträumet,
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In der Tracht des Ideales
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Mir die Liebende gefolget,
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Mir bestimmt, geboren schien,
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Für die Ewigkeit gegeben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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