Drittes Lied

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Wilhelm Waiblinger: Drittes Lied (1817)

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Aber was am schönsten wäre,
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Was am würdigsten, des Sängers
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Lied ein Gegenstand zu werden,
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Was es schmückte, wie ein Frühling
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Mit der wunderreichsten Blüte,
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Wär' es leicht nicht zu errathen?
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Roms gepries'ne schöne Frauen,
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Wer vernahm nicht oft von ihnen?

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Wen erfreut' ich nicht, mit Feuer
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Ihr begeisternd Lob beginnend?
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Wüßt' ich nur, wohin die Augen
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Und den Klang der Lieder richten,
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Ob empor zu buntbehang'ner
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Glänzender Balkone Wunder,
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Ob zu jener beiden Reih'n
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Miglienlangem Farbenglanze?

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Ob in rasselnden Carossen
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Frauenschönheit ich bewundre?
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Gar zu reizend däucht mir jene,
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Mit der Feder Schwanenwallung
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Einer Königin zu gleichen,
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Doch zu hoch dem armen Sänger,
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Der im Volksgewühle treibt,
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Scheint sie fast auf dem Balkone.

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Wend' ich meine Blicke lieber
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Albanesischen Gestalten
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Trunken zu! Beim Gott der Liebe,
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Schöner sind sie wohl als jene!
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Welche Tracht! Der Vorwelt Weiber
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Sind sie, oder gar der Fabel,
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Und an solchem Busen nur
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Konnt' ein groß Geschlecht entstehen.

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Blumen lächeln aus der Haare
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Rabendunkel, und des Schleiers
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Weiße Masse senkt sich üppig
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Auf ein Schulternpaar, wie Marmor,
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Und aus hochgeschwelltem Tuche
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Tritt ein Nacken, dessen Reize
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Nur des großen Donn'rers Arm
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Zu umschlingen würdig scheinet.

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Und ich staune, wie versteinert
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Bleib' ich stehn, der Rosse Schnauben
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Und der tönenden Carossen
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Und des wirbelnden Gewühles
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Wenig achtend. Sieh', es fliegen
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Blumensträuß' ihr zu, und alles
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Wildgedrängte Volk umher
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Trifft ein ew'ger Zuckerregen.

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Doch ich fühle mich ergriffen
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Und von sanfter Hand geschlagen.
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Welch ein Schalk du bist, o Amor!
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Eine Schaar der schönsten Kinder
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Schäkert um mich her; willkommen!
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Rufen ihre süßen Stimmen,
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Und beim Namen nennt man mich,
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Nicht beim Namen,

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Kaum bin ich bei mir, so sind sie
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Lachend im Gewühl verschwunden,
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Wer sie sind, was weiß der Sänger?
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Halb geneckt und halb geschmeichelt
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Drängt er weiter, läßt sich drängen,
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Immer Lieblicherm begegnend,
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Wird er hundert Masken gram,
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Die das Lieblichste verbergen.

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Holde, junge Gärtnerinnen
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Reichen Veilchen aus den Körben,
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Und die breite Arlecchina
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Fliegt mit Schellenklang vorüber!
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Wie das weiße Hemdchen jene,
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Wie die Busenschärpe kleidet!
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Bleibe fern! Nimm dich in Acht,
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Ihre Scheeren sind gefährlich!

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Wie sie jauchzen, wie sie schrillen,
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Wie sie schäkern, wie sie rennen,
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Wie sie grüßen und verschwinden!
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Wärst du häßlich, o so fliehe,
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Alle sagen dir's, und Spiegel
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Halten sie dir vor die Augen,
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Bist du leidlich und gewandt,
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Nun so kannst du viel gewinnen.

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Rasch dein Glück versucht! Die Stunde
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Kehrt nicht wieder! Sinkt die Maske,
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Sieht vielleicht ein liebend Auge
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Hell dich an! Im Scherze bildet
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Ernstes sich, doch bleibe weise,
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Denn dem Scherz folgt oft die Trauer;
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Kränze, die man Bräuten flicht,
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Ruhen oft auf ihren Särgen.

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Und wer möchte mir's verübeln,
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Wenn ich meines Lebens denke,
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Jener Zeit, da mir im Herzen,
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Solch ein Liebessehnen glühte,
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Da in tiefbewegter Seele
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Mir die künftige Geliebte
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So unsäglich schön erstand,
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Als die Herrlichste des Festes!

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Da so viele mich umschwärmten,
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Rasch an mir vorüberflohen,
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Und die eine, die ich träumte,
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Mir so unerreichbar dünkte,
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Da ich ungeduldig suchte,
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Nicht bedenkend, daß die frohen
103
Kränze, die man Bräuten flicht,
104
Oft auf ihren Särgen ruhen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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