Siehe doch die Stadt der Gräber

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Wilhelm Waiblinger: Siehe doch die Stadt der Gräber Titel entspricht 1. Vers(1817)

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Siehe doch die Stadt der Gräber
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In bacchantischer Entzückung!
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Rom verjüngt sich, Kindertage
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Lebt es wieder, und ich folgte
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Nicht dem Strome dieser Freude,
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Die in allen Straßen wüthet,
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Würfe keinen Feuerbrand
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In die allgemeine Flamme?

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Einsam stehn die alten Tempel
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Um den Palatin, verlassen
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Von dem mächtigen Geschlechte,
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Das sie einst verehrt, verlassen
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Von der Mitwelt selbst; dem Corso
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Wälzt aus dem Vulkan der Freude
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Sich die wilde Strömung zu,
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Schwellend durch gedrängte Gassen.

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Drum hinweg mit Ernst und Trauer,
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Selbst den ehrbarsten Gedanken
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Nennt man heut' nur Grille; laßt mich
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Frisch ins taumelnde Gewimmel,
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Frisch ins brausende Gewoge;
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Wie man sonst der Narren lachte,
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Lacht man heut' mit vollem Recht
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Eines trockenen Verständ'gen!

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Fürchte nur, dich zu verlieren;
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Wie im Meer ein Regentropfen,
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So vergehst du hier, und keiner
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Fragt nach deinem Rang und Wissen,
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Aller Bande der Gewohnheit
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Ist der Mensch nun los, die Willkür
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Wird Gesetz, und lüstet dich's,
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Kannst du auf dem Kopfe gehen.

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Armuth gibt's nicht mehr und Reichthum.
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Eine Maske deckt sie beide,
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Und geduldig nimmst du jeden,
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Wie er scheint; Gesicht und Hülle,
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Wort und die Geberde tauschen
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Die Geschlechter selbst, das Alter
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Lächelt dich in Locken an,
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Und die Jugend geht an Krücken.

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Was die Welt im Ernst getrieben,
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Und was Geist und Hand beschäftigt,
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Nur zum Scheine, nur zum Scherze
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Trägt man Alles dir vor Augen,
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Hier der Gärtner seine Blumen,
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Der Gelehrte seine Bücher,
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Seine Medicin der Arzt,
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Und der Landmann seine Früchte.

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Aus der Erde fernsten Strecken
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Kommen bunte Völkertrachten,
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Mahomskinder, Mohrenprinzen,
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Aethiopische Gesichter,
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Und um ganz dich zu verwirren,
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Schickt das Reich der Fabel Gnomen;
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Widerstehe, wenn du kannst,
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Allerliebsten jungen Feen.

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Von den fliehenden Gestalten
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Glückt es keine dir zu fesseln;
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Diese möchtest du verfolgen,
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Jene lockt dich an. Vergebens!
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Wesenlose Schattenbilder,
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Schwinden sie hinweg, gehören
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Nur sich selber an, und du
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Bist allein zurückgeblieben.

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Und des eignen Lebens denk' ich,
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Jener Zeit, da ihre Bilder
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Mir die Welt, und seine Tiefen
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Das Gemüth, da mir die Menschheit
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Ihre Thaten aufgeschlossen,
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Da vom Reiche der Lebend'gen
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So viel herrliches sich stolz
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Im Gemüthe mir gesammelt.

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Da der Mensch und alle Dinge
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So phantastisch noch im Dufte
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Mir erschienen, da sie alle
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Noch sich glichen, da die Masken
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Mich getäuscht, da ich nach allen
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Mit vermeßnem Wahn gegriffen,
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Und von tausenden mir nichts
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Als mein eignes Selbst geblieben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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