Erstes Lied

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Wilhelm Waiblinger: Erstes Lied (1817)

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Und warum nicht, heitere Muse,
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Lied und Lob dem Carnevale?
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Bienen konntest du besingen,
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Konntest schöne Frauen ehren,
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Selbst den Duft der Blumen preisen –
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Und warum nicht all die Schwärme
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Lust'ger, honigsüßer Feen,
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Rom in Kränzen und in Blumen?

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Nein, dem trunknen Taumel geb' ich
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Ungescheut mich hin, und singe,
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Singe meiner Lieder Weise;
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Wenn sie auch im Vaterlande
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Drob mich einen Thoren schelten,
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Dennoch sing' ich, denn sie kennen
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Solche Lust und solch ein Fest
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Nur im Land der ew'gen Freude.

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Doch, was wünsch' ich mir zum Liede?
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Der Bacchantin Glut, des Gottes
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Brennend allbegeisternd Feuer?
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Oder deine Götterschalkheit,
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Aristophanes, ein wenig
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Nur vom Geiste deiner Maske?
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Wünsch' ich, Grazien, eure Huld,
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Eure Schönheit, holde Veilchen?

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Und begreift ihr's nicht, und wolltet
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Ihr dem trunknen Sänger zürnen,
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O ihr sah't von Samnesertes
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Obeliskus bis zum Grunde
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Zu des Kapitoles Stufen,
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Sah't noch nicht die goldgestickten
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Bunten Purpurteppiche
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Von Balkon und Fenster wehen.

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Schweiget still, ich bin im Süden;
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Weiße Flocken stäuben nieder,
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Aber welch ein Schnee? o schweiget!
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Ja, es ist ein wilder Hagel,
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Doch von Zucker, und die Erde
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Deckt er weiß, von Frauenhänden
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Träuft und stürmt er süß herab,
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Und bedeutet Frühlingstage.

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Blumen fliegen auf und nieder;
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Ist es nicht, als strömten junge
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Neckisch kecke Liebesgötter
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Einen Regen hier von Rosen,
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Dort von Veilchen in die Straße;
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Nicht, als schleuderten sie lachend
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Im Triumph auf Tausende
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Zart verwundende Geschosse?

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Hat vielleicht die Abendsonne
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Schön're Farben, oder fänd' ich
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Bunter noch die Mädchenreihen,
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So unübersehbar schimmernd,
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Wie sie sind? Der Sel'gen Jubel
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In Elysium, er klänge
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Wohl harmonischer als dies
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Tausendstimmige Geschrille?

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Wo die Wirklichkeit zu finden,
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Das Gewöhnliche? Verzaubert
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Ist die Welt; der Mensch, er wandelt
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Wunderbar in seine Träume,
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Seine Wünsche, seine Sehnsucht,
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Seine Phantasie verkleidet,
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Wie er ist, er will sich nicht,
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Wie er möchte sein, nur zeigen.

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Nur ein flüchtiger Bewohner
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Dieser Welt, zum Scherz geboren,
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Zum Moment, will er sein Dasein,
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Gleich dem Schmetterling genießen,
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Und dem dumpfen Haus der Puppe
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In vollendeter Entfaltung
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Nun entnommen, flattert er
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Buhlend unter seinen Blumen.

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Jene mächtigen Paläste,
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Nur zur Lust des Augenblickes
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Scheinen sie gebaut, es gibt ja
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Kein Bedürfniß mehr, und Alles
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Dient dem Schwärmer nur zur Feier
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Seines Daseins, Noth und Sorgen
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Kannte ja die Puppe nur,
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Nicht der schmucke Sommervogel.

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Und des eignen Lebens denk' ich,
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Jenes schnell zerfloßnen Zaubers
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Meiner Kindheit, da die Erde,
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Da der Mensch mit seinen Räthseln
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Noch so farbenreich und magisch
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Dem befang'nen Sinn erschienen,
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Der Genuß der Gegenwart
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Mir das ganze Leben dünkte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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