Ein Sänger, der in weiter Ferne

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Wilhelm Waiblinger: Ein Sänger, der in weiter Ferne Titel entspricht 1. Vers(1817)

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Ein Sänger, der in weiter Ferne
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Vom deutschen Vaterlande lebt,
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In dessen Geist und Herz so gerne
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Der Heimat Bild herüberschwebt,
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Singt unter Frühlingslaub und Blüte
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Zum ersten Mal voll stiller Ruh
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Im tiefbesänftigten Gemüthe
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Sein Lied euch in den Norden zu.

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Euch Allen rührt sie sanft den Busen,
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Die Sehnsucht nach dem schönen Land,
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Wo einst der heil'ge Chor der Musen
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Der Vorzeit Lorbeerkränze band,
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Unsterbliche, gepries'ne Siege
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Die Weltgebieter einst gekrönt,
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Und Sanzio seine große Wiege
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Mit allem Himmelsglanz verschönt.

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Drum hofft der Sänger, auch willkommen
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Mit seinem Herzensgruß zu sein:
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Denn ob ihm schon das Glück genommen
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Was wild und zart, was groß und klein
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Das heiße Herz ihm einst erfreute,
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Der Heimat wie der Liebe Lust;
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Ach Wonnen, die er nie bereute,
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Die Sehnsucht jeder Menschenbrust;

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Doch ist der Trennung bittre Klage,
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Das Ach des Lebewohls gestillt,
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Und allen Gram verlorner Tage,
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Das trübe Nachtstück, überschwillt
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Die reine Flut des neuen Lebens,
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Wo die Vergangenheit versank,
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Wo ich des wunden Seelenstrebens
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Vergessenheit in Fülle trank.

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Kein feuchtes Auge voll Vertrauen,
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Voll Liebesweh, voll sel'gem Wahn,
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Doch wohl auf immergrünen Auen
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Blickt mich manch süßes Veilchen an;
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Ach keiner Lippe holdes Schmachten,
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Kein Seufzer, kein beredter Schwall,
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Doch Haine, die schon Flaccus lachten,
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Voll vom Gesang der Nachtigall!

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Wohl jauchzt die Seele voll Entzücken,
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Wenn von Mäcenas Wunderhaus,
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Gleich einem Schleier anzublicken,
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Aus alter Bögen Nacht heraus,
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Von Tiburs Fels, wie aus den Lüften,
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Die silberne Kaskade schäumt,
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Im Wasserklang, in Blumendüften
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Die große, schöne Vorwelt träumt!

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Wenn sie an deinem klaren Spiegel,
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Dianensee, dem Winde lauscht,
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Der in dem Laub mit sanftem Flügel
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Gleich einem Geist der Fabel rauscht;
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O Lust, die nur die Götter kennen,
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Wenn oft so unaussprechlich hold
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Die lichten grünen Haine brennen,
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Und Psyche schwelgt im Abendgold;

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Wenn in die hellen, milden Weiten
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Ihr Blick aus Lorbeerdunkel streift,
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Und träumend von den Heldenzeiten
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Zum Zauberberg der Circe schweift,
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Der dort so lieblich, so verschwiegen,
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An Sagen und an Wundern reich,
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Des Meeres blauem Duft entstiegen,
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Den Märchen meiner Kindheit gleich;

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Wenn sie, vom Jubel und Gesange
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Nun aus dem Träumen aufgestört,
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Ein frohes Volk beim wilden Klange
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Der Tamburine jauchzen hört,
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Und auf der Flur in lust'gen Tänzen,
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Wo goldne Früchte niederblühn,
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Voll Sinnenlust, mit Rosenkränzen
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Die schönsten Frau'n der Erde glühn;

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Da möchte sie voll Freude fühlen,
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Wie ewig jung und sorgenlos
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Dort im Olymp die Götter spielen,
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Erhaben über Glück und Loos;
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Da möchte sie nur selig preisen
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Wer keiner weitern Zukunft harrt,
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Da grüßte sie allein als Weisen
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Das Kind der holden Gegenwart.

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Und so empfangt denn auch die Gabe,
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Die mir der Augenblick geschenkt:
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Zwar hat die Zeit im frühen Grabe
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So eilend den Genuß versenkt.
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Doch ihm entsproßt die schönste Blume
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Des Liedes duft'ge Heiterkeit;
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So sei die Blüte denn dem Ruhme,
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Die Frucht der Ewigkeit geweiht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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