Es webt und waltet

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Wilhelm Waiblinger: Es webt und waltet Titel entspricht 1. Vers(1817)

1
Es webt und waltet
2
Ueber den Wassern,
3
Ueber der Erde,
4
Ein unergründbarer,
5
Kaum geahnter,
6
Ewiger Geist
7
In Ruhe.

8
Ihn lobt die Blume,
9
Die zarte auf dem Hügel,
10
Ihn die Quelle, die klare,
11
Und kennt ihn nicht.

12
Ihn lobt der Mensch,
13
Der wunderbare
14
Aus der Umarmung
15
Des Ewigen und Endlichen
16
Entquoll'ne Sohn.
17
Lobt ihn im wallenden Licht
18
Der Morgensonne
19
Im bleichen Dämmern
20
Der stillen Mondnacht;
21
Im weichen Wehen
22
Bebender, flüsternder Blätter,
23
In allem Wogen, Drängen und Schwellen
24
Der ewigen Natur,
25
Seiner Tochter,
26
Lobet und erkennt ihn.

27
Er erkennt ihn, glaubt ihn
28
In seiner Fülle, seiner Ruhe,
29
Den durch sich selbst lebenden,
30
Ueber dem All ruhenden,
31
Alten, wandellosen Geist!

32
Und er beugt sein Haupt,
33
Das stolze, zum Himmel ragende,
34
Flicht um die Schläfe sich
35
Die tiefe zarte Demuth,
36
Die sinnige Viole,
37
Die ihn krönet.

38
Aber kühner blickt er auf,
39
Den Ew'gen in der Brust gewahrend.
40
Ihn trägt die Kraft,
41
Die gottentstammte,
42
Hinan zu ihm,
43
Wie eine Morgenwolke.
44
Er aber ruhet,
45
Der ewige Vater,
46
Der alles trägt,
47
Allliebend.
48
Nieder auf die Erde
49
Ströhmt sein Segen,
50
Reich wie seine Sonne;
51
Denn er liebt sie!
52
Hält die sein Entwöhnte
53
An den Vaterbusen
54
Mit allem,
55
Was auf ihr ist.

56
Ewig ruht er,
57
Der alte Vater,
58
Der alles trägt,
59
Allliebend.

60
Unten aber auf der Erde
61
Haust Zerstörung;
62
Da begegnen sich,
63
Blindwirtend,
64
Feindliche Kräfte,
65
Was in die Luft sich thürmte,
66
Fest und sicher,
67
Dem Ew'gen trotzend,
68
Das stürzet donnernd
69
Der Riesenarm der Zeit zu Boden,
70
Und um die grauen moos'gen Trümmer
71
Den alten, ungeformten Schutt,
72
Wandelt, wie ein Fremdling,
73
Der späte Enkel.

74
Hinaufgestoßen, hinabgestoßen,
75
In schwankender Bewegung,
76
Auf wiegender Woge,
77
Treibet das Lebensschiff;
78
Wellen und Winde
79
Fassen und heben und drehen und wirbeln
80
Endlos durch Strudel, an Buchten vorüber,
81
Weit in die Ferne das Irrende.

82
Alle Werke,
83
Die der Mensch schuf,
84
Sind nicht ewig.

85
Einst goß
86
Auf der Länder eines
87
Seiner ewigen Schöne
88
Unendliche Fülle
89
Der Herr.

90
Da regten Menschenhände
91
Allwirksam sich,
92
Und schufen, bauten, formten, thürmten,
93
Ohne Rast.
94
Lagen am Mutterbusen,
95
Die Schönen,
96
Deiner Natur!
97
Und vermaßen sich
98
Die Kühnen, stark zu seyn,
99
Allmächtiger,
100
Wie du!

101
O daß sie wären
102
Noch die alten
103
Götterfreunde!
104
Noch des Vaters
105
Busenkinder!
106
Weine, Seele,
107
Ueber sie!

108
Denn sie alle
109
Liegen in der Erde.
110
Ueber ihren Gräbern,
111
Wallt traurig flüsternd,
112
Wie ein schüchterner Geist,
113
Der Abendwind
114
Durch Lorbeerblätter,
115
Und der müde
116
Wanderer ruht,
117
Sinnend auf den Säulentrümmern,
118
Den alten, moosumwobnen,
119
Ueber den Gräbern;
120
Und du nah'st ihm,
121
Wie ein lächelnder Engel,
122
Holde Vergangenheit,
123
Und wie ein weinender,
124
Bittere Zukunft!

125
Hört ihr's beben?
126
Schrecken faßt
127
Alles!
128
Hohl dröhnt die alte
129
Mütterliche Erde,
130
Wankend in den Fugen:
131
Wolkenschauer
132
Decken den Mond,
133
Vorüberwandelnd:
134
Aufwallt das Meer,
135
Der starren Felswand kahle Rippen
136
Mit Schaum und Woge schlagend;
137
Furchtbar saust
138
Der heulende Windstoß
139
Durch geschüttelte, rauschende Wälder,
140
Und knarrend, mit gebroch'nem Aste,
141
Stürzt ausgewirbelt,
142
Hinab in jähes Felsgeklüfte,
143
Hinab!
144
Der schwarzen Eiche Riesenkrone!
145
Sturm und Wind faßt
146
Ast und Blätter,
147
Fels und Wogen:
148
Alles springt laut-
149
Donnernd von der
150
Alten Höhe,
151
Stürzt zerschmetternd;
152
Stimmen jammern,
153
Toben, seufzen,
154
Kräfte rasen,
155
Sich zermalmend,
156
Mann an Mann drängt
157
Sich zusammen,
158
Faßt sich tobend,
159
Mordet, mordet!
160
Qualm und Rauch und Flamm' und Staub,
161
Waffen und Eisen, Arm und Arm.
162
Und aus der Erde
163
Steigt ein Riese,
164
Berge reißend
165
Aus Grund und Wurzel,
166
Ueber den Nacken
167
Fliegende Haare schüttelnd,
168
Seine Stimme
169
Durch Wald und Thal,
170
Wie Donner, sendend,
171
Alle Wesen
172
Auf der Erde
173
Zertretend ohn' Erbarmen.

174
Und aus den Wettern
175
Hallt die Stimme:
176
Zittert, Menschen,
177
Zittert vor der Zwietracht Geist!
178
Und aus den Gräbern,
179
Steigen auf die Geister
180
Der Väter,
181
Finstere, große Gestalten,
182
Lange Schatten;
183
Wie Meeresbrausen
184
Donnert ihr Gesang:

185
Fleucht den Riesen!
186
Noch sind eure Berge,
187
Wie einst!
188
Noch sind eure Wasser,
189
Eure Thäler,
190
Wie einst!
191
Nur die Söhne der Berge,
192
Die Söhne der Thäler
193
Sind nicht
194
Wie einst!
195
Es wird der Mensch nur,
196
Was er soll,
197
Durch eig'ne Kraft!

198
Wirbelt hinan
199
Eure Geister
200
Zu ihrem Urquell,
201
Zu ihm,
202
Der webt und waltet,
203
Ueber den Wassern,
204
Ueber der Erde,
205
Ueber allem Bewegten.
206
Ein unergründbarer,
207
Kaum geahnter,
208
Ewiger Geist.

209
Das kann der Mensch nur,
210
Wenn er frey ist!
211
Werdet, Enkel,
212
Wie wir!

213
Auf der Erde
214
Herrscht ewiger Wechsel:
215
Ueber dem Wechselnden
216
Steht der Mensch,
217
Der Bleibende:
218
Denn so will's
219
Der ewige Vater,
220
Der alles trägt,
221
Allliebend.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Waiblinger
(18041830)

* 21.11.1804 in Heilbronn, † 17.01.1830 in Rom

männlich, geb. Waiblinger

| Lungenentzündung

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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