Ariel

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Friedrich Schlegel: Ariel (1800)

1
In der Kraft der milden Lehre
2
Leuchtest Du, o Greis! uns vor;
3
Liebe ist der Wahrheit Wehre,
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Und bewältigt jedes Ohr.
5
Daß auf der vereinten Erde
6
Sei Ein Hirt und Eine Herde,
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Öffne sich das Friedenstor.

8
Wie am Gott geweihten Orte
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Alles zog der Jüngling nach;
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Als er wundervoll die Worte
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Von des Vaters Liebe sprach.
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Staunend standen die Gelehrten;
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Weil sie diesen Knaben hörten,
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Ward die Welt in Liebe wach.

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Send' Ihn wieder und entzünde,
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Ew'ger Vater! uns dies Nichts;
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Daß die Finsternis verschwinde
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Vor der Allmacht Deines Lichts;
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Daß die Welt vom Einen Glauben
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Nicht die Lügner an sich rauben
21
Bei der Ankunft des Gerichts.

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Von dem Wehe dieser Zeiten
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Singen Wunderstimmen viel,
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Die uns furchtbar hingeleiten
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Dann zu jenes Hirten Ziel.
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Um den harten Sinn zu zwingen,
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Zur Erkenntnis sie zu bringen,
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Wird die Welt ein Todesspiel.

29
Ariel, der Löwe Gottes,
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Schüttelt sein gewaltig Haupt;
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Weh den Völkern, die voll Spottes
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Oft des Seinen Ihn beraubt.
33
Aus den Tiefen, an den Sternen,
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Auf der Erde, in den Fernen,
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Wird noch zitternd Ihm geglaubt.

36
Rosse kommen auf Sein Rufen,
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Rot und feurig, schwarz und bleich;
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Die zerschlagend mit den Hufen
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Alles niedertreten gleich;
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Bis die Schöpfung dann gereinigt,
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Und im Menschen All vereinigt
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Triumphiert der Wahrheit Reich.

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Einsam auf den Felsen wohnen
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Wesen unberührt vom Glück;
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Adler, die da droben thronen,
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Hin zur Sonne schaut ihr Blick;
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Wie von neuem Gott entfaltet
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In der Herrlichkeit da waltet,
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Und Sein Licht uns kehrt zurück.

50
Ströme glänzend niederfließen
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Aus dem ew'gen Lebensquell
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Sieht man, und sich neu ergießen
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Alles Wissen göttlich hell.
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Friede wird im Licht gefunden,
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Wie du oft es hast empfunden,
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Kommt es zur Vollendung schnell.

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Rein gebrannt im Feuerbade
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Wird die ird'sche Finsternis;
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Und des Himmels volle Gnade
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Deckt der Zwiespalt Schlangenbiß.
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Laut bekennt im neuen Leben
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Es die Welt und fühlt mit Beben
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Wer sie aus dem Abgrund riß.

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Wie von Abend, so von Morgen
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Strömt herbei der Völker Zahl;
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Nach dem Streite frei der Sorgen
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Feiernd Einer Liebe Mahl.
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Voll gesättigt in der Fülle,
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Danken sie in heil'ger Stille
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Dem Erretter aus der Qual.

71
Wär' ein Zweig auch schon erstorben
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An dem vollen Völkerbaum;
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Wird ihm Rettung doch erworben,
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Findet noch die Gnade Raum,
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Balsam träufelnd in die Wunden,
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Der den Kranken macht gesunden,
77
Und ihn weckt aus seinem Traum.

78
Doch die Auserwählt' und Reine
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Hat das volle Ziel erschaut,
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Wo im seligsten Vereine
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Harrt des Bräutigams die Braut.
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Hier auf dieser Unschuldswiese,
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Wird im Seelenparadiese
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Ihr der Himmel anvertraut.

85
Braucht es fürder frommer Taten,
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Weil die Lüge niemals schwieg;
87
Wird der Kämpfer voll beraten
88
Zu dem neuen Geisterkrieg.
89
Fester gründen sich die Werke,
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Höher steigt des Glaubens Stärke
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Bis zum letzten Gottessieg.

92
Der Natur auch gibt die Weihe
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Nun das Hohepriestertum;
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Aus der ganzen Wesenreihe
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Wiederhallt der Allmacht Ruhm.
96
Ariel im Friedenskranze
97
Leuchtet dann in mildem Glanze
98
Dem verklärten Christentum.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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