O wundersüßes Wunder, heilig Wesen

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Friedrich Schlegel: O wundersüßes Wunder, heilig Wesen Titel entspricht 1. Vers(1800)

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O wundersüßes Wunder, heilig Wesen
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Der ewigen Gesänge,
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Die schon in jeder trunknen Brust erwachen!
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Wie leicht mag der vom herben Schmerz genesen
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In aller Freuden Fülle,
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Dem hold die Musen aus den Augen lachen?
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Sich selber anzufachen
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Sind wachsam stets die nie verloschnen Flammen,
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Und streben froh zusammen:
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Auch wenn sie noch verborgen sich entzünden
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Soll schon des Sehers Auge sie verkünden.

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Kaum hab' ich erst die Schläfen grün umkränzet,
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Den Thyrsus kaum geschwungen,
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So drängt mich's laut die große Lust zu teilen
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Mit dir, deß Haupt schon musenheilig glänzet,
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Seit die Natur, bezwungen,
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Im Fliehen muß vor deinem Blick verweilen.
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Wie rasch Gesichte eilen,
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Wenn heitre Lüfte kühl die Stirn uns wehen,
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In Andacht wir vergehen,
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Hast du in sel'ger Jugend schon erfahren,
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Willst es in tiefem Herzen noch bewahren.

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Doch laß den Freund dein eigen Bild dir zeigen,
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Den Quell der Kunst enthüllend,
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Der rein in gottgeweihter Brust dir rauschet,
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Wo alle Triebe vor dem einen schweigen,
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Der, nie sich selbst erfüllend,
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Nach Liebe nur in Tod und Leben lauschet.
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Wenn wir uns selbst getauschet
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Im innigen Gespräch, schien alles Leben
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Gleich dem Gespräch zu schweben,
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Wo Frag' und Antwort schön verworren kreisen
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Wie Tod und Leben in den ew'gen Gleisen.

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Ein jeglich Wesen will sein Wesen sagen,
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Und fühlt sich bald gekettet,
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Muß nah dem Ziele dennoch von ihm schwanken.
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Im Menschen scheint die Kraft sich selbst zu fragen:
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Wer hat mich schnell errettet?
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Wie kam das Freie in so enge Schranken?
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Im Chaos der Gedanken
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Bedarf's nur einen Blick zu jenen Sternen,
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Die Zweifel zu entfernen;
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So tröstlich glänzen auch des Freundes Augen,
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Wo für das kalte Gift wir Heilung saugen.

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Es darf das Herz so guten Zeichen trauen,
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Und wenn es in sich lodernd
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Erbangt' und im Gewühl sich nicht erfreute,
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Zu einem nur der beiden Himmel schauen,
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Die gute Hülfe fodernd
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Wo stets die Jugend sich neugrün erneute.
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Drum weh dem, der sich scheute,
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Der Menschheit höchste Blume kühn zu brechen,
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Die Wahrheit auszusprechen,
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Und was er still vernahm am tiefen Orte,
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Zu prägen falsch sich schämt in freie Worte.

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Der wahre Tag ist Nacht, du wirst nur sterbend
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Des Lebens Leben finden,
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Und alle Kunst keimt der Natur im Herzen.
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Da wo des Daseins Schrecken dich verderbend
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Wie Schlangen wild umwinden,
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Naht dir die hohe Lust, mit sich zu scherzen.
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Dann magst aus eignen Schmerzen
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Ein sinnreich künstlich Bild mit eignen Händen
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Du kühn und schlau vollenden,
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Und zu dir sagen in dir selber sicher:
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Wo ist der alte Schreck, wohin entwich er?

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O wunderlichte doch verborgne Stelle!
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Wer selig dich gefunden,
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Dem leuchtet ewig rot ein ew'ger Morgen:
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Denn nie versiegt die Kraft aus dieser Quelle,
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Wo alle fest verbunden
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Die Künste noch in Einer Kunst verborgen.
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Bald fliehn die kleinen Sorgen,
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Es kann der Meister jeden Leib bezwingen,
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Zum Geisterreich sich schwingen;
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Und fühlt er matter einst die alte Stärke,
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Erfreun wie Kinder ihn die teuren Werke.

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Erfinder zaudern lange.
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Heil dem, den tief die sel'gen Schmerzen trafen,
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Die tief im Weltall schlafen!
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Wes mutig Herz schon fühlt prophet'sche Qualen,
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Sieht bald sein Haupt in hellem Lorbeer strahlen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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