22. Spiegel der Liebe

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Friedrich Schlegel: 22. Spiegel der Liebe (1800)

1
Die reine Sonn' zu Morgen
2
In goldnen Haaren bloß,
3
Den Brand noch trug verborgen
4
In ihrem Purpurschoß.

5
Da fand ich schon bei Zeiten
6
Am Grab im Trauren stehn,
7
Und Salben wohl bereiten
8
Die weinend' Magdalen.

9
Gleich wie, wann je zuweilen
10
Zur Frühlings-Morgenzeit,
11
Die goldnen Sonnenpfeilen
12
Die erste Hitz' verbreit',

13
Herab von Berg' und Rainen,
14
Von Felsen hoch und jäh,
15
Zerfleußt in sanftes Weinen
16
Der lind entlaßne Schnee.

17
So eben unverdrossen
18
Das Weib von Lieb' verwund't,
19
In Tränen ganz zerflossen
20
In tiefem Trauren stund.

21
Begierd' mit heißen Pfeilen
22
Ihr beide Augen schmelzt,
23
Ohn' Unterlaß mit Eilen
24
Die hellen Tröpflein wälzt.

25
O weh der schwachen Seelen,
26
O weh dem Herzen wund!
27
Die Lieb' nicht konnt' verhehlen,
28
Sie sprach aus Herzensgrund.

29
»o Sonn' heb dich mit Machten,
30
Zum Grabe herwärts leucht;
31
Auf, auf, genug der Nachten,
32
Der Tag zu lang verzeucht.

33
Leucht mir mit deinen Strahlen,
34
Leucht mir zum finstern Grab;
35
Ach, ob ich wohl der Qualen
36
Mögt' heute kommen ab?« –

37
Sie hin zum Felsen gehet
38
Sucht mit den Augen drein,
39
Die Klüfte sie durchspähet,
40
Da wurd' ihr größre Pein.

41
Den Liebsten sie nicht findet,
42
Statt seiner sie ersehn
43
(mut ihr und Sinn entschwindet)
44
Nur seiner Engeln zween.

45
Ach nicht, nicht euch ihr Knaben,
46
Ihr Jüngling' flügelreich;
47
Ach euch will sie nicht haben,
48
Weicht schöne Engel gleich!

49
Nur Jesu, nur den einen
50
Sucht einzig sie allein,
51
Sonst sucht und liebt sie keinen,
52
Ohn' ihn sie nicht kann sein.

53
Voll Eifer ohn' Verweilen
54
Sie rufet ihn zur Stund',
55
Ist tief mit bittern Pfeilen
56
Im Innersten verwund't.

57
Am Grab von allen Seiten
58
Sucht sie wohl hie und dort,
59
Schaut nah und in der Weiten,
60
Find't ihn an keinem Ort.

61
Verwirrt, von Schmerz zerrissen,
62
Hat sie es nicht bedacht,
63
Und konnt' es jetzt nicht wissen,
64
Wen sie zu suchen tracht'.

65
Geblendet in dem Streben,
66
Ganz leidvoll wie sie ist,
67
Sucht sie im Grab das Leben,
68
Des Zweckes ganz vergißt.

69
Sie sucht in toten Kohlen
70
Den purpurschönen Glanz,
71
Von welkem Zweig will holen
72
Sie grünen Lorbeerkranz.

73
Sie Rosen will von Reben,
74
Von Dornen lesen Wein,
75
Von Scherben Gold erheben,
76
Vom Schatten klaren Schein.

77
O Weib, so gar verblendet
78
So ganz von Lieb' entäugt;
79
Das Wort bleibt unverwendet,
80
Die Wahrheit nimmer leugt!

81
Den du hier suchst in Steinen,
82
Im Grab, wo Tote ruhn;
83
Bald kömmt er zu den Seinen,
84
Vom Tod erstanden nun.

85
Darum laß dir nun sagen,
86
Laß von der Trauer ab,
87
Laß ab, laß ab dein Klagen,
88
Such Leben nicht im Grab!

89
Ach! Sie läßt nicht von Klagen,
90
Läßt nicht von Trauern ab;
91
Läßt ihr sogar nicht sagen,
92
Sucht immer in dem Grab.

93
Ohn' Sinn und ohn' Gedanken
94
Schwebt sie fast ganz entseelt,
95
Die Kräfte ihr entsanken,
96
Ist bis zum Tod gequält.

97
Sie selbst geht sich verloren,
98
Und forschet mit Geschrei,
99
Wo der, den sie erkoren,
100
Wo sie wohl selber sei?

101
Sie sprach, mir ist entzogen
102
All' meines Herzens Freud',
103
Ihr Himmel rund gebogen
104
Stürzt über mich noch heut.

105
Versieget ist der Bronnen,
106
Geraubt mein Herzenslicht;
107
Du Schein der goldnen Sonnen,
108
Dich brauch' ich fürder nicht.

109
Ade Licht, Luft und Leben,
110
Ade hell weißer Tag;
111
Mich deiner will begeben,
112
Dich nicht mehr schöpfen mag.

113
Ermattet nun zur Erden
114
Sie traurend niedersinkt,
115
Und kläglich in Gebärden
116
Ihr Aug' zum Himmel dringt.

117
Verliebt, verirrt, verworren
118
Sie leidet Schmerz und Pein,
119
Bis Mark und Blut verdorren,
120
Die Tränen trocknen ein.

121
Ohn' Leben ich noch lebe,
122
Bin tot, ohn' Tod zugleich
123
Tot, lebend, immer strebe,
124
Wo ich ihn nur erreich'.

125
O Tod! o Menschenprasser!
126
O ungeheures Tier!
127
Luft, Feuer, Erd' und Wasser,
128
Ihr Elemente vier!

129
Wer, wo doch kann mir zeigen
130
Den Körper wundenvoll?
131
Ach nicht, nicht wollet schweigen,
132
Wes ich mich trösten soll!

133
Erhebet Schall und Stimme
134
Und ihm doch machet kund,
135
Er mich mit süßem Grimme,
136
Mit kühlem Brand verwund't.

137
Von kühlen Feu'r und Flammen,
138
Von bitter-süßer Glut,
139
Von Lieb' und Leid zusammen
140
Mir schmelzet Herz und Mut.

141
Bald, bald mich unterstützet
142
Mit Laub und Blümlein zart,
143
Mit Zweiglein abgenützet
144
Von Bäumen schöner Art.

145
Aus Rosen mir bereitet
146
Gar weich die Liegerstatt,
147
Auch Lilien häufig spreitet,
148
Ich sink' zur Erde matt.

149
War doch von ihm geschrieben,
150
Zu ihm wer wachet früh,
151
Soll gleich auf sein Belieben
152
Ihn finden ohne Müh.

153
Schau da bei guten Stunden
154
Ich hab' gewachet früh,
155
Doch ihn nicht hab' gefunden
156
Nach viel gepflegter Müh'.

157
Er zwar vor wenig Tagen
158
War mir nicht wenig hold,
159
Weiß nicht, was zugetragen
160
Sich seither haben sollt'.

161
Wie hab' ich's denn verschuldet,
162
Und womit ihn entrust,
163
Daß aller Gnad' enthuldet,
164
Ich ihn verlieren mußt'?

165
Beim Kreuz ließ ich mich finden,
166
Hab' ihm die Purpurfüß'
167
Gekühlt mit Seufzen linde
168
Mit meinem Atem süß.

169
Zu Grab hab' ihn getragen
170
Mit vollem Totenrecht,
171
Und nach vollbrachter Klage
172
Hab' ihn da niederlegt.

173
Was war nun mein Verbrechen,
174
Was meine Fehl und Sünd'?
175
An mir ich wollt' sie rächen,
176
So ich sie wissen künnt. –

177
Ja wahrlich doch hab' fehlet,
178
Es jetzt mir kömmt in Sinn,
179
Die Schuld bleibt nicht verhehlet,
180
Ich selber schuldig bin.

181
Als wir den Schatz begraben,
182
Die wundenreiche Leich',
183
Versperrt ich sollt' mich haben
184
Mit ihm ins Grab zugleich.

185
Mich sollte lassen tragen
186
Mit ihm zur Gruft hinein,
187
Mit ihm zu bleiben wagen
188
Im Sarg und Felsen sein.

189
Die Wort' hat kaum vollendet
190
Die weinend' Büßerin,
191
Zum Grab sich wieder wendet,
192
Schaut immer hin und hin.

193
Der Leib blieb doch entzogen,
194
Der Sarg noch leer und bloß,
195
All' Hoffnung ganz entflogen,
196
Das Leid noch eben groß.

197
Nur jene Knaben beide,
198
So droben saßen an,
199
Sie fragten gar bescheiden:
200
O Weib, was weinest dann?

201
Sie sprach: fragt ihr noch beide,
202
Was ich mög' weinen dann?
203
Man mir (euch recht bescheide)
204
Nahm ab den schönen Mann.

205
Drum Jüngling frisch und lebend
206
Euch hebet aus dem Grab,
207
Sucht überall durchschwebend,
208
Wen ich verloren hab'.

209
Gleich drauf sie sich entwendet
210
Vom Felsen mit Verdruß,
211
Aufs neu die Klag' verschwendet
212
Mit bittrer Zähren Guß.

213
Allda ihr kam erscheinen
214
Der langgewünschte Held;
215
Vor ihr er stand mit Scheinen,
216
Doch fremd und unvermeld't.

217
O Weib, was soll dein Weinen,
218
Sag an, was dir gebricht?
219
Und ach, sollt' ich nicht weinen,
220
Das Weib hinwieder spricht.

221
Hast du nun ihn entstohlen,
222
Wo brachtest ihn doch hin?
223
Ich muß ihn dannen holen,
224
Komm sonst um Hirn und Sinn.

225
O Weib, und wolltest holen,
226
Und wolltest haben du,
227
Den Körper dir entstohlen
228
Aus seiner Totenruh?

229
Und wie, wann er dann eben
230
In Kett' und Banden läg?
231
Sie sprach: ich wollt' ihn heben,
232
Die Ketten ich zerbräch!

233
Und wie, wann er sollt' stecken
234
In Dornen ganz umringt?
235
Sie sprach: von Dorn und Hecken
236
Man doch die Rosen bringt.

237
Und wie, wann er umgeben
238
Mit Feu'r und Flammen wär'?
239
Das Feuer ließ mich leben,
240
Die Liebe brennet mehr.

241
Und wie, wann er von Bären
242
Und Löwen wär' bewacht?
243
Sie sprach: wollt' mich erwehren
244
Auch wohl der wilden Macht.

245
Hör' auf, es ist der Fragen,
246
Hör' auf, nun schon genug;
247
Sag' du, wer mich zu plagen
248
Den Leib von dannen trug.

249
Hast du ihn nicht entstohlen?
250
Dich hab' ich in Verdacht;
251
Sag' an, ich muß ihn holen
252
Wie ich schon oft gesagt. –

253
O wohl hast du's getroffen,
254
Die Sach' nicht wissend, weißt,
255
Wen dein Verdacht getroffen
256
Ist schuldig allermeist.

257
Er selbst es ungelogen
258
Und er's in Wahrheit ist,
259
Der dir den Schatz entzogen,
260
Durch den verwund't du bist.

261
Nur schnell fall' ihm zu Füßen,
262
Halt an den Täter fest,
263
Leg' ihm den Raub zu Füßen,
264
In Armen haltend fest.

265
O Jesu, nicht verschiebe,
266
Den Dunst bei Seiten treib,
267
Dich kund nun einmal gibe
268
Dem höchst bedrängten Weib.

269
Nur bald nur laß erschallen,
270
Laß ihr zur höchsten Lust
271
Ein kleines Wörtlein hallen,
272
Ein Wörtlein dir bewußt.

273
Die Lieb' beginnt zu regen,
274
Und wie zum Morgen gut,
275
Der Blitz mit zarten Schlägen
276
Ein Flämmlein zeigen tut;

277
Mit Namen er sie rühret,
278
Er nur Maria klingt;
279
Gleich sie das Flämmlein spüret,
280
Gleich auf in Freuden springt.

281
Die Freud' in Adern wallet
282
Und wieder lebend Blut
283
Im süßen Feuer wallet
284
Und färbet Herz und Mut.

285
Den Pfeil wer je gefühlet
286
Geschwind in süßem Brand,
287
Im Brand, so wärmt und kühlet,
288
Mag's greifen mit Verstand.

289
Allein, allein mag's wissen,
290
Und ihm recht bilden ein,
291
Wem je die Lieb' durchrissen
292
Leib, Seel' und Mark und Bein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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