4. Loblied im Frühling

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Friedrich Schlegel: 4. Loblied im Frühling (1800)

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Jetzt wickelt sich der Himmel auf,
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Jetzt wegen sich die Räder,
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Der Frühling rüstet sich zum Lauf,
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Umgürt' mit Rosenfeder.

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O reines Jahr! O schöner Tag!
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O spiegelklare Zeiten!
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Zur Sommerlust nach Winterklag'
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Der Frühling uns wird leiten.

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In Luft hör' ich die Musik schon,
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Wie sich's mit Ernst bereite,
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Daß uns empfang' ein süßer Ton
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Und lieblich hin begleite.

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Für uns die schöne Nachtigall
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Den Sommer neu begrüßet,
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Ihr Stimmlein über Berg und Tal
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Die ganze Luft versüßet.

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Wer legt nun ihr den Ton in Mund
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Dann laut und dann so leise?
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Wer zirkelt ihn so rein und rund
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In mannigfacher Weise?

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Jetzt kalte Luft und herber Wind
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Uns wieder sei versöhnet,
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Der Tau mit weißen Perlen lind
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Die Felder lieblich krönet.

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Jetzt öffnet sich der Erdenschoß,
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Die Brünnlein fröhlich springen,
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Jetzt Laub und Gras sich geben bloß,
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Die Pflänzlein aufwärts dringen.

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Die Blümlein scheu sie treten an
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Und wunderschön sich arten,
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Violen, Rosen, Tulipan,
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All' Kleinod stolz im Garten.

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Ach saget an, ihr Blümlein zart,
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Und laßt es mich doch wissen,
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Weil ihr an euch kein' Farb' gespart,
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Wer hat euch vorgerissen?

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Wo nehmet ihr das Muster her,
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Davon ihr euch copeiet?
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Das Vorbild wollt' ich schauen gern,
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Das ihr habt conterfeiet.

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Wer mag nun je geboren sein
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So reich von scharfen Sinnen,
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Der auch das kleinste Pflänzelein
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Ganz schlecht nur durft' beginnen?

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Die Wahrheit sag' ich rund und glatt.
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Dem würd' all' Sinn zerrinnen,
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Wer nur auch dächt' ein einzig Blatt
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Aus Menschenkunst zu spinnen.

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Es wundert sich der Himmel selb,
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Wie zierlich unterstrahlet
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Mit Gras und Früchten grün und gelb
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Das Erdreich sich gemalet.

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Die reine Flüss', kristallen klar,
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Verbrämt mit grünen Weiden,
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Von Schatten schier bedecket gar
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Die Sonnenhitz' vermeiden.

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Sich üben dort im Schwimmen viel
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Die schneegefärbten Schwanen,
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Da halten sie ihr Freudenspiel
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Auf glatten Wasserplanen.

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Die Tier' auf grünen Felden breit
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Sich frisch und freudig zeigen,
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Das Wild in dunkeln Wälden weit,
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Noch keinem Jäger eigen.

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Die Vögel auch im freien Zug
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In Lüften freudig spielen,
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Mit hin und hergewendtem Flug
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Zum Ehrenkränzlein zielen.

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Wo nur den Blick man wendet hin
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Wird er mit Lust ergötzet;
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Ergötzet wird fast jeder Sinn
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Und alles Wunder schätzet.

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Ohn' Maß ist alle Welt geschmückt,
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Wer Künstler möcht's erdenken?
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Wer's recht bedenkt, wird gar verzückt,
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Das Haupt tut niedersenken.

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Drum lobet ihn ihr Menschenkind
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Bei nun so schönen Zeiten,
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All' Traurigkeit nur schütt' in Wind.
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Spannt auf die kühnsten Saiten.

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Auf Harf' und Laute tastet frei,
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Schlagt Orgel an und Geigen,
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Daß Gott der Herr gelobet sei,
84
Tut ihm all' Ehr' bezeigen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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