3. Bild des Menschlichen Lebens

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Friedrich Schlegel: 3. Bild des Menschlichen Lebens (1800)

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Ich neulich früh am Morgen,
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Zu edler Frühlingszeit,
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War losgemacht von Sorgen,
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Von aller Last befreit;
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Da sah ich in dem Garten
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Erblüht ein Blümlein zart,
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Das wollt' ich gerne warten,
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Bis es vollkommen ward.

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Die Morgenröt' verschwunde,
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Weil ihren Purpurschein
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Der helle Tag umwunde
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Mit großer Klarheit sein.
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Die Sonn' mit sanften Strahlen
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Das Blümlein übergoß,
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All' Blättlein sie tät malen,
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Tief in den Blütenschoß.

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Nun es gar lieblich blickte,
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Und süß Geruch ausstreut,
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Die Leiden es erquickte,
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Die Sterbenden erfreut.
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Ein Lüftlein lind von Atem
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Rührt an das Blümelein,
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Da schwebts wie an dem Faden
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Gebundnes Vögelein.

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Auf feinem Stiel im Mute
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Sich wendt' es hin und her,
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Voll Kraft und Lebensblute
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Als käm' der Tod nie mehr.
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O Blümlein schön ohn' Maßen
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Bist du in deiner Zier;
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Will nun von dir nicht lassen
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Bis auf den Abend hier.

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Ei, wer mag dann aussprechen
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Dein Schön und Lieblichkeit;
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In dir weiß kein Gebrechen,
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Bist voller Zierlichkeit.
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Ja Salomon, der mächtig,
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War nicht so schön bekleid't,
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Wann er schon leuchtet prächtig
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In Pomp und Herrlichkeit.

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Um dich die Bienlein summen
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Und Honig sammeln ein,
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Zu saugen sie da kummen
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Dein' zarte Wängelein.
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Der Menschen Kind imgleichen
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Mit Lust dich schauen an;
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All' Schönheit muß dir weichen,
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Dein freut sich jedermann.

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Wohl magst du nun stolzieren.
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Du Gartensternelein,
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Mußt endlich doch verlieren
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All' dein gefärbten Schein;
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Zu bald wirst dich entfärben,
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Gestalt wird reißen ab;
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Noch heute mußt du sterben,
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Denk zeitlich nur zum Grab.

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Ich zwar will dich nicht brechen,
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Von mir wird's nicht geschehn,
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Die Sonne wird dich stechen,
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Wirst nicht mehr lange stehn.
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Ach, halt, soll's dann schon werden? –
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Verdoppelt schießt den Strahl
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Die Sonne her zur Erden
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All' Glut und Feuers Qual.

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Ach was will nun beginnen
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So zartes Gartenblut,
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Die Blättlein gar entrinnen
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Von heißer Sonnenglut.
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Da neigt es sich zur Stunde,
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Das jetzt noch aufrecht stunde
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Verwelkt und sinket hin,
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Mit also stolzem Sinn.

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Das Blümlein jung an Tagen,
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Sein Häuptlein niedersenkt,
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Ach, ach, sollt' ich nicht klagen,
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Was mich im Herzen kränkt.
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O weh der kurzen Stunden,
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O weh, da schläft es ein,
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Jetzt liegt es überwunden
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Mein zartes Blümelein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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