Es weint das Kind schon Liebestränen

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Friedrich Schlegel: Es weint das Kind schon Liebestränen Titel entspricht 1. Vers(1800)

1
Es weint das Kind schon Liebestränen,
2
Und fühlt ein ängstlich Muttersehnen,
3
Wenn es das Licht erst kaum erblickt;
4
Zu ihr hin schlägt es auf die Augen,
5
Will an dem Herzen fest sich saugen,
6
Das kleine Wesen, süß beglückt.

7
Der Jüngling flieht in Waldesdunkel,
8
Nachtwandelt still im Mondgefunkel;
9
Um Liebe klagt sein irrer Sinn.
10
Bald steht er da am frühen Grabe,
11
Und der Erinn'rung Todeshabe
12
Bleibt für den Erdensohn Gewinn.

13
Es drängt den Mann zu Kampfestaten,
14
Für Licht und Recht zu dulden, raten,
15
Ob seiner Väter Land und Haus;
16
Drob blutend in der Todeswunde,
17
Haucht treu noch da dem Bruderbunde,
18
Er gern den freien Atem aus.

19
Es klagt im Schleier um den Gatten,
20
Der Söhne Trübsal, oft im Schatten
21
Der öden Nacht, das Witwenherz;
22
Ihr steh ich hülfreich in der Nähe,
23
Bis zu dem Retter in der Höhe
24
Aufsteigen kann ihr frommer Schmerz.

25
Bedrückt, armselig, mühbeladen
26
Wandelt der Knecht auf Dornenpfaden,
27
Erseufzend oft dem harten Joch;
28
Mitleidig durch das Erdgewimmel,
29
Blickt freundlich doch auf ihn der Himmel,
30
Labt ihn am stillen Abend noch.

31
Auch den Beherrscher auf dem Throne
32
Drückt nieder seine Eisenkrone,
33
Er sehnt sich nach dem kühlen Grab;
34
Sein Herz bedrängen Unheilswogen,
35
Der Traum der Zeit ist schnell entflogen,
36
Und schlingt die Völker mit hinab.

37
Es lächelt noch der Sonn' entgegen,
38
Rückschauend auf des Lebens Wegen,
39
Mit sanftem heitern Blick der Greis;
40
Er lächelt ob der Jugend Leiden,
41
Und trauert um der Menschen Freuden,
42
Singt still der ew'gen Liebe Preis.

43
Der Sünder auf dem Krankenlager,
44
Er schreit zu Gott, von Grame hager,
45
Fühlt Liebe in der wehen Brust;
46
Da träufelt in die wunden Glieder
47
Die ew'ge Gnade Balsam nieder,
48
Ihm naht im Tode Himmelslust.

49
Wer still und fern vom Weltgewühle
50
Den Himmel sucht mit dem Gefühle,
51
Einsam versenkt in die Natur;
52
Dem kann ihr Schein den Geist nicht füllen,
53
Es kann nur Gott das Herz ihm stillen,
54
Im wilden Tal der ird'schen Flur.

55
Doch sprechen dunkler Liebe Spuren
56
Noch laut aus allen Kreaturen,
57
Die Gottes Vaterhand erschuf,
58
Es wollen noch zusammenstimmen,
59
Zerrissen einsam, alle Stimmen,
60
In seiner Allmacht Herzensruf.

61
Klagend schreit auf das Tier der Wüste,
62
Als ob es um sein Leiden wüßte,
63
Von Glut versengt und Durst entbrannt;
64
Und wiederhallt es aus den Klüften,
65
Weil Raubgeflügel in den Lüften
66
Herniederkrächzt vom Felsenrand.

67
Lechzend am Quell mit durst'gem Munde,
68
Den Pfeil im Herzen, kühlt die Wunde
69
Der Hirsch, des Waldes hohe Zier!
70
Weil Tränen noch dem Aug' entbeben,
71
Entquillt der Brust das warme Leben,
72
Und nieder sinkt im Blut das Tier.

73
Die Lämmer auf des Frühlings Weide
74
Hüpfen den Kindern gleich vor Freude,
75
Verblutend bald die kurze Lust;
76
Der Nachtigallen Liebesklagen
77
Hört man aus dunkeln Zweigen schlagen,
78
Sehnsüchtig girrt es aus der Brust.

79
Die Blumen sehnen sich zum Lichte,
80
Mit kindlich hellem Angesichte
81
Breiten sie bunt die Blätter aus;
82
Es sind der Erde Sonnenblicke,
83
Daß sich als Bild des Himmels schmücke,
84
Blütenverhüllt des Grabes Haus.

85
Auch aus des Waldes hohen Zweigen,
86
Die sich im Windesrauschen neigen,
87
Säuselt ein tiefer Klageton;
88
Und in dem freien Luftgefilde
89
Flattern der Wolken Dunstgebilde,
90
Und eilen rätselhaft davon.

91
Das Silberspiel der Felsenquelle,
92
Der sanfte Lauf der Stromeswelle,
93
Sie rauschen all' dem Meere zu;
94
Dort von der Sehnsucht hingezogen,
95
Brausen in Trauer fort die Wogen,
96
Schlagend ans Ufer sonder Ruh.

97
In Frieden glänzt des Himmels Stirne,
98
Und vor dem hellen Nachtgestirne
99
Muß schnell des Tages Gram verwehn;
100
Das Herz blickt auf zum Lichtvereine,
101
Bald in des Mondes Zauberscheine
102
Muß es in Wehmut niedergehn.

103
Ob auch des Himmels Glanz entsiegelt,
104
Der Abendstern im See sich spiegelt,
105
Es schließt sich nicht der Schmerzen Tor;
106
Mitleidig blickt die Nacht hernieder,
107
Das Meer bewegt, tönt ewig wieder,
108
Wehklagend braust die Well' empor.

109
Es geht ein allgemeines Weinen,
110
So weit die stillen Sterne scheinen,
111
Durch alle Adern der Natur;
112
Es ringt und seufzt nach der Verklärung,
113
Entgegenschmachtend der Gewährung,
114
In Liebesangst die Kreatur.

115
In Hoffnung selig sind die Seelen,
116
Die noch in Schuld sich reuend quälen,
117
An dem geheimen Geisterort;
118
Heiß strömen ihre Liebestränen,
119
In Flammen haucht sich aus ihr Sehnen,
120
Erharrend des Befreiers Wort.

121
O könnte wer den Schleier heben,
122
Wo die verborgnen Mächte leben,
123
Würde der Abgrund aufgedeckt;
124
Der Menschen Herz würd' es zerspalten,
125
Die ird'sche Brust könnt' es nicht halten,
126
Vom Blitz der Ewigkeit erschreckt.

127
Oft von der Erde dunklem Tage,
128
Tönt hier herauf die Seelenklage
129
Von allen, die sich einst geliebt;
130
Die Geisterwelt mit ihren Schmerzen
131
Greift in der Menschen irre Herzen,
132
Wie uns ihr Leiden mit betrübt.

133
Ich war von Ewigkeit begründet,
134
Die Krone, die mein Haupt umwindet,
135
Hat mir der Vater umgetan;
136
Den Sohn trag' ich auf meinen Händen,
137
Nicht mag der Sonne Glanz mich blenden,
138
Mein Fuß steht ob des Mondes Bahn.

139
Mich nennen Königin die Thronen,
140
Die in dem ew'gen Lichte wohnen,
141
Und Gottes süße Engelschar;
142
Ernst walt' ich ob des Himmels Freuden,
143
Doch in der Liebe sel'gen Leiden
144
Wird Gottes Glorie offenbar.

145
Hin knie ich zu des Vaters Throne,
146
Das Auge richtend nach dem Sohne,
147
Es flammt zu Gott mein flehend Herz;
148
Um Gnade für der Reue Kinder,
149
Erlösung fleht es für den Sünder,
150
Mitfühlend jeden Liebesschmerz.

151
Als ich allein vor Gott gewesen,
152
Da sehnte zitternd sich mein Wesen
153
Nach Seiner Schöpfung Liebespracht.
154
Zu ihm geneigt in tiefer Demut,
155
Empfand ich ahndend süße Wehmut,
156
Besiegt von des Verlangens Macht:

157
Daß Gottes Herrlichkeit so klarer,
158
In Lebensfülle offenbarer
159
Durch alle Fernen würde kund;
160
Auf daß in des Geschöpfes Tiefe
161
Er Seligkeit aus Leiden schüfe,
162
Ihn preise aller Himmel Mund.

163
Als nun gestillt war mein Verlangen,
164
Die Glorie Gottes aufgegangen,
165
Die Welten herrlich aufgebaut;
166
Ward ich zum Mitleid auserlesen,
167
Der Liebe Amt, ob allen Wesen,
168
Hat mir der Schöpfer anvertraut.

169
Drum ich in Leid und Schmerz zerflossen,
170
Fürbittend, flehend hingegossen,
171
Nehme mich meiner Kinder an;
172
Des Vaters Herz schlägt mir entgegen,
173
Des Sohnes Wort ist voll zugegen,
174
Das Licht des Geistes aufgetan.

175
So brecht herein, ihr sel'gen Schmerzen,
176
Flutet heran zum Mutterherzen,
177
Mit mir in Gnade süß vereint.
178
Kommt her, ihr Schwestern, Kinder, Brüder!
179
Ihr Kreaturen hoch und nieder,
180
Ein jedes Wesen, das da weint.

181
In Trauer leuchten auch die Geister,
182
Des Zeitgebildes hohe Meister,
183
Die Sieben, die am Throne stehn;
184
Sie ändern nichts in der Bewegung,
185
Doch fühlen sie des Mitleids Regung,
186
Wenn sie des Weltalls Irrsal sehn.

187
Die Cherubim im Flammenschwerte,
188
Die mit dem Bitz Gott selbst bewehrte,
189
Ob wer sein Heiligtum entweiht;
190
Sie schaun aus tausend Liebesblicken,
191
Zitternd von seligem Entzücken,
192
Gerührt in diese Herrlichkeit.

193
Der Seraph eilt auf Windesflügeln
194
Des Lichtes Fülle zu entsiegeln,
195
Weit in die Schöpfung von dem Thron;
196
Im Feu'r der Liebe zu verschönen,
197
Naht er der Demut, sie zu krönen,
198
Und freut sich ob des Dulders Lohn.

199
In Tränen möchten oft zerfließen
200
Die Engel, deren Schutz genießen
201
Der Mensch auf seiner Wallfahrt soll;
202
Wenn sie die anvertraute Seele
203
Hinstürzen sehn in wilde Fehle,
204
Dann ist ihr Sinn des Leides voll.

205
Glaubt ihr, daß Christus nur in Wunden
206
Um euch den bittern Schmerz empfunden,
207
Als Er am Kreuz den Tod bestritt?
208
Als von der Dornenkron' umschlungen,
209
Das Herz vom Lanzenstich durchdrungen,
210
Er für die Welt das Opfer litt?

211
Weit herber muß Ihn Gram durchbohren,
212
Wenn jene, die Sein Blut erkoren,
213
Ihm untreu sind, und von Ihm gehn;
214
Viel grauser wird Sein Leib zerrissen,
215
Wenn Er von gift'ger Schlange Bissen
216
Verwundet muß die Seinen sehn.

217
Das, was Er litt, kann niemand sagen,
218
Nicht Menschen- und nicht Engelklagen
219
Ergründen je des Sohnes Tod.
220
Ich, die im Herzen Ihn getragen,
221
Kann es allein mit Worten sagen,
222
Mitsterben Seinen Liebestod.

223
In der zerfallnen Pilgerhütte,
224
Armselig in der Tiere Mitte,
225
Lag da im Glanz das Kind vor mir.
226
Ganz selig um das Neugeborne,
227
Pries ich den Herrn, als Hocherkorne:
228
»gern opfr' ich alle Schmerzen Dir.«

229
Bei der Verkündung Seiner Leiden
230
Fühlt' ich ein Schwert mein Herz durchschneiden,
231
Das fuhr mir ahndend ins Gebein.
232
Dasselbe Schwert zu sieben Malen,
233
Schlug mich mit herben Seelenqualen,
234
In stets erneuter Todespein.

235
Als ich in Öde flüchten mußte,
236
Verfolgt mich kaum zu retten wußte,
237
War Er mein Licht in dunkler Nacht.
238
Wir irrten einsam durch die Wüste,
239
Ich reicht' Ihm dar die treuen Brüste,
240
Mich hat Sein Auge angelacht.

241
Als ich den Sohn verloren wähnte,
242
Mich angstvoll suchend nach Ihm sehnte,
243
Und Ihn im Tempel wieder fand;
244
Da fühlt' im bangen Mutterherzen,
245
Verlassen, öd' ich tief die Schmerzen,
246
Bis Er in Schönheit bei mir stand.

247
Als nun der Feind Ihn aufgefunden,
248
Der Scherg' Ihn führte hart gebunden,
249
Ihn fort aus Seinem Garten riß;
250
Klagt mitgefangen meine Seele,
251
In ihrer ird'schen Kerkerhöhle,
252
Daß man den Heiland ihr entriß.

253
Jetzt bei dem großen Opferwerke
254
Gab Er mir Selbst ins Herz die Stärke,
255
Daß ich den Anblick duldend trug;
256
Als Er voll Wunden und zerschlagen,
257
Auf Golgatha die Schmach getragen,
258
Wo man ans bittre Holz Ihn schlug.

259
Ich sah, auf jenem Berg gestanden,
260
Des Menschen Sohn in Blut und Banden,
261
Am Kreuz gen Himmel ausgestreckt;
262
Der heil'ge Vorhang war zerspalten,
263
Dem Grab entstiegen Nachtgestalten,
264
Die Erde zittert tief erschreckt.

265
Der Geister Schar verstummend bebte,
266
Weil finstre Nacht hernieder schwebte,
267
Als soll der Welten Ball vergehn.
268
Es lag auf meinem Schoß gestorben,
269
Der mir die Glorie hat erworben,
270
Tot mußt' ich den Gesalbten sehn.

271
Als nun den heil'gen Leib mit Klagen
272
In Balsam wir zu Grab getragen,
273
Verschlossen in den Stein gelegt;
274
Da sprengt das ew'ge Wort die Banden,
275
Der Herr der Welt ist auferstanden,
276
Den meine Liebe ewig trägt.

277
Auf Seiner Allmacht Thron erhoben,
278
Blickt Er noch von der Glorie oben
279
Mitleidig in der Erde Tal;
280
Dem ew'gen Aug' entgehet keiner,
281
Ist wo des Heils bedürftig einer,
282
Gibt Er sich hin zum zweiten Mal.

283
Sieht Er die Seinen irr, bekümmert,
284
Der ew'gen Liebe Bau zertrümmert,
285
Verspottet Seines Todes Wert;
286
Da bluten wieder Seine Wunden,
287
Von neuem sieht Er sich gebunden,
288
Und mich trifft siebenfach das Schwert.

289
Wie sich am Himmel Wolken türmen,
290
Aus denen dunkle Flammen stürmen,
291
Zerstörung blitzend weit und breit;
292
Erhebt sich oft den Erdgeschlechten,
293
Den Sieg der Zukunft zu erfechten,
294
Verworren unheilschwangre Zeit.

295
Da streckt hernieder mit Erbarmen
296
Des Sohnes Hand sich zu den Armen,
297
Daß sie erstarkt der Gnade Geist;
298
Es blüht das Paradies zum Lohne,
299
Auf jeden harrt die Siegerkrone,
300
Der treu und wahrhaft sich beweist.

301
O Volk! zu großem Werk geboren,
302
Das Gott zum Kampf hat auserkoren,
303
In Seiner Liebe furchtbarn Rat;
304
Die Hoffnung sollst du treu bewahren,
305
Den Glauben herrlich offenbaren,
306
Ein Fels der Lieb' in Wort und Tat.

307
Die zwei, die lange tot gelegen,
308
Beginnen göttlich sich zu regen,
309
Des Vaters Wort und die Natur;
310
Die Stund' ist da, das Werk zu gründen,
311
Laßt euch von Gottes Geist entzünden,
312
Herzmutig folgt der lichten Spur.

313
Der hohen Offenbarung Boten,
314
Vom Schoß des ew'gen Lichts entboten
315
Eilen die Zeugen schnell heran;
316
Das ew'ge Wort in neuer Stärke,
317
Des Geistes lichte Wunderwerke,
318
Künd'gen die letzte Zeit euch an.

319
So kommt herein von allen Seiten,
320
Dem Tag des Herrn euch zu bereiten,
321
Eh' sich das Tor auf ewig schließt;
322
Von dem Altare strahlt das Hoffen,
323
Noch stehn des Tempels Hallen offen,
324
Wo sich der Gnadenquell erschließt.

325
Soll ich denn immer um euch weinen,
326
Ruft Er vergebens stets den Seinen,
327
Und strömt' umsonst Sein heilig Blut?
328
O, möchtet ihr das Licht erfassen,
329
Und von der nicht'gen Täuschung lassen,
330
Endlich entflammt in Gottes Mut.

331
Eilt nur hinaus auf allen Wegen,
332
Es naht des Himmels voller Segen,
333
Er, der Gerechte, lichtumkrönt;
334
Aus dunkeln Wolken strömt Er nieder,
335
Bis nach dem letzten Siege wieder
336
Der Auserwählten Lied ertönt.

337
O daß zergingen alle Ketten,
338
Könnte mein Flehen alle retten,
339
Und bliebe keiner ewig blind;
340
Daß bald der Eine Hirt die Seinen
341
Zu Einer Herde mag vereinen,
342
Die noch in Schuld verworren sind.

343
Es folgt der dunkeln Nacht die Sonne,
344
Dem Tageskampf die Sabbathwonne,
345
Und macht die Glorie offenbar.
346
O möcht' erst im Triumph ertönen,
347
Der Siegsgesang in neuen Tönen,
348
Gesungen von der Sel'gen Schar.

349
Da herrscht das Licht und Recht in Wahrheit,
350
Wenn in des neuen Himmels Klarheit
351
Neu sich verklärt die Erde hat.
352
Von Gott wird dann hernieder fahren,
353
Im lichten Schmuck sich offenbaren,
354
Wie eine Braut, die heil'ge Stadt.

355
Jerusalem im Strahlenkranze,
356
Sie leuchtet im krystallnen Glanze
357
Mit zwölffach offnem Gnadentor;
358
Kein Schwert mag diese Burg versehren,
359
Weil lichte Mauern sie umwehren,
360
In Frieden wallt der Sel'gen Chor.

361
Da strömt am Stuhl von heil'ger Stelle
362
Des neuen Paradieses Quelle,
363
Wo jeder ewig Labsal trinkt;
364
Gestillt wird jegliches Verlangen,
365
Wenn Er kommt, Der es angefangen,
366
Und Der auch die Vollendung bringt.

367
Das hat der Tempel schon verkündet,
368
Den Salomo einst hat gegründet,
369
Der Weisheit Bau im Bild umfaßt;
370
Zum Himmel hat er sich erweitet,
371
Strahlend auf Erden ausgebreitet
372
Für alle, so die Gnad' erfaßt.

373
So wird die Kirche triumphierend,
374
Im Glanz der Sterne Bau vollführend,
375
Vor Gott in Demut leuchtend stehn.
376
Das ist mein Schmuck und meine Würde,
377
Daß da verklärt, vereinigt würde,
378
Wen je berührt mein Liebesflehn.

379
Wie eine Rose blüht in Freude,
380
Leuchtet umstirnt das Weltgebäude,
381
Die Morgenröt' ist aufgetan;
382
Versöhnt sind des Verlangens Schmerzen,
383
Und Seligkeit dringt mir zum Herzen,
384
Die keine Zunge sagen kann.

385
Noch weint die Braut, und ruft vergebens
386
Nach Ihm, dem vollen Quell des Lebens,
387
Der herrlicher Sich stets enthüllt;
388
Zu Ihm sehnt sich die Seele klagend,
389
Bis Er die Arme um sie schlagend,
390
Sie ganz mit Seiner Wonn' erfüllt.

391
Noch deckt ein trüber Witwenschleier
392
Der künftigen Vollendung Feier,
393
Und Trauer hüllt die Schöpfung ein;
394
Bis einst der Schleier wird gehoben,
395
Muß ewig Klaggesang erhoben
396
Von allem, was da atmet, sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Schlegel
(17721829)

* 10.03.1772 in Hannover, † 11.01.1829 in Dresden

männlich, geb. Q42865417

| Schlaganfall

deutscher Kulturphilosoph, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer

(Aus: Wikidata.org)

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